Herbrechtingen Was tippt ein HSV-Fan aus Herbrechtingen?

Herbrechtingen / Nadine Rau 13.09.2018
Die gebürtige Hamburgerin Kathi Schmid brennt für den Hamburger Sportverein, der jetzt als Zweitligist den 1. FC Heidenheim empfängt. Am Samstag fährt sie zum Spiel in ihre Heimatstadt und fiebert mit - weil sie weiß, was ihr hier blüht, sollte der FCH gewinnen.

Den Schlusspfiff hat Kathi Schmid gar nicht gehört. Als es am 12. Mai dieses Jahres Gewissheit wurde, dass der Hamburger Sportverein nach 55 Jahren in der Bundesliga absteigt, war sie zwar im Stadion – aber nicht mehr im Block.

„Das war sehr schlimm für uns Fans. Wir hätten den Pfiff als Schlussstrich gebraucht, um den Abstieg besser zu realisieren“, sagt die 38-Jährige. Tragischerweise hatten einige Fans während des Spiels mit Zündeln und Knallen angefangen, direkt hinter dem Tor und damit Zaun an Zaun mit Kathi Schmids Stammplatz im Block 26 A.

„Alle haben geheult“

„Da hatte ich das erste Mal Angst im Stadion, deswegen sind wir raus.“ Sie habe zwar schon vor der Partie gewusst, dass der HSV absteigt (zur Erinnerung: Hätte der Tabellenletzte Köln in Wolfsburg gewonnen, wäre der HSV in der Bundesliga geblieben), aber am Ende des Tages sei es darum gegangen, das wirklich mitzuerleben. „Da ist eine Welt untergegangen, wir haben alle geheult.“

Heute, nach den ersten Spieltagen in der zweiten Liga, sieht die Welt der gebürtigen Hamburgerin etwas besser aus: „Jetzt macht man Scherze, jetzt hat man das verdaut“, sagt sie in ihrem Esszimmer in Herbrechtingen, in dem überall Anker zu sehen sind. Seit 2012 lebt Schmid im Kreis Heidenheim, sie zog für die Liebe „von der Waterkant ins Schwabenland“, wie sie es selbst gerne sagt. Ihre Liebe zu Hamburg, zum Norden und zum Meer blieb aber dennoch bestehen.

„Mir fehlen die U-Bahnen und der Pizzaservice“

„Ich habe mich immer noch nicht an das Leben hier gewöhnt“, erzählt der HSV-Fan. Was ihr fehlt, sind die S- und U-Bahnen und der Pizzaservice, der in Hamburg jederzeit erreichbar ist. Einmal pro Monat fährt sie in ihre Heimatstadt, die Planung orientiert sich an den Spieltagen.

„Deshalb fahre ich auch dieses Wochenende. Die Samstage sind am besten“, so Schmid im Hinblick auf die Partie des HSV gegen den 1. FC Heidenheim am Samstag um 13 Uhr. Sie weiß, was ihr in ihrem neuen Zuhause für Geschwätz blühen würde, sollte dem FCH ein Sieg in Hamburg gelingen. Allzu weit aus dem Fenster lehnen will sie sich deshalb nicht. „Sie spielen 2:1“, lautet Schmids Tipp.

So sehr sie von ihrem HSV schwärmt, so sehr schimpft sie über den FCH. „Das ist kein Verein mit Tradition. Das ist wie Hoffenheim und Leipzig“, vergleicht sie. „Ich habe so sehr die Daumen gedrückt, dass die absteigen, dass ich mir das nicht antun muss“, sagt sie geradeheraus. Geholfen hat es bekanntlich nichts.

Hunt und Holtby sind zwei Lieblinge

Jetzt setzt sie vor allem auf Aaron Hunt und Lewis Holtby, ihre zwei Lieblinge im derzeitigen Kader. Bis zu seinem Abgang 2016 war indes Ivo Iličević ihr absoluter Favorit – ein Paar seiner Schuhe kann Schmid stolz ihr Eigen nennen. Auch einen Handschuh vom ehemaligen Hamburger Torhüter Frank Rost besitzt sie. Wie kam's dazu?

„Ich habe für den HSV gearbeitet und hatte mit Spielern und Trainern zu tun“, erzählt die Hamburgerin. Zunächst habe sie nur auf dem Parkplatz ausgeholfen, dann habe sie auf 450-Euro-Basis aufgestockt und schließlich einen Job angeboten bekommen. Schmid war dann im Service-Center und in der Geschäftsstelle tätig, hat die Post gemacht und Tickets verkauft.

Beim HSV wie eine Familie

„Dort ist man wie eine Familie“, beschreibt die 38-Jährige. An Geburtstagen sei vor allem HSV-Trainer Bruno Labbadia immer sehr spendabel gewesen, kann sie berichten. Mit Team-Manager Jürgen Ahlert habe sie noch immer Kontakt. Nach ihrem Umzug hat sie übrigens auch hier vor den Fußballern des FCH nicht Halt gemacht, hat manche von ihnen durch ihren Job in einem Fitnesscenter kennengelernt. Mathias Wittek etwa, bei dem noch abzuwarten ist, ob er nach seiner Verletzung am Samstag spielen kann.

Mittlerweile hat Schmid mit ihrem Job bei Tchibo eine Stelle, die ausnahmsweise so ganz und gar nichts mit Fußball zu tun hat, es ihr aber erlaubt, gleichzeitig zu arbeiten und für ihren dreijährigen Sohn Tamme da zu sein. Der ist, wie könnte es anders sein, vom Tag seiner Geburt an Mitglied im Supporters-Club des HSV. Papa hat da allerdings auch noch ein Wörtchen mitzureden, Thomas Schmid ist nämlich VfB-Fan. Wer wird da das Rennen machen? „Solange er kein Bayern-Fan wird, ist alles gut“, sagt Schmid schelmisch.

Hochschwanger zum Relegationsspiel

Mit im Stadion war Tamme schon, als er noch im Bauch war. „Ich bin hochschwanger zum Relegationsspiel nach Karlsruhe gefahren, dafür haben wir sogar noch unseren Italien-Urlaub storniert“, erzählt die Mama. Mit ihrem Arzt hatte sie immer alles abgeklärt, im Stadion zu sitzen, ist ihr aber mehr als schwergefallen.

Geheiratet haben sie und ihr Mann vor kurzem in Hamburg – natürlich in der Sommerpause. „Das war für mich völlig klar: Geheiratet wird nicht während der Saison.“ Schmid hat immer gedacht, dass sie ihre vielen Reisen in die Stadien einmal nicht mehr unternehmen kann, wenn sie Mutter wird, bisher funktioniere das aber alles recht gut.

Für den HSV war sie schon überall unterwegs, wegen der Europa-League auch im Ausland. Eine Zeit lang hat sie sogar die Leitung von Auswärtsfahrten mit dem Bus übernommen.

Sandhausen war wie ein Schlag ins Gesicht

Ziemlich unschön war jetzt die erste Auswärtsfahrt der Zweitliga-Saison, denn die führte den HSV ausgerechnet ins beschauliche Sandhausen, das neben Heidenheim als die Provinz schlechthin im Profi-Fußball gilt. „Da haben wir den Abstieg erst realisiert, im Heimspiel vorher noch nicht“, sagt Schmid. Ihre Truppe wird wohl auch die Voith-Arena in der Rückrunde belächeln. „Da muss ich jeden Zentimeter als Schlafplatz freimachen“, weiß sie schon jetzt.

Zumindest hat Kathi Schmid dann auch im Süden für ein Wochenende jede Menge Gleichgesinnte um sich herum, was sonst nicht der Fall ist. Nur wenige HSV-Fans von hier sind ihr bekannt, ab und an kommt sie mit dem Fanclub Blue Danube in Ulm zusammen. Am meisten unterwegs ist sie aber mit den HSV-Friends-Illertal und mit dem Patenonkel ihres Kindes, Bene Zimmermann, der ebenfalls im Kreis lebt.

Gemeinsam geht es am Wochenende zum Anfeuern in die 57 000 Mann fassende Arena in Hamburg-Altona. Den Weg dorthin wird Kathi Schmid auch als Herbrechtingerin nie vergessen – die Koordinaten des Volksparkstadions zieren als Tattoo sogar ihren Unterarm.

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