Vorläufiger Saisontiefpunkt Bayern-Frust statt Wiesn-Lust: Hoeneß steht zu Coach Kovac

Bayern-Trainer Niko Kovac bei der Ankunft auf dem Oktoberfest. Foto: Matthias Balk
Bayern-Trainer Niko Kovac bei der Ankunft auf dem Oktoberfest. Foto: Matthias Balk © Foto: Matthias Balk
München / Von Christian Kunz und Klaus Bergmann, dpa 07.10.2018

Beim Zuprosten mit Karl-Heinz Rummenigge huschte Niko Kovac nur kurz ein Lächeln über das Gesicht. Der Trainer konnte seinen Frust beim traditionellen Oktoberfestbesuch des FC Bayern kein bisschen verbergen.

Auch den Stars fiel es auf der Krisen-Wiesn schwer, in Tracht und mit dem Maßkrug in den Händen freundlich in die Kameras zu schauen. Das demütigende 0:3 (0:2) gegen Borussia Mönchengladbach und der Sturz aus den Champions-League-Rängen hatten schon vor dem ersten Prosit für einen kräftigen Kater gesorgt. Immerhin durfte sich Kovac über ein klares Bekenntnis von Präsident Uli Hoeneß freuen.

„Ich kenne die Mechanismen im Fußball und in der Bundesliga. Ich weiß, dass die Zeit bei Bayern München anders läuft“, sagte Kovac und schätzte seine persönliche Lage nach dem vorläufigen Saisontiefpunkt realistisch ein. Fast auf den Tag genau ein Jahr nach der Entlassung von Carlo Ancelotti muss der Kroate um seinen Job beim deutschen Fußball-Rekordchampion kämpfen - und das bereits kurz vor Ablauf der 100-Tage-Schonfrist.

Als sich Kovac alleine für das Wiesnfoto vor einem Promizelt bereit machte, stellte sich Sportdirektor Hasan Salihamidzic demonstrativ neben den 46-Jährigen und nahm ihn kumpelhaft in den Arm. Hoeneß bezog später öffentlich Position für den Trainer. „Wie eine Eins“ stehe er für Kovac ein, sagte Hoeneß der „Süddeutschen Zeitung“, „egal was in den nächsten Wochen passieren wird“. Auf dem Weg ins Festzelt hatte er wie Rummenigge noch zu Krise und Kovac geschwiegen.

„Ich habe ja die Zustimmung bei den ersten sieben Spielen gehabt, jetzt nach den vier Spielen gehe ich auch davon aus“, sagte Kovac zum Start in eine für ihn ungemütliche Länderspielpause. Es folgte ein entscheidender Zusatz: „Aber ich bin nicht derjenige, der letzten Endes diese Frage beantworten kann.“

Eine solche Negativbilanz wie die jüngste von Kovac wies zuletzt Louis van Gaal vor acht Jahren auf. Damals waren die Münchner sogar nur Zwölfter nach sieben Spieltagen und sagten kurzerhand sogar ihren Oktoberfestbesuch ab. Van Gaal kämpfte sich zunächst aus der Krise, wurde aber ein halbes Jahr später doch entlassen.

„Es gibt sicher auch schönere Tage, um auf die Wiesn zu gehen. Wir wissen, wie die Situation ist, wir haben den Ernst der Lage erkannt“, sagte Kapitän Manuel Neuer beim Oktoberfestbesuch. Hier und da wurde dann doch in Anwesenheit von Frauen und Familien bei allerhand Brotzeitleckereien gelacht. Vier Pflichtspiele ohne Sieg, dazu zwei Liga-Pleiten nacheinander ohne eigenes Tor drückten aber die Stimmung. „Wir haben uns die Wiesn ein bisschen anders vorgestellt. Aber ganz schlecht ist es nicht, ein bisschen Ablenkung“, sagte Niklas Süle. Die Bayern bleiben in Bedrängnis - und auch Trainer Kovac nach gerade einmal elf Pflichtspielen.

„Das bedeutet nicht nur für den Trainer, sondern für den ganzen Verein nichts Gutes“, sagte Neuer. „Es ist eine Mischung aus Fehlern, Unvermögen und einem gewissen Antilauf“, analysierte Thomas Müller. Nur dreimal verloren die Münchner ein Liga-Heimspiel höher!

Spielwitz, Selbstverständlichkeit, Sicherheit - praktisch alles ist dem aktuell enorm tempoarmen Starensemble in wenigen Tagen abhanden gekommen. „Wir sind in einen Strudel gekommen, den wir uns nicht ausgemalt haben“, haderte Süle, der vor dem 0:1 von Alassane Plea patzte. Lars Stindl nach grobem Schnitzer von Thiago und Patrick Herrmann machten das Glück der effizienten Gladbacher perfekt.

Seit Tagen rumort es in München. Daran hatte Hoeneß mit seinen provokanten Aussagen unter der Woche zur Rotation und Kovac' Verantwortlichkeit maßgeblichen Anteil. Dazu machten Gerüchte über Missstimmungen in der Kabine die Runde. „Wir stehen zum Trainer und haben auch in den ersten sieben Spielen zum Trainer gestanden, als der Trainer und wir auch hochgejubelt wurden“, sagte Süle.

Joshua Kimmich betonte, dass er einen „guten“ und „positiven“ Kovac erlebe. „Er versucht, uns immer wieder zu pushen. Erstaunlich wie selbstbewusst er trotzdem bleibt“, sagte der Nationalspieler, wies aber auf die branchenüblichen Gesetze hin. „Jeder Trainer in der Bundesliga und jeder Trainer in der Welt wird am Ende genauso wie wir Spieler an Erfolg und Misserfolg gemessen. So ist das auch beim FC Bayern München. Da sind wir keine Ausnahme.“

Kimmich ist nach der Verletzung von David Alaba (kleiner Muskelfaserriss im Oberschenkel) der einzige verbliebene Außenverteidiger. Zu allem Übel fällt Kovac nun schon der vierte Spieler weg, wenngleich wohl nicht lange. Der von den Bossen als zu groß empfundene Kader bietet derzeit nicht viele Optionen.

Nach sechs Meistertiteln am Stück herrscht Ratlosigkeit. Die Protagonisten setzen auf die Länderspielpause, harte Arbeit und mehr Spielglück in nun vier (!) Auswärtsspielen am Stück. „Immer Pech ist auch kein Zufall“, stellte Kimmich aber nüchtern fest. Neben Fehlern in der Defensive ist der Mangel an erspielten Torchancen eklatant.

Die von Rekordnationalspieler Lothar Matthäus unterstellte Arbeitsverweigerung konnte man den Bayern-Stars nicht nachsagen. Aber selbst Salihamidzic monierte Mängel bei der „Körpersprache“. „Wir kommen da auf jeden Fall als Mannschaft wieder raus“, versprach Süle. Als Mannschaft - und erstmal auch mit diesem Trainer.

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