Die Zahl der vermeintlichen Bundestrainer nimmt gewaltig zu, wenn die Partien der deutschen Mannschaft angepfiffen werden. Wer muss in die erste Elf? Welche Taktik ist die beste? Und wie sieht die Strategie aus, die der Eliteauswahl den Sieg garantiert? Je näher die Weltmeisterschaft rückt, desto mehr Fußballanhänger glauben besser als Joachim Löw zu wissen, wie der Ball zu laufen hat. In der Realität zählt nur das nackte Ergebnis. Das mehr oder weniger souverän herausgespielte 4:1 in Aserbaidschan im Rahmen der WM-Qualifikation hat eindrucksvoll bewiesen, dass Löw nach wie vor mit seinem Gespür für überraschende Pointen punkten kann.

Mit neuem Selbstvertrauen

André Schürrle hatte vor dem Gastspiel in Baku nur die wenigsten auf dem Zettel. Der Angreifer schien seit Monaten zu stagnieren, bei seinem Klub Borussia Dortmund saß er zuletzt regelmäßig auf der Ersatzbank. Doch Löw brachte ihn von Beginn an.

Ähnlich verhielt es sich bei Thomas Müller, den monatelang vom Schusspech verfolgten Torjäger, der in dem mit hochkarätig besetztem Kader des FC Bayern seine Sonderrolle einbüßte und einige Spitzenspiele vom Spielfeld­rand verfolgen musste. In Löws Auswahl blieb er gesetzt.

Oder Joshua Kimmich. Auch der Senkrechtstarter der vergangenen Saison, der noch bei der Europameisterschaft die Fußballanhänger begeistert hatte, kam bei den Bayern zuletzt nur noch selten zum Einsatz. In der Nationalelf entwickelt sich der aus Rottweil stammende  Nachwuchsspieler kurioserweise zum Dauerbrenner. Als einziger Akteur bestritt er die vergangenen zwölf Länderspiele von der ersten bis zur letzten Minute.

Der Bundestrainer gab den drei Spielern das Vertrauen und die Einsatzzeit, auf die sie im Klub vergeblich gewartet hatten. Er folgte damit einem bewährten Muster. „Wir haben es in der Vergangenheit schon praktiziert“, sagte Löw. „Ich weiß, welche Fähigkeiten manche Spieler haben, und wenn ich von der Fähigkeit dieser Spieler überzeugt bin, dann bin ich bereit, sie mal durch eine Situation zu führen, in der sie im Verein nicht so zum Zug kommen.“ Er meinte etwa Lukas Podolski und Mario Götze, zwei außergewöhnliche Kicker, die im Verlauf der Karriere in ihren Klubs häufig von Problemen geplagt wurden, in der Nationalmannschaft jedoch allen Kritikern zum Trotz stets als feste Größen galten und schließlich auch  an dem Triumph bei der WM 2014 ihren Anteil hatten.

Löw folgte auch in Baku einem klaren Plan, den er in aller Konsequenz umsetzte. Er wählte eine außergewöhnlich offensive Strategie, die es auch und gerade den Akteuren mit wenig Spielpraxis möglich machte, sich perfekt in Szene zu setzen. Die Rechnung ging auf. Besonders Schürrle schien vor Tatendrang zu sprühen. Der Dortmunder war an fast jedem gefährlichen Angriff der Deutschen beteiligt, er schoss das frühe Führungstor und den späten Treffer zum Endstand, dazu legte er mit einem brillanten Zuspiel das Tor von Müller auf. „Das tut extrem gut“, sagte Schürrle, der damit auch das Vertrauen des Trainers honorieren mochte. Der Angreifer hatte selbstverständlich vernommen, dass ihn Löw bereits am Tag vor dem Spiel in Baku, als noch keiner mit seinem Einsatz rechnen konnte, in den höchsten Tönen gelobt und von seiner Dynamik, Effizienz und Fitness geschwärmt hatte.

Lahms Nachfolger

Im Fall Kimmichs legt der Bundestrainer sogar nach. „Es wäre schön, wenn Bayern auf dieser Position in der Zukunft mit ihm planen würde“, sagte der Bundestrainer vor der Abreise aus Aserbaidschan. In München soll der Schwabe, genau wie in der DFB-Auswahl, den Weltmeister Philipp Lahm auf der Position des rechten Außenverteidigers ersetzen, der in diesem Sommer seine Karriere beenden wird.  „Es war für mich wichtig, mal wieder zwei Spiele über 90 Minuten zu machen“, sagte Kimmich. „Das bringt einen jungen Spieler deutlich weiter.“ Im Kreis der Nationalelf scheint er, genau wie Müller und Schürrle, unverzichtbar.

Bundestrainer warnt vor Überbelastung


Joachim Löw hat nach dem Länderspiel in Baku vor einer erneuten Erweiterung des Fußballkalenders mit noch mehr Spielen gewarnt. „Man sollte das Rad nicht überdrehen und es nicht ausreizen. Das geht auf Dauer nicht. Man muss aufpassen und gucken, dass man nicht völlig überzieht“, sagte der Bundestrainer. Damit sprang er DFB-Manager Oliver Bierhoff zur Seite, der die seit Jahren schwelende Debatte um die Belastung der Profis und ein mögliches Abwenden der Fans in der Frankfurter Allgemeinen angeheizt hatte. sid