Heidenheim Beim FCH sorgten oft späte Tore für die Entscheidung

Später Jubel ist ein ganz besonderer Jubel: Wie hier im Heimspiel gegen Kaiserslautern kamen die Heidenheimer unter anderem auch in Düsseldorf in den Genuss eines Tores kurz vor Abpfiff. In beiden Fällen war Marc Schnatterer (rechts) nervenstarker Verwerter von Standards. Solche Erfolgserlebnisse würden dem FCH fraglos auch in der Saison-Schlussphase gut tun.
Später Jubel ist ein ganz besonderer Jubel: Wie hier im Heimspiel gegen Kaiserslautern kamen die Heidenheimer unter anderem auch in Düsseldorf in den Genuss eines Tores kurz vor Abpfiff. In beiden Fällen war Marc Schnatterer (rechts) nervenstarker Verwerter von Standards. Solche Erfolgserlebnisse würden dem FCH fraglos auch in der Saison-Schlussphase gut tun. © Foto: Eibner
Heidenheim / Thomas Grüninger 05.04.2018
Exakt die Hälfte der bisherigen 28 Spiele des 1. Heidenheim wurden durch Tore in den letzten zehn Minuten entschieden. Reichen erstmals 40 Punkte nicht zum Klassenerhalt?

Wohl noch nie ist es im deutschen Profifußball so verrückt zugegangen wie in der aktuellen Zweitliga-Saison, in der es auch nach 28 Spieltagen weder souveräne noch abgeschlagene Mannschaften gibt.

Die letzten vier gewinnen

Als exemplarisch mag das Geschehen vom zurückliegenden Oster-Wochenende gelten: Von den drei führenden Teams (Düsseldorf, Nürnberg, Kiel) hat keines gewonnen, dagegen meldeten die zuvor auf den letzten vier Plätzen liegenden Mannschaften ausnahmslos Siege. Spätestens nach dem 1:0-Erfolg des SV Darmstadt 98 gegen Spitzenreiter Düsseldorf am späten Ostermontag ist klar: Der auf Rang 16 zurückgefallene 1. FC Heidenheim war der große Verlierer des Wochenendes.

Vom Ab- zum Aufstiegskandidaten

Am Beispiel des FCH-Bezwingers Ingolstadt wird zudem deutlich, wie nahe Tabellenkeller und Aufstiegs-Etage beieinander liegen. Vor der Partie in Heidenheim befand sich der Ex-Erstligist nach eigenen Worten im Abstiegskampf, nach dem Sieg in der Voith-Arena darf sich das Team von Stefan Leitl mit fünf Punkten Rückstand auf Rang drei wieder Hoffnungen auf die Bundesliga-Rückkehr machen. Viele Klubs erleben momentan von Woche zu Woche eine solche Schnellbleiche: In 90 Minuten vom Abstiegskandidaten zum Aufstiegsanwärter – oder umgekehrt.

Gehen die Rechnungen auf?

40 Punkte: Seit dem Zweitliga-Aufstieg 2014 haben die Verantwortlichen des 1. FC Heidenheim stets angestrebt, möglichst zeitnah diese vermeintlich magische Grenze zu erreichen – in der festen Annahme, dass dann der Klassenerhalt in trockenen Tüchern sein sollte. Die Frage ist allerdings, ob 40 Punkte in dieser Saison überhaupt genügen, um nicht abzusteigen.

Es wäre ein Novum, wenn es so käme. In der Bundesliga – die seit 1965 (wie aktuell auch die 2. Liga) mit 18 Klubs bestückt ist, stieg in über 50 Jahren noch nie eine Mannschaft ab, die 40 Punkte hatte. In der 2. Liga ist das zwar schon passiert, aber nur in Spielzeiten, in denen es vier Abstiegsplätze gab (und nicht maximal drei wie aktuell).

Abstieg mit 43 Punkten?

Die Bild-Zeitung hat dieser Tage durchrechnen lassen, was herauskäme, wenn in allen restlichen Spielen immer das schwächer platzierte Team gewinnen würde. Ergebnis: Regensburg und Heidenheim würden direkt mit 43 Punkten absteigen, Bielefeld müsste mit 45 Zählern in die Relegation. Rein mathematisch sei sogar der Klassenerhalt erst mit 58 Punkten garantiert.

Späte Entscheidungen

Ein anderes Phänomen in dieser Spielzeit: viele Partien werden erst durch späte Tore entschieden. Das gilt in besonderem Maße auch für FCH-Spiele. In 16 der 28 absolvierten Heidenheimer Begegnungen fielen Tore ab der 80. Minute. In 14 Fällen waren es Treffer von entscheidender Bedeutung für den Spielausgang. Immerhin acht Mal gab es Tore in der 90. Minute oder der Nachspielzeit.

In den meisten Fällen beeinflussten die Last-Minute-Treffer den Ausgang aus Heidenheimer Sicht negativ. In St. Pauli beispielsweise besiegelte die letzte Aktion des Spiels die 0:1-Niederlage.

Späte Entscheidungen

In Duisburg traf Onuegbu in der vorletzten Minute zum 3:3, in Regensburg machte Grüttner in der 90. Minute mit seinem Tor zum 0:2 den Deckel zu, gegen Bielefeld raubte der Ex-Heidenheimer Andreas Voglsammer in der Nachspielzeit mit dem 2:2-Ausgleich den Heidenheimern noch den Sieg.

Die verrückteste späte Niederlage bezog der FCH im Heimspiel gegen Regensburg. Den 0:1-Rückstand glich Dominik Widemann in der 86. Minute aus, doch die Regensburger trafen in der 88. und 94. Minute noch zweimal zum 1:3.

Beim FCH nie zu früh gehen

Wer Spiele des FCH anschaut, sollte also keinesfalls schon vor dem Abpfiff das Stadion verlassen, zumal die Heidenheimer die Gunst des späten Augenblicks auch schon für sich nutzen konnten. Erwähnt sei das 3:2 gegen Kaiserslautern, entschieden durch einen Freistoß von Marc Schnatterer in der 90. Minute.

Genauso spät traf John Verhoek in Aue zum 1:1-Endergebnis. Und wiederum Schnatterer glich in Düsseldorf rund sechs Minuten nach Ablauf der regulären Spielzeit noch per Elfmeter zum 2:2 aus, nachdem die Fortunen eben erst in der 90. Minute mit 2:1 in Führung gegangen waren.

Große Ausgeglichenheit

Späte Tore seien aber keineswegs nur ein Heidenheimer Phänomen, meinte FCH-Trainer Frank Schmidt unlängst. Dass es ligaweit in den Schlussphasen noch mächtig klingelt, liege vor allem auch an der Ausgeglichenheit. Die Mannschaften begegnen sich 2017/18 wie nie zuvor auf Augenhöhe. „Es gibt immer wieder Abnutzungskämpfe. Hinten raus sind dann Konzentrationsmängel da, die Fehler werden größer“, sagte Schmidt.

Die späten Tore, die enge Tabellensituation – all das könnten die Vorzeichen sein für eine Saison-Endphase, die an Spannung alle bisherigen in den Schatten stellt. Von Spieltag zu Spieltag wird es wahrscheinlicher, dass sowohl in Sachen Aufstieg als auch in Sachen Klassenerhalt die meisten Entscheidungen erst mit dem letzten Schlusspfiff gefallen sein werden.