Fußball „Wir brauchen Leader, keine Wasserträger“

Tomislav Stipic / Dominik Guggemos 10.10.2018

Eine Lehre, die der DFB aus der desaströsen Weltmeisterschaft in Russland gezogen hat, war, dass die Ausbildung von jungen Fußballern wieder besser werden muss. Doch wie soll das konkret aussehen? Das hat der DFB allen Trainern der U-19-Bundesligisten in einer Fortbildung erklärt. Mit dabei war auch Tomislav Stipic, Trainer der U 19 von Eintracht Frankfurt. Im Interview mit der SÜDWEST PRESSE erklärt der 39-Jährige, was der Verband verändern will – und von anderen Ländern lernen kann.

Herr Stipic, Sie haben an einer Trainertagung teilgenommen, in der die WM von Seiten des DFB aufgearbeitet wurde. Diese Erkenntnisse wurden mit den U19-Bundesliga Trainern geteilt. Was hat der DFB Ihnen und Ihren Kollegen vermittelt?

Es ging dabei vor allem um Detailfragen. Und es wurden verschiedene Aspekte angesprochen. Im taktischen Bereich hat man nach der WM ja oft gelesen, dass der Ballbesitzfußball tot sei. Das ist total falsch. Die Analyse hat ergeben, dass die meisten Tore bei der WM aus Ballbesitz heraus entstanden sind. Erst dann kamen Standards und Umschaltmomente.

Was bedeutet das für die Ausbildung?

Junge Spieler brauchen kreative Lösungen im Ballbesitzspiel. Das muss man viel und intensiv trainieren. Warum sind Mbappe und Salah so herausragend? Weil sie im Ballbesitz in höchstem Tempo Lösungen finden. Der Ballbesitzfußball wird nie aussterben, weil es in der Jugendausbildung darauf ankommt, den Spielern diese Lösungen beizubringen.

Ein weiterer Aspekt, der oft diskutiert wurde, ist die Mentalität der Spieler. Wie sieht die DFB-Analyse hinsichtlich der Persönlichkeitsentwicklung aus?

Die Jungs sollen zu mehr Selbstständigkeit erzogen werden. In den Internaten wird für sie gewaschen, gekocht, einfach alles erledigt. Ist das wirklich gut so? Die Spieler müssen mehr Verantwortung übernehmen, nur dann können wir erwarten, dass sie später Leader werden und nicht Wasserträger.

Wie wichtig ist es dabei, Stars in der Mannschaft zu haben?

Die WM hat auch gezeigt, dass es letztlich darauf ankommt, ein gesundes Team um drei bis vier überragende Individualisten aufzubauen. Diese Individualisten müssen aber ausgebildet werden. Der DFB legt auch Wert darauf, mehr über den Tellerrand hinauszuschauen.

Wie sieht das konkret aus?

Der spanische Verband hat intern sowohl den deutschen WM-Titel 2014, als auch den französischen WM-Sieg 2018 prognostiziert. Warum? Weil sie sich intensiv mit den anderen Verbänden und deren Arbeit beschäftigt haben. Sie analysieren deren Struktur, warum sie bei der Ausbildung von welchen Spielertypen erfolgreich sind und was man davon für sich selbst übernehmen kann.

Dafür muss man aber eine Balance finden, schließlich ist jede Fußballkultur anders, oder?

Die Spanier haben ihre eigene Idee von Fußball, sie geben ihre eigene Identität nicht auf. Aber sie schauen über den Tellerrand hinaus. In diese Richtung will der DFB auch gehen. Es sollen mehr U-Nationaltrainer ins Ausland geschickt werden, um dort Input zu bekommen und neue Blickwinkel kennenzulernen.

 Sie kennen sich gut mit dem kroatischen Fußball aus. Deren Nationalmannschaft stand im WM-Finale, trotz des Handicaps, nur knapp über 4 Millionen Einwohner zu haben. Was kann der deutsche Fußball von der kroatischen Jugendausbildung lernen?

Dinamo Zagreb hat eine der besten Jugendabteilungen im Weltfußball. Modric, Mandzukic, Lovren – alle  bei Dinamo ausgebildet. In Kroatien lassen die Trainer die Spieler viel mehr Fußball spielen als das in Deutschland der Fall ist. Die Spieler sind eigenständiger. Sie stecken das Spielfeld im Training selbst ab, bestimmen wie weit die Tore voneinander entfernt sind, verteilen die Leibchen. Die Trainer sind mehr im Hintergrund, nehmen sich zurück. Aus meiner Sicht sollte ein Trainer bei den Spielern Sinn und Verständnis stiften, aber sich nicht zu wichtig nehmen. Das ist aber manchmal der Fall.

 Nach der WM wurde auch viel über den Umgang des DFB mit der Basis diskutiert. Vorwürfe der Arroganz wurden laut. Wie haben Sie den Umgang mit den U-19-Trainern auf der Fortbildung wahrgenommen? Wurde da von oben herab doziert – oder auf Augenhöhe diskutiert?

Das waren zwei tolle, informative Tage. Ein total gesunder Austausch – und definitiv auf Augenhöhe. Es wurden Statistiken und Analysen präsentiert und dann darüber diskutiert.

 Sie haben bei Eintracht Frankfurt auch einige U-Nationalspieler im Kader. Wie ist da die Zusammenarbeit mit dem DFB und den U-Nationalmannschaften?

Das ist ein ganz wichtiges Thema und hier leisten die U-Nationaltrainer gute Arbeit, sind in den Stadien der U-19-Bundesliga sehr präsent. Es herrscht ein guter Austausch, man telefoniert auch häufig miteinander. Am Ende des Tages werden die Spieler ja auch hauptsächlich in den Vereinen ausgebildet, die sind ihre Heimat. Die Nationalmannschaft begleitet sie in ihrer Entwicklung.

Nach vier Jahren zurück im Jugendfußball

Tomislav Stipic begann seine Trainerkarriere 2010 in der Jugend des FC Ingolstadt. 2014 wechselte er zu Erzgebirge Aue in die Zweite Liga. Nach dem Abstieg mit Aue (es fehlten fünf Tore in der Tordifferenz, um auf den Relegationsplatz zu kommen) übernahm er 2015 die Stuttgarter Kickers in der Dritten Liga – und war an einem denkwürdigen letzten Spieltag beteiligt, als die Kickers wegen eines späten Gegentreffers und zwei ebenso späten Toren von Wehen Wiesbaden im Parallelspiel bei gleicher Tordifferenz wegen der weniger erzielten Treffer abstieg. Seit Saisonbeginn trainiert er die U 19 von Eintracht Frankfurt.

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