Wie würden Sie die Rolle des Schiedsrichters im Jahr 2022 in drei Worten beschreiben?

Antonio de Rossi: Leiter, Kommunikator, Seelsorger.

Wie hat sich die Rolle in den vergangenen zehn Jahren verändert?

Die Rolle wird zunehmend komplexer. Vom einfachen Umsetzer des Regelwerks entwickelt sich diese Rolle ständig weiter und fordert zunehmend soziale und mentale Soft Skills: Kommunikation, Empathie, Gespür für Situationen sind Beispiele hierfür, welche zunehmend wichtiger werden.

Wie kritisch ist die Situation im Bezirk Zollern?

In der letzten Saison konnten sechs Spiele aktiver Mannschaften nicht besetzt werden aufgrund Schiedsrichtermangels. Bei Jugendspielen ist dies leider häufiger der Fall. Grundsätzlich gibt es viele Wochenenden, an denen ein enormer Kraftakt notwendig ist, um die Spiele zu besetzen. Hier sprechen wir auch regelmäßig über Kollegen, die mehrere Spiele an einem Tag leiten – ohne diese Einsatzbereitschaft hätten wir weitaus mehr unbesetzte Spiele.

Wie steht es um den Nachwuchs?

In letzter Zeit konnten wir junge, engagierte Schiedsrichter gewinnen. Leider treten immer mehr erfahrene Kollegen aus, die eine Vielzahl von Spielen leiteten, sodass uns weiterhin insbesondere in der Breite die Schiedsrichter fehlen.

Gewalt hat auf dem Fußballplatz nichts verloren – da gibt es keine zwei Meinungen. Anfang November gab es in Winterlingen besorgniserregende Szenen, als ein Spieler dem Schiedsrichter ins Gesicht schlug und ihn beleidigte. Wie können sich die Schiedsrichter schützen, und welche Rolle spielen dabei die Vereine?

Die Vereine sind dafür verantwortlich, präventiv die ermöglichten Schulungen zur Gewaltprävention durchzuführen und anzubieten. Auch für die Stellung der Ordner an Spieltagen sind die Vereine verantwortlich. Insbesondere sollte eine Kultur auf dem Sportplatz durch den Verein geschaffen werden, bei dem gewisse Grenzen schlichtweg nicht überschritten werden. Ist die vereinsinterne Kultur hier klar, greift dies auch auf Spieler und Zuschauer durch. Die Schiedsrichter können mit einem klaren, respektvollen und berechenbaren Auftreten, präventiver Kommunikation und dem Sicherstellen der Einhaltung von Ordnungsmaßnahmen (Ordner und Zonen) hierzu ebenfalls beitragen.

Wenn Sie eine Regel im Fußball verändern könnten, welche wäre das und warum?

Keine Änderung, aber eine Beibehaltung: Die Gelb-Rote Karte soll weiterhin Bestandteil der persönlichen Strafen sein und nicht durch eine Zeitstrafe ersetzt werden. Hierdurch würde die Hemmschwelle der Spieler sowie die Autorität der Schiedsrichter gesenkt werden. Eine Änderung bezüglich der Berichterstattung in ganz Deutschland über die Schiedsrichterei wäre jedoch wünschenswert – nicht ausschließlich negative, vorschnelle Urteile, sondern auch die positive Seite des Ganzen beleuchten.

Die Schiedsrichtergruppe Zollern ist am Limit

Eine Herkulesaufgabe muss die Schiedsrichtergruppe Zollern in dieser Saison bewältigen. Knapp 2600 Spiele sind zu besetzen. Dabei geht das Spektrum von den D-Juniorinnen bis zu den Aktiven in der Bezirksliga. Hierfür stehen aktuell 120 aktive Schiedsrichter zur Verfügung. Wenn man die Sollzahl von 15 Spielen pro Schiedsrichter zugrunde legt, müsste die Zahl der aktiven Schiedsrichter bei 174 liegen. Nur durch den großartigen Einsatz mehrerer Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter, die mehr als ihre 15 Spiele leiten, kann dieser enorme Aufwand bewältigt werden.   Um eventuelle Engpässe auszubügeln, findet daher ein reger Austausch mit den Schiedsrichtergruppen Tuttlingen, Rottweil, Tübingen, Münsingen, Sigmaringen, Reutlingen, Böblingen, Calw, Stuttgart, Nördlicher Schwarzwald und Saulgau statt.
Da es ohne Nachwuchs nicht geht, findet auch im Bezirk Zollern jedes Jahr mindestens ein Neulingskurs statt. Der nächste Schiedsrichter-Lehrgang der SRG Zollern startet am kommenden Mittwoch, 11. Januar 2023, im Sportheim der TSG Balingen (Henke‘s 12ter Mann). Die weiteren Schulungsabende sind der 12., 18., 19., 25. und 26. Januar. Der Prüfungsabend findet am 30. Januar statt. Durchgeführt wird der Lehrgang von Lehrwart Hardy Landbeck. Auch der WFV bietet zwei zentrale Schiedsrichter-Neulingskurse an. Diese finden vom 23. bis 26. Februar in Ruit und vom 27. bis 30. Juli in Wangen im Allgäu statt. Anmelden kann man sich hierzu unter:
www.wuerttfv.de/ausbildung/schiedsrichter/neulingskurse/
Auch bei den Schiedsrichtern im Leistungsbereich ist die SRG Zollern-Balingen gut aufgestellt. So pfeifen Michael Scholz (SV Rosenfeld) und Jonas Toranzo (FC Wessingen) in der Landes-, Achim Mauz (FC Winterlingen) in der Verbands- und Maurice Rummel (TSV Frommern) in der Oberliga, sowie der A-Junioren-Bundesliga. mj