Nationalmannschaft Affäre zum Özil und Gündogan belastet deutsche Nationalmannschaft

Leverkusen / Roland Zorn 11.06.2018

Bei dem gestenreichen Versuch, aus unüberhörbaren Pfiffen von den Rängen Applaus für einen seiner Nationalspieler zu machen, reichte auch die Autorität des Bundestrainers nicht mehr zu einer atmosphärischen Wende. Es war die 57. Minute des letzten Vorbereitungsspiels der deutschen Nationalmannschaft vor der Weltmeisterschaftsendrunde in Russland gegen Saudi-Arabien, als Joachim Löw Ilkay Gündogan gegen den bis dahin starken Marco Reus ins Spiel brachte. Ein Augenblick, von dem an vieles anders wurde an diesem Abend in der Leverkusener Arena, denn von nun an schien es nicht mehr um eine fröhliche Abschiedsparty für den Fußball-Weltmeister zu gehen, der am Dienstag zu seiner Mission Titelverteidigung aufbricht.

Jetzt schwappte eine kräftige Welle des Missfallens durch das Stadion, die Gündogan und sein seitdem schweigender Nationalmannschaftskollege Mesut Özil vor vier Wochen in London in Gang gesetzt hatten, als sich die beiden Deutschen türkischer Herkunft zu einem Tête-à-Tête mit Recep Tayyip Erdogan, dem autokratischen Präsidenten der Türkei, trafen und dem alles andere als lupenreinem Demokraten Trikots ihrer Premier-League-
Klubs Manchester City und FC Arsenal schenkten.

Gündogan verzierte seine fotografisch dokumentierte Gabe sogar mit der Widmung, „Für meinen Präsidenten, hochachtungsvoll“. Dieses ehrerbietige Übermaß an Höflichkeit gegenüber dem raubeinigen Potentaten Erdogan kam in Deutschland verständlicherweise nicht gut an.

Weil danach Özil nichts über dieses politisch konnotierte Treffen unter Sportsfreunden sagen wollte und Gündogan neben dem Bekenntnis zu den in Deutschland gelebten Werten kein Wort der Kritik an den Verhältnissen in der Türkei einfiel, folgten die Pfiffe des Fußballpublikums gegenüber zwei Stars, die durch ihren Auftritt an der Seite des Wahlkämpfers Erdogan, der seine Macht bei der Präsidentenkür am 24. Juni weiter ausbauen will, ein politisches Statement trafen – gewollt oder ungewollt.

Diese Affäre, die sich in Zeiten einer rasch entflammbaren Öffentlichkeit rasch hochschaukelte, mit einem einzigen kritischen Satz gegenüber der gesellschaftlichen Realität im Land ihrer Väter zu beenden, unterließen Gündogan und Özil bis heute. Inzwischen schleppt die ganze Nationalmannschaft den Ballast eines verunglückten Auftritts zweier Kollegen ohne politisches Feingefühl mit sich herum.

Das wurde beim letztlich freudlosen und mühsamen 2:1-Sieg über die Saudis überdeutlich. Da der Deutsche Fußball-Bund (DFB) seine kommunikativen Möglichkeiten als Brückenbauer eher suboptimal nutzte und in Person von Manager Oliver Bierhoff mit einer Basta-Attitüde („Jetzt reicht’s dann auch“) zunehmend genervt agierte, müssen nun vor allem reife Profis wie Mats Hummels und Mario Gomez und der nach der Partie leicht deprimiert wirkende Bundestrainer die Wogen zu glätten versuchen.

Der Stuttgarter Gomez, längst viel mehr als nur ein wertvoller Torjäger, appellierte in Leverkusen an den Gemeinschaftsgeist, als er hervorhob: „Ab jetzt bitte ich die Leute einfach darum, daran zu denken, dass wir Weltmeister werden wollen. Es sollte nicht versucht werden, das Ding weiter zu spalten, sondern eine Brücke zu bauen, damit man wieder mit ganz anderen Gedanken in die WM gehen kann.“

Dazu wäre ein abschließendes Wort der zumindest zarten Selbstkritik von Gündogan und dem derzeit am Knie lädierten und auch sonst weggetauchten Özil hilfreich. Innenverteidiger Hummels, wie Gomez einer der klugen Köpfe im Team, sagte differenziert wie immer: „Man kann gegen die Aktion der  beiden sein. Das muss man nicht gut finden. Aber wenn man zu einem Spiel der deutschen Nationalmannschaft geht, finde ich etwas  wie die Pfiffe gegen Gündogan nicht glücklich.“ Andererseits wies Hummels beim Blick auf den derzeit noch ausbaufähigen Teamspirit beim Weltmeister darauf hin, „dass wir miteinander reden und in einen Dialog treten müssen“.

Die letzte Einordnung fehlt

Daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, wird dann auch die Aufgabe von Gündogan und Özil sein, die eben noch nicht alles dafür getan haben, einen nachvollziehbaren Punkt hinter den von ihnen angerichteten atmosphärischen Schaden zu setzen. Da Ilkay Gündogan klug genug ist, eine falsche Zeichensetzung zu erkennen, ist es vor allem an ihm, noch eine letzte Bemerkung über ein Treffen zu machen, das im Zeichen der Symbolpolitik nur einem genutzt hat: dem Machtpolitiker Recep Tayyip Erdogan.

Umstrittener Fototermin in London

Um dieses Treffen geht es: Ilkay Gündogan und Mesut Özil trafen sich Mitte Mai in der englischen Hauptstadt mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Die Bilder wurden von der Partei des Despoten veröffentlicht.

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