Moskau Champions League statt Guerillakrieg

Moskau / STEFAN SCHOLL 14.02.2013
Hannovers heutiger Europa-League-Gegner Anschi Machatschakala ist ein Projekt mit ehrgeizigen Zielen. Eins lautet: Champions League statt Guerillakrieg

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Eigentlich ist Dagestan am kaspischen Meer kein Fussballland. Sport bedeutet in der russischen Republik im Nordkaukasus traditionell Kampfsport: Ringen, Judo, Wrestling. Und den Alltag prägen seit über zehn Jahren ganz andere Kämpfe: der blutige Kleinkrieg zwischen islamistischen Guerilleros und örtlichen Sicherheitsorganen. Aber wenn heute (18 Uhr/Sky) Anschi Machatschkala in Moskau Hannover zum Hinspiel in der Europa-League-Zwischenrunde empfängt, fiebert ganz Dagestan mit.

Im Westen ist der Verein mit dem schwer aussprechbaren Namen bisher nur für sein Geld bekannt: Anschi, genauer sein 6,5 Milliarden Dollar reicher Alleinbesitzer Sulejman Kerimow, zahlt dem Kameruner Star Samuel Etoo nach Angaben russischer Zeitungen 20 Millionen Euro jährlich, das höchste Profigehalt der Welt. Trainer Guus Hidding kassiert angeblich 10 Millionen Euro im Jahr. Längst wird die kaukasische Finanzschleuder bei fast jedem Transfergerücht genannt, ob es nun um Kaka, Wayne Rooney oder gar Ronaldo geht. Aber während die 163 Millionen Euro teure Truppe in Angriff und Mittelfeld glänzend bestückt ist, bemängeln russische Fachleute die Abwehr. "Anschi hat nur einen guten Innenverteidiger", sagt der Fußballjournalist Samwel Abakjan. Das könne angesichts des leichten Restprogramms durchaus ausreichen, um russischer Meister zu werden. "In der Champions League bekäme das Team jedoch Probleme." Und die "Königsklasse" ist Kerimows erklärtes Ziel. Auch in Russland gilt Anschi vielen nur als neuestes Spielzeug des Milliardärs, der zuvor für Affären mit Ballet- und TV-Schönheiten bekannt war. "Es ist absolut unklar, wie lange sein neues Projekt existieren wird", sagt Ex-Nationalspieler Alexander Bubnow. Zumal die Stars in Moskau wohnen und trainieren und nur zu nationalen Heimspielen ins nie ganz sichere Machatschkala einfliegen.

Anschi ist aber keine Retorte Kerimows, der 1991 gegründete Klub spielte schon vor elf Jahren im Uefa-Cup, dümpelte dann sieben Jahre in der zweiten Liga. Der Fanklub "Wilde Division" ist fürs Temperament der Mitglieder bekannt, für die Prügeleien mit oft rassistisch gesonnener Konkurrenz aus Moskau und Petersburg. Kerimow aber steckt nicht nur Geld in Bugattis, die er Altstars wie Roberto Carlos schenkt. Er lässt zudem bei Machatschkala ein neues Stadion bauen, will in Dagestan angeblich sieben Fußballschulen einrichten. Um den heimischen Nachwuchs zu fördern, sponsert er auch den dagestanischen Drittligaklub Sagdidi.

"Für Kerimow ist das auch ein politisches Objekt", sagt Abjakan, "er bemüht sich demonstrativ, die soziale Lage zu verbessern." Der Haushalt besteht zu 75 Prozent aus Moskauer Zuschüssen, Durchschnittsdagestaner verdienen keine 450 Euro im Monat, halb soviel wie im Landesmittel. Und Kerimow weiß, dass der Kreml Sport für sehr geeignet hält, um die nationale Stimmung zu heben. "Sie können sich gar nicht vorstellen, wie stolz die Dagestaner auf Anschi sind", sagt der russische Fußballfunktionär Ansor Kawasawschili. "Nun werden die Leute nicht mehr in die Berge gehen, um zu schießen, sondern ins Stadion." Spitzenfußball statt Guerillascharmützeln - klingt gut.