Russland  „Wir sind das neue Island“

Rakitic verlädt Torhüter Akinfeev.
Rakitic verlädt Torhüter Akinfeev. © Foto: Adrian Dennis/afp
Ziwilsk / Stefan Scholl 09.07.2018

Es gibt nicht viele Orte, wo man in dem Städtchen Ziwilsk, an der Straße von Nischni Nowgorod nach Kasan, Fußball gucken kann. Im Restaurant Wstretscha wird eine Hochzeit gefeiert, auf dem Jahrmarkt am Tichwinsker Frauenkloster gibt es zwar eine Freilichtbühne, aber der Leinwandprojektor dort soll lausig sein. „Außerdem ist da Alkohol verboten“, grinst Sascha, 27, der mit seinen Freunden Anton und Stas auf dem großen Kunstledersofa im Suchi-Pizza-Cafe „Samurai“ sitzt und „Schaumweizen“ trinkt, eine regionale Hefeweizenbiermarke. Sascha ist Berufsfotograf, spielte früher selbst als Torwart und war auf dem Sprung in die Profimannschaft des FC Dynamo Tscheboksary, als ein zweifacher Meniskusriss seine Karriere beendete. Jetzt hat er listig eine 1,5-Liter Plastikflasche mit zusätzlichem Weizenbier unter dem Tisch platziert. Das ist billiger als die Halblitergläser, die hier für umgerechnet 1,10 Euro ausgeschenkt werden.

Saschas Glas ist fast leer, als die Russen nach einigen Minuten zum ersten Mal in den kroatischen Strafraum eindringen. Es kommt nicht einmal eine Halbchance heraus.  Sascha aber schwant Böses: „Unsere fangen zu gut an, das endet oft schlecht.“

Das Spiel ist hektisch, die Russen rennen, die Kroaten haben mehr vom Spiel. Als Spanienlegionär Denis Tscheryschew mit einem Fernschuss den Führungstreffer erzielt, jubelt die Kneipe erst nach mehreren Sekunden ungläubigen Staunens. Die Kroaten gleichen aus, der „Samurai“ leidet, das „Schaumweizen“ fließt in Strömen.

Am Samstag ist Gastgeber Russland im Viertelfinale der Fußball-WM gescheitert. Nach einer Nervenschlacht verlor die Sbornaja im Elfmeterschießen gegen Kroatien. Die russische Öffentlichkeit aber feiert ihre geschlagenen Helden wie Kosmonauten, die vom Mars zurückgekehrt sind. Präsident Putin bedankt sich telefonisch bei Trainer Stanislaw Tschertschessow für das „historische Spiel und den schönen Kampffußball.“ Die Mannschaft tauchte gestern in der Moskauer Fanzone auf und wurde von Tausenden bejubelt. „Wir haben das Land gezwungen, die Sbornaja zu lieben“, freut sich Tschertschessow. Ein Kommentator des staatlichen Sportkanals Match.TV schwärmt: „Endlich einigt unser Land etwas anderes als Krieg.“

Rennen, rempeln, kämpfen

Dabei ist die erste Viertelfinalteilnahme der Russen seit 1970 vor allem das Ergebnis gründlich heruntergeschraubter Erwartungen. Zu Sowjetzeiten spielte die Sbornaja schnelles, technisch feines „Rasenschach“ und gelangte damit 1988 noch ins EM-Finale. Nach dem Ende der Sowjetunion drei Jahre später versuchten die Russen es weiter mit spektakulären Angriffsfußball, bis auf ein glänzendes Intermezzo unter Guus Hiddink bei der EM 2008 immer vergeblich. Bei dieser WM aber rennen sie, rempeln und kämpfen, wenn nötig mauern alle 10 Feldspieler und setzen aufs Elfmeterschießen… Ästhetisch ist das eher Rumpelfussball. Oder, wie ein Fan nach der Abwehrschlacht gegen Spanien twitterte: „Wir sind das neue Island.“

 Aber die Ergebnisse stimmen wieder. Bei dieser WM habe man kein Spiel außer dem bedeutungslosen Kick gegen Uruguay verloren, freut sich Mittelfeldspieler Roman Sobnin. „Die Sbornaja kann mit den Topmannschaften auf einem Niveau mitspielen.“

Am Ende gibt es Elfmeterschießen, Ivan Rakitic schießt Russland aus dem Turnier. Zwei junge Männer aber brüllen so triumphierend in die Schockstille, als wäre die Sbornaja Weltmeister geworden. Sie heißen Pascha und Ljoscha. Es stellt sich heraus, dass sie gewettet haben – auf Kroatien. „Ich habe 40 000 Rubel verloren, weil unsere im Achtelfinale die Spanier besiegt haben. Die habe ich jetzt zurück gewonnen“, strahlt Pascha.  40 000 Rubel, umgerechnet knapp 550 Euro – das sind hier fast zwei Monatsgehälter. Russlands Fans freuen sich, dass sie wieder eine Nationalmannschaft haben, die mitspielen kann. Russlands Zocker auch.

Trainer hält sich bedeckt

Stanislaw Tschertschessow soll auch nach der WM Trainer der russischen Nationalmannschaft bleiben. Dies sagten verschiedene Funktionäre des Fußballverbandes RFS nach dem Viertelfinal-Aus im Elfmeterschießen gegen Kroatien. Der Coach selbst hält sich bedeckt: „Wir können nicht vorhersagen, ob ich bleibe oder nicht. Wir müssen alles genau analysieren.“

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