Heidenheim 10 Jahre Marc Schnatterer beim 1. FC Heidenheim

Heidenheim / Thomas Grüninger 26.07.2018
Marc Schnatterer Heidenheims Kapitän feiert Jubiläum: Seit zehn Jahren trägt er das FCH-Trikot, der aktuelle Vertrag des 32-Jährigen läuft bis 2020. Ob dann Schluss sein wird, lässt der der Leistungsträger offen.

Marc Schnatterer ist ohne Frage das Gesicht des 1. FC Heidenheim. Der gebürtige Heilbronner ist seit Jahren der verlängerte Arm von Trainer Frank Schmidt auf dem Spielfeld, schießt Tore am Fließband oder bereitet sie vor.

Nach eher wackligem Start auf dem Schlossberg im Sommer 2008 hat sich der FCH-Kapitän zu einer starken Führungspersönlichkeit entwickelt und schaffte es, nach den Aufstiegen in die 3. Liga und 2. Liga auch höherklassig die entscheidenden Akzente zu ersetzen.

Wo der 1. FC Heidenheim ohne ihn stünde, mag man sich nur schwer vorzustellen. Dass er dem FCH nun schon solange die Treue hält und andere Angebote ausschlug, hat etwas mit Tugenden zu tun, die im schnelllebigen und knallharten Profigeschäft heutzutage selten sind. Identifikation, Bodenständigkeit, Loyalität: Das kommt an in einer Region, in der das Wir-Gefühl traditionell eine große Rolle spielt. Und es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich auszumalen, wie die Heidenheimer Fangemeinde ihm eines Tages ein Denkmal errichten wird.

Im Folgenden vollendet Marc Schnatterer ein paar vorgegebene Satzanfänge – und gewährt so Einblicke und Ansichten zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer einzigartigen Karriere.

Mein erster Kontakt...

... mit Heidenheim fand schon 2006 statt. Damals spielte ich mit Freiberg in der Oberliga gegen den HSB, den Dieter Märkle trainierte. Es gab eine Anfrage, aber ich wollte in die damals dritthöchste Liga, die Regionalliga wechseln, und habe deshalb den Karlsruher SC vorgezogen. Im Frühjahr 2008 kam es dann wieder zu Gesprächen mit Heidenheim. Wir waren uns schnell einig.

Mein erster Trainingstag...

... begann mit einem Laktat-Test im damaligen Albstadion. Ich war zwar nicht unbedingt schüchtern, aber doch sehr respektvoll und demütig gegenüber den etablierten Spielern. Zu Alper Bagceci hatte ich gleich ein gutes Verhältnis, aus dem sich eine Freundschaft entwickelte.

Mein erstes Pflichtspiel...

... absolvierte ich im DFB-Pokal gegen den VfL Wolfsburg (0:3), das erste Punktspiel eine dann gegen Pfullendorf in der Regionalliga (1:2).

Mein erstes Tor...

... gelang gleich im ersten Regionalliga-Spiel. Es war ein Elfmeter, den ich zum Glück zum 1:0 für uns verwandeln konnte. Ich war als Schütze nicht vorgesehen, aber Kapitän Erol Sabanov schrie vom Tor aus meinen Namen nach vorn. Da nahm ich den Ball und traf. Leider haben wir noch 1:2 verloren.

Meine ersten Zweifel...

... hatte ich sehr früh aufgrund gewisser Startprobleme in Heidenheim. Das hatte aber nichts mit dem Verein oder der Stadt zu tun. Ich hatte generell Bedenken, ob eine Zukunft in der Regionalliga das sein würde, was ich tatsächlich will. So stand ich vor der Entscheidung, weiterhin mein Glück im Profifußball zu suchen oder vielleicht doch lieber ein Studium anzufangen oder in einen Beruf einzusteigen.

Meine Entscheidung...

... damals weiterzumachen, traf ich im Anschluss an ein Gespräch mit Holger Sanwald und Frank Schmidt und nach einer Bedenkzeit übers Wochenende, bei dem ich mich mit meiner Familie austauschte. Ich brauchte damals beides: Das Vertrauen von Trainer und Vereinsführung und die Bestätigung durch die Familie. Nachdem dies geklärt war, sagte ich mir: Jetzt ziehe ich das durch. Im Nachhinein kann ich sagen: Es war die richtige Entscheidung.

Mein großer Durchbruch...

... geschah im zweiten Drittliga-Jahr, also in der Saison 2010/11. Es ist auch schon zuvor gut gelaufen, aber im offensiven Mittelfeld kamen bis dahin Alper Bagceci, Christian Essig und ich abwechselnd zum Zug. Nachdem ich mir dann einen Stammplatz erspielt hatte, wusste ich: Jetzt kannst du mit allem richtig umgehen, mit Erfolgen genauso wie mit Rückschlägen.

Meine Ernennung zum Kapitän...

... erfolgte 2011, als der bisherige Spielführer Erol Sabanov im Tor den Weg für Frank Lehmann freimachen wollte und vorübergehend ins zweite Glied trat. Nun kam Martin Klarer als bisheriger Stellvertreter Sabanovs zum Zug, Frank Schmidt fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, an seiner Stelle Vizekapitän zu werden. Ich empfand das als große Ehre und sagte zu. Schneller als erwartet bekam ich dann die Rolle des Spielführers, weil sich Martin Klarer so verletzte, dass er seine Karriere letztlich beenden musste.

Meine Rolle als Führungsspieler...

... nehme ich gerne wahr, denn ich bin ein Typ, der sich nicht vor Verantwortung scheut. Ich gehöre zu den Menschen, die viel beobachten und dadurch auch viel lernen. Jetzt als ältester Spieler ist es schon eine tolle Sache, junge Spieler führen zu können. Ich kann als Führungsspieler sicher nach wie vor viel an mir arbeiten, aber ich glaube auch, dass ich einiges richtig gemacht habe als Kapitän - sonst hätte mich der Trainer längst abgesetzt.

Höhepunkte meiner Karriere...

... gibt es einige: Natürlich die Aufstiege in die 3. Liga im Jahr 2009 und in die 2. Liga 2014, aber auch der DFB-Pokalsieg gegen Werder Bremen im Jahr 2011. Der Sprung in die 3. Liga war deshalb genial, weil ich immer schon davon träumte, gegen Traditionsklubs wie Dynamo Dresden zu spielen. Beim Sieg gegen Bremen hatte ich das Gefühl, das Stadion brennt. Das war ein Riesenfesttag für die ganze Stadt. Alle lagen sich irgendwie in den Armen, ob man sich kannte oder nicht. Und der Aufstieg in die 2. Liga? Ganz speziell. Sensationell wie das damals zelebriert wurde.

Mein schönstes Erlebnis...

... war der 2:1-Sieg 2016 beim VfB Stuttgart. Wie oft in meiner Karriere werde ich wohl noch die Möglichkeit erhalten, vor 50.000 Zuschauern zu spielen? Das wird eine einmalige Geschichte bleiben, auch wenn wir in der neuen Saison mit dem HSV und Köln erneut große Gegner haben werden. Aber als württembergische Mannschaft in der Landeshauptstadt zu spielen und dort den VfB Stuttgart zu schlagen, das ist nochmals was ganz Anderes.

Meine größte Enttäuschung...

… war die verpasste Aufstiegs-Relegation 2013. Das Tragische daran: Wir waren immer auf Tuchfühlung zu Platz zwei und schafften es dann, am vorletzten Spieltag mit einem Sieg in Saarbrücken und durch Patzer der Konkurrenz Zweiter zu werden. Im Spiel gegen Offenbach brauchten wir nur noch einen Sieg, doch es blieb beim 0:0. Da hat plötzlich alles nicht mehr geklappt, was die Wochen zuvor so gut funktionierte. Aber wir haben es geschafft, aus diesem bitteren Versäumnis viel Kraft zu ziehen, um ein Jahr später den Aufstieg nachzuholen.

Das Phänomen FCH...

... hat sicher damit zu tun, dass es hier viele Leute gibt, die seit Jahren dabei sind, und es nicht nur schaffen, die Mannschaft sportlich gut zusammenzustellen, sondern auch auf wirtschaftlicher Ebene viel zu bewegen. Andere Vereine wechseln häufig die Führung, dass erschwert die Kommunikation. Beim 1. FC Heidenheim herrscht diesbezüglich eine klare Ordnung, das ist ein entscheidender Punkt.

Die Chance zu wechseln...

... hätte ich wohl gewagt, wenn im richtigen Moment das passende Angebot gekommen wäre. Es ist aber auch so: Je länger man einem Verein angehört, umso schwerer tut man sich, zu gehen. Die Identifikation mit dem FCH ist inzwischen so groß geworden, ich bin so sehr hier verwurzelt, dass es nicht meiner Art entsprechen würde, einfach zu gehen. Ich bereue es nicht, hier geblieben zu sein, habe nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben.

Der Sprung in die Bundesliga...

... wäre natürlich sehr reizvoll für mich gewesen. Aber ich war im Grunde immer ein Spätstarter, und jetzt bin ich ganz sicher nicht mehr in einem Alter, um als Talent zu gelten. Dass es nicht geklappt hat, macht mich nicht traurig. Ich sehe es andersherum: Ich bin glücklich, wie alles gelaufen ist in den vergangenen zehn Jahren. So etwas hätte ich nie für möglich gehalten, wenn es mir jemand vorausgesagt hätte.

Meine schlimmste Verletzung...

... war ein Mittelfußbruch zu Drittliga-Zeiten. Ansonsten hat mich mein Körper nie im Stich gelassen. In zehn Jahren habe ich nur 16 Pflichtspiele komplett verpasst. Ich kann nur sagen: Danke an meinen Körper, dass er so mitgemacht hat.

Mein Karriereende...

... steht noch in den Sternen. Der aktuelle Vertrag läuft bis 2020, da bin ich dann 34 Jahre alt. Stand heute kann ich nicht sagen, dass dann Schluss ist. Wenn mein Körper weiter mitmacht, könnte ich mir vorstellen, noch ein, zwei Jahre dranzuhängen.

Nach meiner aktiven Zeit...

... heißt das nicht automatisch, dass ich Heidenheim gleich den Rücken kehre. Im Jahr 2020 werde ich zwölf Jahre hier sein. Eine enorme Zeit, in der ich nicht nur meinen Job gemacht, sondern auch viele Leute kennengelernt habe. Ich werde der Stadt immer verbunden bleiben. Vielleicht gibt‘s ja die Möglichkeit, meine Karriere in Heidenheim nach der aktiven Zeit als Fußballer irgendwie fortzusetzen.

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