1.FC Heidenheim Leverkusen-Sieg bringt FCH 1,3 Millionen Euro ein

Heidenheim / Thomas Grüninger 08.02.2019
Im 2:1-Sieg gegen Bayer Leverkusen sieht Holger Sanwald eine Bestätigung für den bisherigen Weg. Nach dem Einzug ins Viertelfinale dürfen sich die Heidenheimer über weitere 1,3 Millionen Euro aus dem Fernsehtopf freuen.

Mit dem 2:1-Sieg im DFB-Pokal am Dienstagabend gegen den Bundesliga-Sechsten Bayer Leverkusen hat der 1. FC Heidenheim für einen „ganz großen Moment“ in der bisherigen Vereinsgeschichte gesorgt. Davon ist Vorstandsvorsitzender Holger Sanwald überzeugt.

Der Husarenstreich markiert den vorläufigen Höhepunkt einer konstanten Entwicklung. Von den letzten 15 Pflichtspielen verlor der FCH nur eines. Davon wagte niemand zu träumen, als die Heidenheimer nach der Sicherung des Klassenerhalts erst am letzten Spieltag der vergangenen Saison gleich drei erfahrene Spieler (Verhoek, Kraus, Titsch-Rivero) abgaben und überwiegend Spieler aus der Regionalliga holten. Aus Sanwalds Sicht ist dieser Weg alternativlos. Um so erstaunlicher ist die Entwicklung.

Holger Sanwald, wie haben Sie den Abend nach dem Pokalsieg gegen Leverkusen verbracht?

Nichts Übertriebenes. Wir haben den Augenblick genossen, zusammen mit Freunden, Partnern und Sponsoren noch ein Bier in der Voith-Arena getrunken. Das gehört dazu. Das ging aber nicht bis in die frühen Morgenstunden.

Wie ordnen Sie den Sieg ein? War es der größte Erfolg in der bisherigen Heidenheimer Fußballgeschichte?

Darüber haben wir gestern auch diskutiert. Es war auf jeden Fall ein ganz großer Moment, vielleicht der bislang größte. Leverkusen ist eine internationale Top-Mannschaft, gespickt mit Nationalspielern. Und wir haben am Ende absolut verdient gewonnen. Das ist wirklich etwas Großes, was unsere Jungs hier hinbekommen haben. Aber klar ist auch: Darauf ruhen wir uns nicht aus. Das wäre ein großer Fehler. Jetzt fängt es erst richtig an, Spaß zu machen. Diesen Schwung müssen wir mitnehmen.

Das 0:1 eine Minute vor der Pause: Hat das kurioserweise eher dem FCH genutzt als Leverkusen?

Irgendwie schon. Für mich war es der entscheidende Punkt in der Partie, dass wir es geschafft haben, diese Negativerfahrung kurz vor der Pause komplett ins Gegenteil zu verdrehen. Das haben wir extrem gut gemacht. Die Leverkusener dachten wohl nach der Führung, sie seien schon halb durch. Aber auf einmal war der psychologische Vorteil auf unserer Seite.

Es gibt gewisse Parallelen zwischen dem 2:1 gegen Werder Bremen 2011 und dem Sieg am Dienstagabend. Beide Spiele endeten 2:1 nach einem 0:1-Rückstand. Ist das nur Zufall?

Ich meine, das zeigt doch: Wenn wir zu Hause spielen, ist immer alles möglich. Was mich aktuell sehr freut: Letzte Saison hatten wir sportlich und teilweise auch mit den Fans keine so einfache Zeit. Aber jetzt ist es wieder ein tolles Miteinander. Das ist wieder das, was man vom FCH jahrelang kannte. Da sind wir auf dem absolut richtigen Weg. Wenn man so eine Stimmung im Stadion hat wie am Dienstag, kann man viel erreichen.

Auf wieviel Fernsehgeld darf sich der FCH nach dem Erreichen des Viertelfinales freuen?

Rund 1,3 Millionen Euro erhält jeder Viertelfinalteilnehmer. Ein Riesenbetrag, der uns extrem gut tut. Wir sind im Vergleich zu den Großen der 2. Liga, die schon seit Jahren dabei sind, finanziell deutlich limitierter. Solche Zusatzeinnahmen helfen uns enorm, diesen Wettbewerbsnachteil zu verkürzen.

Was geschieht mit den Zusatzeinnahmen?

Wir haben in den vergangenen Jahre sehr viel in die Infrastruktur der Voith-Arena investiert. Die Einnahmen fließen in unsere Tilgungs- und Zahlungspläne ein. Wir sind jetzt in der Lage, uns zu konsolidieren und erweitern damit die Möglichkeiten für unsere Zukunft. Die Transferphase ist vorbei, die meisten Verträge wurden verlängert. Da ist zum Glück momentan kein Handlungsbedarf da. Deshalb können wir jetzt das Geld verwenden, um Schulden zurückzuzahlen. Je schneller das geht, je früher haben wir die Möglichkeit, an die Großen der Liga finanziell heranzukommen.

Wieviel hat der FCH am Dienstag, durch das Erreichen des Achtelfinales, eingenommen?

Wenn man die Zuschauereinnahmen, die ja im Pokal geteilt werden, hinzunimmt, vielleicht eine knappe Million Euro. An Fernsehgeldern gibt es fürs Achtelfinale rund 640 000 Euro. Die Beträge verdoppeln sich in etwa pro Runde. Für die Teilnahme an Runde eins gibt's 160 000 Euro, für die zweite Runde 320 000, fürs Achtelfinale 640 000. Im Viertelfinale winken uns dann wie gesagt 1,3 Millionen. Würden wir das Halbfinale erreichen, wären wir schon bei 2,6 Millionen Euro aus dem Fernsehtopf.

Halten Sie es für möglich, so weit zu kommen?

Ich wünsche mir fürs Viertelfinale ein Heimspiel. An einem guten Tag, bin ich überzeugt, haben wir immer die Chance, weiterzukommen. Das Halbfinale wäre schon etwas außergewöhnliches: Du weißt dann: Wenn du noch einmal gewinnst, bist du in Berlin.

Mit Marcus Sorg war am Dienstag auch der Assistent von Bundestrainer Joachim Löw in Heidenheim. Haben Sie mit ihm gesprochen?

Ja, wir saßen gemeinsam mit ihm und Rudi Völler zusammen. Marcus hatte sicher ein paar Leverkusener Spieler im Fokus. Aber es war auch der Co-Trainer der österreichischen Nationalmannschaft da. Der schaute nicht nur auf Leverkusener, sondern hatte auch Nikola Dovedan im Auge. Ich nehme an, er ist ihm positiv aufgefallen.

Wenn sich Nikola Dovedan so positiv weiterentwickelt, haben Sie dann nicht Sorge, ihn an einen Bundesligisten abgeben zu müssen?

Wir haben schon immer gesehen, welches Potenzial er hat und welche Entwicklung er nimmt. Deshalb bin ich froh, dass wir es zu einem frühen Zeitpunkt hinbekommen haben, seinen Vertrag bis 2023 zu verlängern. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder er spielt noch lange für uns oder aber, wir generieren erhebliche Transfererlöse, sollte er vorzeitig in die Bundesliga wechseln. Ich bin bei dem Thema völlig entspannt.

Gibt es aktuell Anfragen bei Dovedan – oder vielleicht auch bei Niklas Dorsch?

Aktuell nicht, die Transferfrist ist ja gerade erst abgelaufen. Aber uns ist klar: Wenn die Mannschaft so weiterspielt, kann das passieren. Davor brauchen wir auch keine Angst zu haben. Das ist Profifußball. Wir haben in Heidenheim nicht die Möglichkeiten, wie sie große Vereine haben. Deshalb werden wir immer wieder Spieler nach oben abgeben müssen. Dann müssen wir schauen: Wo sind die nächsten Talente?

Ist es nicht frustrierend, wenn man vielleicht eines Tages selbst an die Tür zur Bundesliga klopfen möchte, immer wieder Talente zu entwickeln und sie dann abgeben zu müssen?

Klar ist das schwierig. Ich habe Frank Schmidt vor der Vertragsverlängerung gefragt: Hast du auf das Bock? Das ist ein mühsames Zusammensetzen eines Mosaiks, in das man viel mehr Akribie, viel mehr Arbeit, viel mehr Präzision und Zeit investieren muss, als wenn es andere finanzielle Möglichkeiten gäbe. Aber Frank hat gesagt: Ja, die Aufgabe reizt mich. Das ist unser Weg.

Sehen Sie keine Alternativen?

Ich habe noch niemanden getroffen, der mir einen anderen Weg aufzeigen konnte. Wir haben keinen Scheich oder Mäzen im Hintergrund. Und da gibt es für mich auch kein Jammern, das gilt es einfach zu realisieren. Wir haben es in 24 Jahren, von der Landesliga kommend, immer geschafft, uns Schritt für Schritt nach oben zu entwickeln. Die Entwicklung ist positiv, auch wenn es ab und zu kleine Dellen gab. Immer wieder neu anfangen, das ist uns bisher gut gelungen.

War der Sieg gegen Leverkusen eine Bestätigung, mit diesem Weg richtig zu liegen?

Ganz sicher. Die Entwicklung in dieser Saison gibt uns recht. 34 Punkte Anfang Februar in der 2. Liga, das Erreichen des Viertelfinals gegen eine Mannschaft wie Leverkusen: Wir wollen den Spaß und die Freude, die wir gerade haben, weiter mitnehmen.

Immer wieder tauchen ja auch Spieler auf, die im entscheidenden Moment plötzlich Akzente setzen, wie am Dienstag Maurice Multhaup.

Ich finde es grandios, was der Junge geboten hat. Erst lässt er eine dicke Chance liegen, aber anstatt sich hängen zu lassen, macht er anschließend das Siegtor. Solche Momente bewegen mich sehr.

Steht er an solch einem Abend symbolisch für die Möglichkeiten, die sich auch einem Fußballer bieten können, der eigentlich schon ein bisschen abgeschrieben war?

Man muss seine Entwicklung sehen: Maurice war deutscher Meister mit den Schalker A-Junioren, ging dann nach Ingolstadt, kam zu Bundesligaeinsätzen. Dann begann mit Ingolstadts Niedergang auch sein Niedergang. Am Schluss wurde er in die zweite Mannschaft aussortiert. Als wir ihn holten, hatte er entsprechende Defizite im Fitnessbereich, musste erst einmal vier Monate lang wieder aufgebaut werden. Er saß jeden Tag ins Auto, fuhr nach Ulm an das Uniklinikum, machte individuelles Programm. Jetzt hat er so einen Abend wie am Dienstag!

Ganz ehrlich: Das sind so die menschlichen Geschichten, die den Fußball ausmachen. Nur mit dieser Mentalität haben wir letztlich eine Chance. Wir sind um jeden Spieler froh, der diese Charaktereigenschaft mitbringt. Man könnte da jetzt viele Namen nennen. Diese Mannschaft macht mir gerade unheimlich Freude.

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