Hintergrund Dauerparty in Moskau

Russische Fans feiern den Sieg ihres Teams in der Moskauer Innenstadt und schwenken dabei die weiß-blau-rote russische Fahne. Die Stimmung ist ausgelassen in der Hauptstadt.
Russische Fans feiern den Sieg ihres Teams in der Moskauer Innenstadt und schwenken dabei die weiß-blau-rote russische Fahne. Die Stimmung ist ausgelassen in der Hauptstadt. © Foto: Alexander Zemlianichenko/dpa
Moskau / Stefan Scholl 29.06.2018

An der Theke der Kneipe „Schirokaja na Schirokuju“ drängt sich eine Menschentraube. „Was, Du bist Deutscher?“, der junge Mexikaner neben mir freut sich sich sehr über meine nachträglichen Gratulationen zum prachtvollen Sieg Mexikos über Deutschland. „Weißt Du“, gesteht er glücklich, „ich habe im Stadion geweint“. Aber da schießt die Schweiz das 2:1 gegen Serbien, ein „Hopp Swiss, Hopp Swiss“-Solo übertönt unseren Smalltalk.

Moskau ist die Hauptstadt dieser WM. Zwei der 12 Stadien stehen hier, nach dem Eröffnungsspiel findet hier auch das Finale statt, Moskau ist mit drei Großflughäfen, neun Bahnhöfen und 1453 Hotels Drehscheibe und Basislager für hunderttausende Fans. Zwar häuft sich zum Ende der Gruppenphase die Zahl sportlicher Trauerfälle, skandieren erleichterte Brasilianer: „Müller ade, Kroos ade, tschüss Neuer!“. Aber Russlands 12-Millionen-Seele und eine geschätzte Million ausländischer WM-Gäste produzieren weiter Begeisterung. Moskau erlebt eine ziemlich unerwartete Sommerliebe, zumindest einen sehr schwerelosen Flirt.

Die Chemie dieser WM ist einfach: Man will schönen Fußball sehen. Und dann will man feiern. Die Ausländer loben die unerwartet billigen Bierpreise ebenso aufrichtig wie die Herzlichkeit der Moskauer.

Die WM kulminiert nachts. Das letzte Spiel des Tages endet gegen 23 Uhr, bunt angemalte Fußballfans drängen dann aus den Kneipen auf die Straße, die Menschenmenge fließt plaudernd die Fußgängerstraße Kusnezki Most hinunter, ein Lava-Strom der guter Laune, der sich an jeder Straßenecke verdichtet.

An der Kreuzung zur Bolschaja Nikitskaja geht es vor lauter Volk nicht mehr weiter, die Lava beginnt sich im Kreis zu drehen. Russen, vor allem Russinnen, und Ausländer verschiedensten Alters, halten sich wie Kinder an den Schultern, tanzen einen kurvenreichen Reigen. Zwei im Licht der Straßenlampen glänzende Sportwagen parken in der Fußgängerzone, aus ihren Hecks dröhnen in Stereo abwechselnd Salsa und russische Schlager. Heute Nacht ist der Zebrastreifen über die Bolschaja Nikitskaja der Mittelpunkt der Welt.

Moskaus Sommermärchen konzentriert sich auf wenige tausend Quadratkilometer zwischen Kreml, Lubjanka und Kusnezki Most. Hier scheinen sich soviel Menschen zu drängen, wie seit Stalins Beerdigung im Februar 1953 nicht mehr. Die Menschenmassen haben auch alle Polizeistreifen verschluckt, ein Aufstand der Ausgelassenheit, der sich seine Brennpunkte so spontan sucht wie eine echte Rebellion.

Und die Moskauer rebellieren mit Wonne. Erst haben arglose Südamerikaner begonnen, auf der Straße zu rauchen und Alkohol zu trinken – in Russland eigentlich Ordnungsvergehen. Aber jetzt schlendern auch die Moskauer mit ihren Bierflaschen in der Hand durch die Stadt, lärmen, singen, schwenken Fahnen. Überall spielen Straßenmusikanten, Balalaika-Spieler oder sogar ganze Blasorchester.

Die Staatsmedien präsentieren Russland als Gastgeber der Weltklasse, zeigen täglich ausländische Fans, die sich überschwänglich für die russische Gastfreundschaft bedanken. „Sicher verbucht der Kreml die fast immer ausverkauften Arenen und die bunten Bilder von der Fußballvölkerfreundschaft als Erfolg“, sagt der Politologe Michail Winogradow, der selbst schon sechs Vorrundenspiele besucht hat. Gleichzeitig aber stehe die zwanglose Laune in starkem Kontrast mit der Atmosphäre der sonst üblichen Straßenveranstaltungen, die der Staat maximal reguliere.

Nach dem Finale am 15. Juli wartet wieder der einfarbige Alltag auf die Moskauer. Viele werden mit Wehmut an die WM zurückdenken. Der Blogger Wladimir Gurijew rief schon auf Facebook dazu auf, 30 Südamerikaner anzuheuern, die täglich unbehelligt vor der Polizei betrunken von einer Bar zu anderen tanzen, um diesen Sommer und seine Freiheiten zu verlängern. „Natürlich kommen wir auch im Sombrero, für alle Fälle.“

Putin beim Anstoß auf dem Roten Platz

Russlands Präsident Wladimir Putin hat die WM einmal mehr als Bühne genutzt. Gemeinsam mit FIFA-Präsident Gianni Infantino führte er gestern bei einem Showmatch auf dem Roten Platz den Anstoß aus. Bei der Partie spielten unter anderem die spanischen Ex-Weltmeister Iker Casillas und Carles Puyol. Lothar Matthäus und Ronaldo standen als Trainer an der Seitenlinie.  dpa

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