Heidenheim Holger Sanwald: „Ich habe keine schlaflosen Nächte“

Holger Sanwald ist überzeugt: „Wenn wir dieses schwierige Jahr in der 2. Liga überstehen, dann werden wir gestärkt daraus hervorgehen.“
Holger Sanwald ist überzeugt: „Wenn wir dieses schwierige Jahr in der 2. Liga überstehen, dann werden wir gestärkt daraus hervorgehen.“ © Foto: Sabrina Balzer
Heidenheim / Thomas Grüninger 12.04.2018
Holger Sanwald, Vorstandsvorsitzender des abstiegsbedrohten Fußball-Zweitligisten 1. FC Heidenheim, bleibt trotz der momentan kritischen Situation positiv, ist aber realistisch genug, um sich auch mit dem Fall des Abstiegs zu beschäftigen.

Holger Sanwald ist unbestritten einer Väter des Heidenheimer Fußball-Wunders. Der 50-jährige Vorstandsvorsitzende hat den Weg seines Klubs von der Landesliga bis in die zweithöchste nationale Profiliga mit enormem Engagement und viel Herzblut maßgeblich vorangetrieben und erlebt nach vielen Jahren der permanenten Weiterentwicklung nun die kritische Phase des Abstiegskampfes.

Holger Sanwald, ist das augenblickliche die schwierigste Zeit, seit Sie beim FCH in verantwortlicher Position arbeiten?

Ja, das ist so. Wir hatten in den letzten fast 15 Jahren durch die Bank nur Erfolgsjahre, sind seit dem Oberliga-Aufstieg 2004 noch drei weitere Male aufgestiegen und standen noch nie auf einem direkten Abstiegsplatz. Zuletzt abstiegsgefährdet waren wir zu Verbandsliga-Zeiten, aber das war natürlich damals eine viel geringere öffentliche Wahrnehmung. Wenn man fünf Spieltage vor Saisonschluss auf dem Relegationsplatz steht – das ist schon eine große Herausforderung, keine Frage.

Wie gehen Sie denn selbst mit der Situation um?

Ich bleibe optimistisch, schaue auf das Positive, zum Beispiel darauf, dass wir den Klassenerhalt nach wie vor aus eigener Kraft schaffen können, zumindest über die Relegation. Wir sind in keinem Spiel bisher eingebrochen, wir haben die letzten vier Spiele verloren, aber alle lediglich mit einem Tor Unterschied. Wir sind immer dran gewesen.

Ein Sieg am Sonntag gegen Fortuna Düsseldorf würde uns sehr helfen, und die Mannschaft braucht im Moment dringend ein Erfolgserlebnis. Aber wenn wir gewinnen, werden wir nicht den Fehler machen, uns schon am Ziel zu wähnen – genauso wenig wären wir schon abgestiegen, sollten wir verlieren. Wenn wir alle, mit positiver Unterstützung unseres gesamten Umfelds, zusammenhalten, haben wir gute Chancen, es zu schaffen. Ich glaube daran und habe keine schlaflosen Nächte.

Sind Sie in dieser Phase noch näher dran an Mannschaft und Trainer?

Ja. Ich führe viele Gespräche mit Spielern und dem Trainer. Es geht darum, Ruhe und Zuversicht zu bewahren, an die guten Dinge anzuknüpfen, wie etwa die starke zweite Halbzeit in Nürnberg. Aber wir gehen auch weiterhin ehrlich und kritisch miteinander um. In der Viertelstunde vor der Pause haben wir uns in Nürnberg wie ein Absteiger präsentiert. Ich sage das ganz offen: So kann man in der 2. Liga nicht bestehen. Es gab in vielen anderen Spielen auch solche Viertelstunden, in denen die Ordnung verloren ging und wir uns konfus präsentiert haben. Das müssen wir dringend abstellen.

Müssen Sie auch Trainer Frank Schmidt in dieser Phase besonders den Rücken stärken?

Jeder Trainer braucht Rückendeckung, auch Frank. Wir reden intensiv miteinander, gehen ehrlich miteinander um  . . .

. . . und es gibt nach wie vor keine Zweifel an seiner Arbeit?

Überhaupt keine. Der schlimmste Fall wäre: Wir steigen in die 3. Liga ab. Dann wäre es das Ziel, mit Frank Schmidt eine schlagkräfte Mannschaft zusammenzustellen, die das Zeug hat, gleich wieder aufzusteigen.

Würde Frank Schmidt im Falle eines Abstiegs bleiben?

Wir haben darüber noch nicht gesprochen. Was jetzt im Mittelpunkt steht, ist der Kampf um den Klassenerhalt. Wenn wir dieses schwierige Jahr in der 2. Liga überstehen, dann werden wir gestärkt daraus hervorgehen.

Wie würde die Mannschaft für die kommende Saison aussehen, sollte es nicht klappen?

Die meisten Spieler haben Verträge für die 2. und für die 3. Liga. Aber es wäre klar, dass wir die Mannschaft in der jetzigen Form nicht halten könnten. Die finanziellen Einschnitte wären zu groß. Wir haben aktuell einen Etat von 22 Millionen Euro, in der 3. Liga wären wir im positivsten Fall bei 10 bis 12 Millionen. Allein die Fernsehgelder gingen um ein Vielfaches zurück. Jetzt sind es über 8 Millionen, in der 3. Liga ginge es runter auf etwa 1,5 Millionen Euro Fernsehgeld. Da käme eine immense Herausforderung auf uns zu. Es wäre uns allen viel lieber, wir würden die Klasse halten. Und wir werden alles für dieses Ziel tun – bis der Schiedsrichter das letzte Spiel abpfeift.

Was war aus Ihrer Sicht das größte Problem in dieser Saison?

Unsere permanenten Verletzungsprobleme in der Defensive. Das hat sich wie ein roter Faden durch die Spielzeit gezogen. Es gab praktisch keinen Abwehrspieler, der nicht irgendwann ausfiel, kaum eine Woche, in der Frank Schmidt nicht wechseln musste. Das war eine Misere, die ihresgleichen sucht und die wie eine Abwärtsspirale wirkte: ständiger Wechsel, fehlende Abstimmung, fehlender Rhythmus, Verunsicherung, Fehler, mangelndes Selbstvertrauen. Das wird jetzt unsere Aufgabe sein für die letzten fünf Spiele: Die Defensive wieder stabil zu machen. Daran hängt enorm viel. Gelingt es, haben wir gute Chancen, die Klasse zu halten.

Was haben Sie für einen Eindruck von der Mannschaft?

Ich spüre das ehrlich: Alle wollen es schaffen, investieren alles mit ganzer Kraft in dieses Ziel. Es wäre schön, wenn wir es gemeinsam hinkriegen, dass das, was wir 20 Jahre lang aufgebaut haben, weiter in der 2. Liga Bestand hat.