Aus Bolls Schatten

SID 02.08.2012

Nicht einmal mit heruntergelassener Hose verlor Dimitrij Ovtcharov die Nerven. Als die neue deutsche Tischtennis-Medaillenhoffnung gerade den Journalisten Rede und Antwort stand, zog ihm sein Kumpel Michael Maze im Vorbeigehen die Hose runter. "Dima" schaute kurz nach dem Übeltäter, grinste, zog seine Hose wieder hoch, und redete nach einer Gelächterpause völlig gelassen weiter.

Nach seinem nervenstarken Auftritt im Sieben-Satz-Krimi gegen den dänischen Ex-Europameister Maze greift plötzlich der 23-jährige Ovtcharov nach dem Edelmetall, das doch eigentlich für seinen Kumpel Timo Boll reserviert war. Das Juwel im Schatten des Rekordeuropameisters funkelte im ungewohnten Rampenlicht. "Ich bin überglücklich, dass ich es geschafft habe. Ich weiß, dass der Fokus nach Timos Aus auf mich gerichtet war", sagte Ovtcharov: "Ich bin der letzte Europäer im Turnier, das macht mich sehr stolz."

Von der Öffentlichkeit fast unbemerkt hat sich Ovtcharov, der als Vierjähriger mit seinen Eltern aus Kiew nach Hameln zog und in Russland für Champions-League-Sieger Fakel Orenburg spielt, hinter Boll zum zweitbesten Nicht-Asiaten der Welt gemausert. Ende des vergangenen Jahres schaffte Ovtcharov erstmals den Sprung in die Top Ten, liegt derzeit als Zwölfter fünf Plätze hinter dem Star aus Düsseldorf.

Zwei Chancen hat er nun zum größten Erfolg seiner noch jungen Laufbahn: Heute (11 Uhr) kämpft er im Halbfinale gegen Weltmeister Zhang Jike (China) um den Finaleinzug. Bei einer Niederlage gegen den Favoriten bleibt das Match um Bronze.