2. Liga Ein Streifzug durch die HSV-Geschichte

Schreckgespenst: Im Hinrundenspiel gelang Pierre-Michel Lasogga innerhalb von neun Minuten nach seiner Einwechslung ein Hattrick zum 3:2-Sieg der Hamburger gegen den 1. FC Heidenheim.
Schreckgespenst: Im Hinrundenspiel gelang Pierre-Michel Lasogga innerhalb von neun Minuten nach seiner Einwechslung ein Hattrick zum 3:2-Sieg der Hamburger gegen den 1. FC Heidenheim. © Foto: Fotos: Eibner
2. Liga / Thomas Grüninger 14.02.2019
Einem ruhmreicheren Kontrahenten stand der FCH zu Hause noch nie in einem Punktspiel gegenüber. Ein Blick ins Vereinsalbum zeugt von Typen, die unvergessen bleiben.

Wer hätte je zu träumen gewagt, dass Heidenheimer Fußballer eines Tages gegen den Hamburger SV ein Punktspiel bestreiten sollten? Wenn der Klub aus der Hansestadt am Samstag um 13 Uhr in der Voith-Arena die Tabellenführung in der 2.Liga verteidigen will, werden Erinnerungen wach an große Fußball-Momente des Bundesliga-Dinos, der sich vorige Saison nach 55 Jahren aus der obersten Etage der deutschen Fußballszene verabschiedete.

Hier ein kleiner Streifzug durch die HSV-Geschichte, aufgezogen an elf Persönlichkeiten aus knapp 100 Jahren Hamburger Fußballgeschichte.

Otto „Tull“ Harder: Schoss den HSV als Stürmer zu den ersten deutschen Meisterschaften 1923 und 1928 und war Hamburger Kapitän bei den dramatischsten Endspielen um die deutsche Meisterschaft, die es je gab. 1922 war zwischen dem HSV und dem 1. FC Nürnberg auch nach zwei Finals mit unbegrenzter Verlängerungszeit (2:2 und 1:1) noch kein Meister ermittelt. Weil zum Schluss nur noch sieben Nürnberger auf dem Platz standen, erklärte der DFB den HSV nach mehr als insgesamt fünf Stunden Spielzeit zum Titelträger. Die Hamburger verzichteten. Harder war nach Uwe Seeler erfolgreichster HSV-Torschütze aller Zeiten.

Doch ruhmreich verlief sein späteres Leben nicht. Weil er als Aufseher in verschiedenen Konzentrationslagern während des Nazi-Regimes wirkte, wurde er später als Kriegsverbrecher verurteilt.

Josef „Jupp“ Posipal: Einziger HSV-Spieler in der Weltmeister-Elf von 1954. Der Verteidiger wuchs im rumänischen Banat auf, und weil er die ungarische Sprache beherrschte, war er besonders prädestiniert, im Finale von Bern gegen Puskas & Co. eingesetzt zu werden. Bei Posipals hatte der Sport stets einen hohen Stellenwert: Jupps Frau war Handballerin beim HSV, sein Sohn Peer wurde Fußballprofi (Eintracht Braunschweig), sein Enkel Patrick stieg 2017 mit dem SV Meppen in die 3.Liga auf.

Uwe Seeler: „Sie sollten erst mal den Lütten sehen!“, sagte Mama Seeler zu Bundestrainer Sepp Herberger, als der sich für Dieter Seeler, Uwes älteren Bruder, interessierte. Aus dem „Lütten“ wurde einer der ganz Großen. „Uns Uwe“ kultivierte Fallrückzieher und Rückwärtskopfbälle (unvergessen sein 2:2 bei der WM 1970 gegen England), absolvierte 239 Ligaspiele, erzielte 137 Tore für den HSV, nahm an vier Weltmeisterschaften teil, ist Ehrenspielführer der Nationalmannschaft, Hamburger Ehrenbürger, Ehrenschleusenwärter und Ehrenkommissar der Hamburger Polizei. Selbst beim Stadtrivalen FC St.Pauli respektieren sie den „Dicken“, nennen ihn dort „Euch Uwe“.

Nur zwei Dinge ärgern Seeler an seiner Karriere: Dass er sich 1995 überreden ließ, HSV-Präsident zu werden. Und dass sein Enkel Levin Öztunali (Mainz) den HSV verließ. Dies hat Uwe nicht einmal getan, als ihn 1961 Inter Mailand mit einem Millionenangebot lockte. Begründung: „Mehr als ein Steak am Tag kannst du auch nicht essen, hat mein Vater immer gesagt.“

Gert „Charly“ Dörfel: 400 seiner Flanken seien tödlich gewesen, hat der Linksaußen mit der hohen Stirn mal vorgerechnet. Vor allem Uwe Seeler profitierte davon. Dörfels Drohung („Uwe, wenn du weiter soviel schimpfst, flanke ich ein paar Zentimeter höher“), blieb ohne negative Folgen.

Willi Schulz: Kam von Schalke zum HSV und wurde nach einer Weltklasse-Leistung im WM-Endspiel 1966 in London als „World-Cup-Willie“ gefeiert. Absolvierte 66 Länderspiele. Eigentlich hätten es 67 sein sollen, doch beim Spiel um Platz drei 1970 in Mexiko vergaß er, seine Kickstiefel mit ins Stadion zu nehmen und saß deshalb nur auf der Bank. Für solche Fälle gibt's heutzutage Zeugwarte.

Horst Hrubesch: Leidenschaftlicher Dorsch-Angler mit dem wenig schmeichelhaften Spitznamen „Kopfball-Ungeheuer“. Sepp Maier hat einmal gesagt, Hrubesch werde der erste Spieler sein, der einen Freistoß aus 20 Metern direkt mit dem Kopf verwandle. Von Rot-Weiss Essen gekommen, wo ihn „Ente“ Lippens mit „Rehbusch“ anredete, beschrieb Hrubesch das HSV-Erfolgsrezept der Achtziger Jahre mit der lapidaren Darstellung eines hanseatischen Muster-Spielzugs: „Manni Bananenflanke, ich Kopf, Tor.“ Mit Manni war Manfred Kaltz gemeint, dessen fliegende Vorlagen ähnlich kurvig verliefen wie die krummen Paradiesfeigen. Als Hrubesch 1980 vor dem EM-Finale der deutschen Nationalmannschaft gegen Belgien in Rom an einer Audienz beim Papst teilnahm, interpretierte er eine Segensgeste des Pontifex Johannes Paul II., der zwei Finger gespreizt hatte, für seine Zwecke um. „Ich dachte, er will sagen: Horst, mach zwei Dinger.“ Im Finale machte Horst dann „zwei Dinger“ (2:1).

Kevin Keegan: „Mighty Mouse“ (1,67m) aus Liverpool, kam 1977 für die Rekordsumme von 2,6 Millionen Mark an die Alster. Nach einem enttäuschenden ersten Jahr stellte er HSV-Manager Günter Netzer vor die Wahl: „Use me or sell me“ (benutze mich oder verkaufe mich). Unter Neu-Trainer Branko Zebec wurde Keegan im Jahr danach mit 17 Toren Garant für den deutschen Meistertitel 1979 – und eroberte nebenbei als Sänger die Charts mit dem Titel: „Head over Heals in Love.“

Dr. Peter Krohn: Exzentrischer HSV-Präsident der Siebziger Jahre. Verpflichtete unter anderem Kevin Keegan und „Riegel-Rudi“ (Trainer Gutendorf). „Riegel-Rudi“ scheiterte, und dann auch Peter Krohn. Geblieben sind die Erinnerungen an futuristische Ideen, zum Beispiel die, den HSV-Spielern Trikots in der Farbe „schweinchenrosa“ zu verpassen. Die Hoffnung, dass dann mehr weibliche Fans ins Stadion kommen, erfüllte sich nicht.

Felix Magath: Schoss das 1:0-Siegtor im Europapokal-Finale 1983 gegen Juventus Turin. Der passionierte Schachspieler und Sohn eines Puerto-Ricaners erwarb sich als Trainer (deutscher Meister mit dem VfL Wolfsburg 2009) aufgrund harter Trainingsmethoden den zweifelhaften Spitznamen „Quälix“. Als er im Oktober 2012 in Wolfsburg gehen musste, sammelten die Profis Geld um einen CD-Spieler zu kaufen und in der Kabine Musik zu hören. Das hatte ihnen „Quälix“ zuvor verboten.

Ernst Happel: Grantiger Erfolgstrainer aus Wien, der wenig redete, viel rauchte und dem HSV unter anderem die Abseitsfalle beibrachte. Das führte immerhin zu zwei nationalen Meistertiteln und dem Gewinn des Europapokals der Landesmeister 1983. In seinem ersten Training in Hamburg soll Happel eine Coladose aufs Lattenkreuz gestellt haben, schoss sie im ersten Versuch herunter und befahl anschließend: „Nachmachen!“

Pierre-Michel Lasogga: Heidenheimer Albtraum beim 3:2-Sieg des HSV im Hinrundenspiel 2018, als er nach seiner Einwechslung innerhalb von neun Minuten einen Hattrick erzielte. Der Stiefsohn von Bremens Ex-Torwart Oliver Reck ist Hauptdarsteller der ersten deutschen Fußball-Soap im Internet. Titel: „Die Lasoggas. Eine fast normale Fußball-Familie“.

HSV: Der letzte große Titel liegt weit zurück

Als HSV-Idol Uwe Seeler 2016 seinen 80. Geburtstag feierte, wünschte er sich, seinen Klub noch einmal als deutschen Meister feiern zu dürfen. Als Zweitligist sind die Hamburger davon momentan noch weit entfernt. Bis zur Rückkehr ins Oberhaus muss man sich in der Millionenstadt mit den Lorbeeren der glorreichen Vergangenheit trösten: Einmal Europapokalsieger der Landesmeister (1983), einmal Europapokalsieger der Pokalsieger (1977), sechs Mal deutscher Meister (1923, 1928, 1960, 1979, 1982, 1983), dreimal DFB-Pokalsieger (1963, 1976, 1987), zweimal Ligapokalsieger (1973, 2003)

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel