Unpassende Werbung Deutsche Mannschaft: #ZSMMN untergegangen

Viel Symbolik, wenig Inhalt – der Internet-Auftritt der deutschen Nationalmannschaft zur WM.
Viel Symbolik, wenig Inhalt – der Internet-Auftritt der deutschen Nationalmannschaft zur WM. © Foto: screenshot: swp, Quelle: https://www.zsmmn-dfb.de/de
Frankfurt / Armin Grasmuck 30.06.2018
Die aufgeblasenen und oberflächlichen Werbekampagnen des DFB rund um die WM finden keinen Einklang mit den sportlichen Werten.

Mit etwas Abstand ist immer deutlicher nachzuvollziehen, wie diffus und oberflächlich die Macher der deutschen Nationalmannschaft die von ihnen ausgerufene „Mission Titelverteidigung“ planten, die am Ende knallhart und erbärmlich gescheitert ist. Speziell in den Wochen und Monaten vor der Weltmeisterschaft schien es um alles Mögliche zu gehen – außer um das reine Fußballspiel.

Im Nachklapp wirkt es wie ein besserer Komödienstadl, den Oliver Bierhoff noch zwei Tage vor dem ersten Auftritt der deutschen Mannschaft aufführte. Wir sind besser! Wir sind schlauer! Wir haben es voll drauf! So sollte wohl die Botschaft lauten, die der Teammanger des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in einem offiziellen Medientermin im Mannschaftshotel in Watutinki verbreiten wollte. Mit ihm auf dem Podium saßen Nationalspieler Joshua Kimmich und Stefan Ries, Mitglied im Vorstand des DFB-Sponsors SAP. Zwei Tage vor dem ersten WM-Spiel waren das große Thema also tatsächlich die technischen Innovationen, mit denen der Software-Hersteller der deutschen Mannschaft den entscheidenden Vorteil im Vergleich mit den internationalen Konkurrenten geben könne.

Da wurde geredet von den „unglaublichen Datenmengen“, die es zu entschlüsseln und verwerten gebe, von einem „Video-Cockpit“ und dem „Silicon Valley des Fußballs“, das im Hause des DFB in Frankfurt entstehen soll. „Das System kann die zeitintensive Vorbereitung reduzieren“, so behauptete schließlich ein gewisser Fadi Naoum, der bei SAP passenderweise für den Bereich Sport und Unterhaltung zuständig ist.

Zu langsam, zu träge, zu statisch

Zwei Tage später, als die deutschen Akteure im Auftaktspiel gegen Mexiko ein erschütterndes Spiel zeigten, von dem Außenseiter nach allen Regeln der Kunst auseinander genommen wurden und von Glück reden konnten, dass sie nur 0:1 verloren, schien es in der Tat, als hätten sich Kimmich, Khedira und Kollegen nur unzureichend präpariert. Sie waren dem keineswegs übermächtigen Gegner in allen Bereichen unterlegen, zu langsam, zu träge, zu statisch – und offenbar planlos. Da halfen auch keine Informationen aus der SAP-Datenbank.

„The best never rest“, die Besten machen keine Pause – so lautete der Werbespruch, auf den sich Bierhoff und die Marketing-
Experten des DFB im Vorfeld der WM mit dem Automobilpartner Mercedes eingelassen hatten. Nach der verheerenden Pleite gegen Mexiko, dem glücklichen Erfolg über Schweden (2:1) und der Niederlage mit historischer Tragweite gegen Südkorea (0:2) mussten die Verbandsoberen wie auch die Autobauer aus Untertürkheim nüchtern und peinlich berührt feststellen: Oh weh, der Weltmeister nimmt sich doch seine unerklärlichen Ruhephasen, zweimal über satte 90 Minuten und einmal fast genauso lang. Aus den Besten wurden die Schlechtesten, die jemals bei einer WM das deutsche Trikot trugen.

#ZSMMN – neudeutsch für: zusammen – heißt die Kampagne, die sich der DFB für seine erste Mannschaft ausgedacht hat. Sie sollte die einzigartige Kraft, für die deutschen Auswahlen traditionell stehen, unterstreichen und in dem Duktus der Werbestrategen auch die Anhänger kurz vor der WM noch „mit ins Boot holen“. Passenderweise heißt der neue Hit der Fantastischen Vier, der gerade im Fernsehen und im Radio rauf und runter läuft, ebenfalls „Zusammen“. Unpassenderweise wirkte die deutsche Mannschaft während der WM in Russland wie ein wenig homogener Haufen, dem Grüppchenbildung nachgesagt wurde – von leistungsförderndem Zusammenhalt auch auf dem Fußballplatz keine Spur. Nach dem historischen Totalabsturz titelte die Süddeutsche Zeitung folgerichtig und neudeutsch: #ZSMMNBRCH.

Ohne spielerische Argumente

Die weichgespülten Botschaften abseits des Rasens fanden keinen Einklang mit den sportlichen Werten und Ergebnissen. Sie wirken umso grotesker, weil sie die Ansprüche, die Bundestrainer Joachim Löw seinen Spieler seit Jahren und speziell vor den großen Turnieren stets vermittelte, größtenteils konterkarieren. Volle Konzentration auf die WM. Der Fußball und sonst nichts. Immer schön bescheiden bleiben. So lebte es Löw vor. So verlangte er es von den Profis in seinem Kader. Es ist rätselhaft, warum ausgerechnet auch der sonst so wohlüberlegte und professionell agierende DFB-Coach in den entscheiden Phasen selbst die klare Linie verlor.

Speziell den Fall Erdogan-Özil-
Gündogan, der – wie einige Spieler inzwischen bestätigen – die Mannschaft in der Vorbereitung auf die WM schwer belastete, haben Bierhoff und Löw falsch eingeschätzt. Sie verpassten es, deutliche Zeichen zu setzen. Spätestens als klar wurde, dass dieses Treffen der Nationalspieler mit dem türkischen Präsidenten kein naiver Ausrutscher war, lag es an den DFB-Oberen entsprechend zu reagieren. Löw versuchte sich auf sportliche Argumente zu stützen. Doch Özil und Gündogan enttäuschten in Russland wie die meisten der Kollegen. Es braucht keine Daten aus dem Computer, um das Versagen zu untermauern.

Der Bundestrainer grübelt über seine Zukunft

Joachim Löw leckt in der badischen Heimat seine Wunden. Der Bundestrainer hat sich nach der historischen WM-
Blamage nach Freiburg zurückgezogen und macht sich im beschaulichen Schwarzwald in aller Ruhe Gedanken über seine Zukunft. Während sich Löw im Austausch mit engen Vertrauten befindet, hat der 58-Jährige trotz der krachend gescheiterten Titelmission in Russland Rückendeckung von prominenter Seite erhalten. „Er sollte bleiben, er hat jahrelang tolle Arbeit geleistet, junge Spieler ans Team herangeführt“, sagte Weltmeister Sami Khedira der Bild-Zeitung. Auch der ehemalige Bundestrainer Berti Vogts ist davon überzeugt, dass Löw weiterhin „der Richtige für den Job ist“, wie er in der Rheinischen Post erklärte. Letztlich entscheidet der mit einem Vertrag bis 2022 ausgestattete Löw wohl selbst über seine Zukunft. „Grundsätzlich“, betonte Bayern-Star Thomas Müller, „sind alle von seinem Weg überzeugt.“ sid

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