Meisterschale und DFB-Pokal. Wer die Geschäftstelle des VfB Stuttgart betritt, blickt auf Trophäen, die an erfolgreiche Tage erinnern. Die ruhmreichen Zeiten sind lange vorbei, der Traditionsklub ist erneut abgestiegen. Und Sportvorstand Thomas Hitzlsperger hat derzeit alle Hände voll zu tun. Die Vorbereitung auf die Zweite Liga läuft. Für ein Interview nimmt sich der 37-Jährige aber gerne Zeit, wie er betont. „Kommen Sie doch herein“, sagt Hitzlsperger und bittet seine Gesprächspartner in einen gut gekühlten Besprechungsraum. Polo-Shirt, Stoffhose, Sneaker – der frühere Nationalspieler trägt Schwarz. Was aber keine Rückschlüsse auf seine Stimmung zulässt. Die Lage beim VfB? Ist ernst, nicht düster, findet Hitzlsperger und macht klar: Er hat Lust auf die Herausforderung Wiederaufstieg.

Vermissen Sie eigentlich Ihren Job als Fußball-Experte im Fernsehen?

Meine Zeit beim Fernsehen hat mir große Freude bereitet. Die meisten Zuschauer fanden es offenbar auch gut. Nun habe ich aber eine neue Aufgabe, die herausfordernder nicht sein könnte.

Sie konnten das tun, was Journalisten eben so tun: Immer alles besser wissen, aber es nicht besser machen müssen…

(lächelt) Stimmt. Ich konnte andere bewerten. Jetzt läuft es genau anders herum. Nun werde ich öffentlich und medial bewertet.

Wie kommen Sie damit klar?

Es ist unmöglich, allen und allem gerecht zu werden. Ich habe aber gelernt, mit der Kritik umzugehen in 13 Jahren aktivem Profifußball.

Haben Sie Ihre Entscheidung, Sportvorstand beim VfB zu werden, etwa schon bereut?

Nein, gar nicht. Es ist eine große Aufgabe. Nur so entwickle ich mich weiter.

Gerade mal vier Wochen sind seit der Relegation gegen Union Berlin und dem schmerzhaften Abstieg des VfB in die Zweite Liga vergangen. Wie tief sitzt der Schock noch?

Wir tun alles dafür, dass er nicht nachwirkt.

Geht das?

Es hilft uns nichts, wenn wir mit der Vergangenheit hadern. Wir standen in der Bundesliga lange auf dem Relegationsplatz. Wir waren also darauf vorbereitet, dass es so kommen könnte. Dennoch möchte ich nicht unterschlagen, dass ich seit Februar auch schwierige Momente zu meistern hatte.

Den VfB-Fans steckt der Abstieg noch schwer in den Knochen…

Verständlich. Ich möchte gute Arbeit abliefern, damit die VfB-Fans bald wieder auf bessere Gedanken kommen und sich über die Mannschaft freuen können.

Das heißt?

Den Kader verändern, hart arbeiten und das umsetzen, wovon wir seit Wochen und Monaten sprechen.

Ohne Keeper Ron-Robert Zieler. Er ist zurückgegangen zu Hannover 96. Vereinsikonen wie Christian Gentner und Andreas Beck müssen gehen. Auch Routinier Dennis Aogo erhält keinen neuen Vertrag mehr.

Das waren schwierige Entscheidungen für uns, aber wir, Sven und ich, handeln nach unseren Überzeugungen.

Mit den Entscheidungen, Gentner und Beck gehen zu lassen, haben Sie sich nicht nur Freunde gemacht.

Uns stellte sich die Frage: Wie geht man mit den Spielern um, die teilweise sogar Vereinslegenden sind, bei denen wir aber zur Erkenntnis gekommen sind, dass wir sportlich nicht mehr mit ihnen planen? Das mussten wir ihnen mitteilen. So etwas ist verdammt schwierig. Klar war aber auch, dass wir sie nach Karriereende an uns binden wollen. Das haben wir ihnen ebenfalls mitgeteilt.

Der freundliche Herr Hitzlsperger ist also gar nicht immer so freundlich?

Wäre ich im Fernsehen geblieben, wäre mein Alltag vermutlich einfacher. Ich muss meine Freundlichkeit aber nicht aufgeben, um Entscheidungen zu treffen. Klar ist auch, dass ich nicht alle zufriedenstellen kann.

Fühlen Sie sich unterschätzt?

Ich kann harte Entscheidungen treffen und trotzdem verbindlich und besonnen sein. Wenn ich allen Konflikten aus dem Weg gehen würde, hätte ich ein viel größeres Problem.

Was ist mit Mario Gomez – ist auch er ein Auslaufmodell?

Mario will nochmals zeigen, dass er eine tragende Rolle für den VfB spielen kann. Ich traue es ihm zu.

Er bleibt beim VfB?

Mario will mithelfen, dass wir aufsteigen. Seine Motivation ist groß.

Sie sprechen von Erneuerung. Das betrifft auch den Kader. Worauf achten Sie bei Neuverpflichtungen?

Wir schauen uns den Werdegang der Spieler an: Viele unserer Neuzugänge sind einen schwierigen Weg gegangen, haben Widerstände überwinden müssen. Wie Mateo Klimowicz. Der hat in der zweiten argentinischen Liga gespielt. Da geht es richtig zur Sache. Oder Philipp Klement. Der hätte mit Paderborn erste Liga spielen können, hat aber bei uns unterschrieben, obwohl wir gerade abgestiegen waren.

Es geht um ein klares Bekenntnis zum VfB?

Absolut. Wir wollen Spieler, die hier wirklich sein wollen.

War das zuletzt etwa nicht der Fall?

Es gibt Spieler, die sehen sich nicht als Zweitliga-Spieler und sagen, sie würden gerne woanders spielen.

Und was sagen Sie dazu?

Die Aussage kommt meistens von den Beratern. Wir verweisen darauf, dass der Spieler seinen Teil dazu beigetragen hat.

Bei den Fans haben Sie einen Bonus.
Der VfB gehörte in der Abstiegssaison zu
den Spitzenklubs in Europa, was das
Zuschauer-Interesse betrifft. Das ist doch irre.

Das ist ein großes Pfund bei den Spielern, die zu uns kommen wollen. Dass es hier eine super Unterstützung gibt, dass sie in einem tollen Stadion spielen können.

Ihr Konkurrent HSV setzt auf Dieter Hecking als Trainer, einen alten Fahrensmann. Sie setzen auf Tim Walter aus Kiel, der erst ein Jahr Erfahrung im Profibereich hat. Ganz schön gewagt.

Wir wollen mutig sein. Tim Walter verkörpert genau das, was wir sehen wollen.

Das wäre?

Er steht für einen aktiven, mutigen und offensiven Fußball. Tim Walter lässt so spielen, wie er spricht.

Forsch und sehr selbstbewusst.

Ich weiß, dass das manche kritisch sehen. Aber wir wollen diesen Ehrgeiz.

Jung und wild – ein Leitbild für den VfB?

Das steht dem VfB gut zu Gesicht. Wir wollen eine klare Linie. Jeder soll wissen, was für einen Fußball der VfB spielt, wie die Spieler für dieses System sein müssen.

Und was, wenn Tim Walter irgendwann mal nicht mehr in Stuttgart sein sollte?

Jetzt ist er erstmal hier, und wenn es nach mir geht, sehr lange. Ein anderer Trainer müsste ebenfalls diese Kriterien erfüllen. Er muss offensiv denken und unsere jungen Spieler besser machen können. Wir wollen den Nachwuchs wieder stärken.

Das wollen alle Klubs.

Ja, aber hier gibt es eine große Tradition. Wir wollen Spieler ausbilden und für die Profimannschaft des VfB vorbereiten. Die Titel im Nachwuchsbereich stehen dabei nicht an erster Stelle.

Sondern?

Ausbildung und langfristiges Denken. Es geht um die Frage: Haben wir eine Vorstellung davon, wie wir einen 14- oder 15-Jährigen begleiten und mit 18 oder 19 in die Profimannschaft bringen?

Sie sind auf einem Bauernhof mit sechs Geschwistern groß geworden, mit 18 dann nach England gegangen, mussten sich dort durchbeißen. Ist das eine Erfahrung, die junge Spieler heute auch brauchen?

Mir hat es nicht geschadet. Das ist aber nicht der einzige Weg, Profi zu werden. Die jungen Spieler von heute wollen mitgenommen und motiviert werden.

Was ist mit der Vermittlung von Werten? Sie stehen wie wenig andere im Sport für Werte wie Toleranz und Respekt ein.

Das ist mir sehr wichtig. Ich gehe mit gutem Beispiel voran, so oft ich kann.

Und die anderen?

Auch die Kultur eines Fußballklubs gibt in erster Linie die Führung vor. Natürlich wollen wir junge Spieler auch menschlich entwickeln. Es gibt aber auch Grenzen. Manche Spieler kann man nicht verbiegen und ihnen sagen: Jetzt fang mal an, Bücher zu lesen und zu studieren.

Stichwort Führung. Am 14. Juli ist Mitgliederversammlung. Es soll Kräfte geben, die eine Abwahl von Präsident Wolfgang Dietrich auf die Tagesordnung bringen wollen.

Das ist richtig.

Was würde ein Rückzug Wolfgang Dietrichs für den Verein bedeuten?

Es gäbe mehr Unruhe und Unsicherheit.

Wolfgang Dietrich sah den Verein nach dem Wiederaufstieg 2017 in wenigen Jahren wieder im Europapokal mitmischen.

Das war der mittelfristige Plan. Im ersten Jahr nach dem Wiederaufstieg waren wir Siebter. Durch den Abstieg fangen wir wieder von vorne an.

In Liga Zwei reicht ein siebter Platz nicht...

Nein. Wir können nicht sagen: Wir wollen einfach mal mitspielen und Spaß haben. Unser Ziel ist der Aufstieg.

Die Konkurrenz ist mit Nürnberg, Hannover und dem HSV groß.

Es wird brutal schwer. Das erhöht die Spannung und den Druck auf uns, aber auch auf diese Klubs.

Bei aller Kritik, der Sie sich stellen müssen. Kommt denn bei Ihnen auch Zuspruch an?

Ja. Ich habe schon vernommen, dass bei aller Kritik auch viel Zuspruch vonseiten der VfB-Fans kommt. Das freut mich brutal.

Als der VfB vor zwei Jahren den Wiederaufstieg geschafft hat, war die Euphorie riesig. Lässt sich das wiederholen?

Das liegt in erster Linie an der Mannschaft. Mit guten Ergebnissen und einer mitreißenden Spielweise möchte ich nichts ausschließen.

Angenommen der VfB steigt wieder auf. Wo steht der Klub in drei Jahren?

Wir wollen dann ein guter Bundesligist sein und Beständigkeit herstellen, kontinuierlich Nachwuchsspieler an den Profibereich heranführen. Das ist unser großer Wunsch. Und persönlich, dass ich dann noch beim VfB bin. Ich habe ja noch nicht einmal mein Büro richtig eingeräumt.

Das könnte dich auch interessieren:

Fußball-Profi und TV-Experte


Als jüngstes von sieben Kindern wuchs Thomas Hitzlsperger auf einem Bauernhof nahe München auf. Er kickte in der Jugend beim FC Bayern, wechselte mit 18 nach England zu Aston Villa, 2005 zum VfB Stuttgart, mit dem er zwei Jahre später Deutscher Meister wurde. Der heute 37-Jährige absolvierte 52 Länderspiele. Seit Februar 2019 ist er Sportvorstand beim VfB Stuttgart. Zuvor war er als TV-Experte bei der ARD tätig. Anfang 2014, kurz nach seinem Karriereende, hatte Hitzlsperger sein Coming-Out. Er war der erste prominente Fußball-Profi, der offenbarte, homosexuell zu sein.