Heidenheim Frauen-Power im Fußballstadion

Die weiblichen Ultras des 1. FC Heidenheim der „Societas“ stehen auch in der ersten Reihe, hier beim Auswärtsspiel bei Dynamo Dresden im August 2018. Auch deren Zaunfahne  hängt neben der der „Young Stars“, beides Untergruppen der „Fanatico Boys“.
Die weiblichen Ultras des 1. FC Heidenheim der „Societas“ stehen auch in der ersten Reihe, hier beim Auswärtsspiel bei Dynamo Dresden im August 2018. Auch deren Zaunfahne hängt neben der der „Young Stars“, beides Untergruppen der „Fanatico Boys“. © Foto: Gabor Krieg
Heidenheim / Sandra Gallbronner 08.01.2019
Sie sind die einzige weibliche Ultra-Gruppierung in Deutschland: Die Heidenheimer „Societas“, die den 1. FC Heidenheim seit 2013 aktiv begleiten. Die männlichen Fans unterstützen das.

Kennst du überhaupt Abseits?“ Dieser Spruch ist schon alt, dennoch bekommen ihn Frauen im Fußballstadion nach wie vor zu hören. Wenn auch nicht mehr so häufig wie noch vor einigen Jahren, so Antje Grabenhorsts Einschätzung. Grabenhorst ist Bremerin, Werder-Fan und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der weiblichen Fußball-Fankultur. Auch sie kommt um Kommentare männlicher Fans nicht herum. „Wo ist denn eigentlich dein Freund?“, ist noch ein vergleichbar harmloser Spruch. Nicht selten sind die Aussagen nicht nur unverschämt, sondern auch vulgär und beleidigend.

Dennoch gehen Frauen gerne zum Fußball und machen dort auch positive Erfahrungen. Ihre Erlebnisse hat Grabenhorst gemeinsam mit einem Projektteam gesammelt und zusammengetragen. Herausgekommen sind 80 Portraits aus ganz Europa – von der 17-jährigen Schülerin bis zur 79-jährigen Rentnerin. Die Wanderausstellung wird europaweit gezeigt. Aktuell ist sie im Heidenheimer Fanprojekt zu sehen.

Dabei werden Frauen in vier Gruppen eingeteilt: Fanfrauen „wie du und ich“, weibliche Fans in Führungsrollen, Ikonen weiblicher Fankultur und weibliche Ultras. Letzte stellt dabei eine sehr kleine Gruppe. Im Schnitt seien etwa ein Viertel der Fußballfans Frauen, so Grabenhorst. Bei den Ultras ist der Anteil mit zehn Prozent deutlich geringer. Reine weibliche Vereinigung von Ultras gibt es deutschlandweit derzeit nicht. Einzige Ausnahme: Heidenheim. Hier haben sich 2013 Frauen zur Gruppe „Societas“ zusammengeschlossen (siehe Infokasten unten).

„Societas“ sind mittendrin

Wer nun denkt, die „Societas“ halten sich im Fanblock zurück und lassen den männlichen Mitstreitern der „Fanatico Boys“ den Vortritt, irrt sich. Vielmehr unterstützen die weiblichen Fans den 1. FC Heidenheim aktiv, haben sogar eine eigene Zaunfahne, singen und feuern ihre Mannschaft an: „Beide Gruppen sind lautstark“, weiß Angelo Bianco, Sozialpädagoge im Fanprojekt Heidenheim.

Doch werden die „Societas“ von den männlichen Ultras auch ernst genommen? Bianco bejaht diese Frage: „Die Meinung der Frauen zählt genauso wie die der Männer. Sie werden gleich behandelt und können aktiv teilnehmen.“ Das ist nicht selbstverständlich, weiß Grabenhorst: „Manche Frauen werden nicht als Ultra gesehen, ihnen wird stattdessen die Mutti-Rolle zugeschrieben.“ Sie sind diejenigen, die sich ums Vesper kümmern oder gar am Verkaufsstand stehen. Sie sind aber auch diejenigen, die es vermeintlich zu beschützen gilt. An dieser zusätzlichen Aufgabe finden nicht alle Ultras Gefallen.

Warum funktioniert das Zusammenspiel zwischen weiblichen und männlichen Ultras in Heidenheim hingegen so gut? „Wir haben eine sehr junge Fanszene. Sie konnte viel enger zusammenwachsen und die Fankultur auch selbst mitgestalten“, so Bianco. In Gruppen, die seit Jahrzehnten etabliert sind, sei das schwieriger. Das bestätigt auch Grabenhorst. „Manche aktive Fanszenen nehmen nicht einmal Frauen auf. Für sie ist und bleibt Fußball ein Männersport.“ Das gilt sowohl für den Platz als auch für die Tribüne.

Keine weiblichen Capos

Auch wenn die Heidenheimer Ultras diese Meinung nicht teilen mögen, weibliche Capos gibt es auch bei ihnen nicht. Bianco ver- mutet, dass Angst dahinter steckt. Deutschlandweit gab es erst eine Hand voll Frauen, die diesen Schritt gewagt haben, mitunter jedoch schlechte Erfahrungen gemacht haben. So etwa eine Freundin von Antje Grabenhorst, die als Vorsängerin in Bremen zwar nicht von den Ultras, dafür aber von anderen Fans wüst beschimpft worden ist. Für die junge Frau war die Sache damit vom Tisch.

Sexistische Äußerungen würden im aktiven Fanblock in Heiden heim gegen null tendieren. „Das ist aber kein Selbstläufer. Wir tun viel dafür“, sagt Bianco. So finden regelmäßig Aufklärungsveranstaltungen, etwa Vorträge, Gespräche und Diskussionen statt, die Themen wie Sexismus und Diskriminierung behandeln. „Wir möchten anregen und bewegen“, so Bianco.

Und ja, die meisten Frauen, die ins Stadion gehen, wissen, was Abseits ist. Denn ebenso wie die männlichen Fans lieben auch sie Fußball.

ist bis diesen Samstag täglich von 16 bis 20 Uhr im Heidenheimer Fanprojekt (Friedrich-Ebert-Straße) zu sehen. Neben weiblichen Fans, werden Institutionen sowie Netzwerke weiblicher Ultras vorgestellt. Über QR-Codes auf den Plakaten können Videos auf dem Smartphone angeschaut werden. Am morgigen Donnerstag (19 Uhr) wird Antje Grabenhorst einen Vortrag mit dem Titel „Perle aus dem Block?! –Zwischen Anpassung und Rebellion“ halten.

Die weibliche Fußballfanszene in Heidenheim

Seit 2013 gibt es in Heidenheim die weibliche Ultra-Gruppierung „Societas“, eine Untergruppierung der „Fanatico Boys“. Hauptsächlich richten sich die „Societas“ an Mädchen und Frauen zwischen 16 und 25 Jahren. Derzeit gehören zehn Fans der Gruppe an.

Vorreiter für die Societas waren die „Heidenheimer Mädels“. Die Gruppe ist laut Angelo Bianco vom Fanprojekt Heidenheim wohl nicht mehr aktiv.

Die „Societas“ sind voll in die Heidenheimer Fanszene integriert. So stehen sie nicht als eigener Block, sondern zusammen mit den „Fanatico Boys“. Die Frauen besuchen Heim- wie Auswärtsspiele und haben 2015 eine Choreographie organisiert.

Zu einem besseren Gemeinschaftsgefühl zwischen Mädchen und Jungs sollen Aktionen wie gemeinsame Frühstücke beitragen, die die „Societas“ im Fanprojekt organisieren.

Das Logo der „Societas“ ist eine freudeschreiende junge Frau. Ein Ultra aus Heidenheim? Bianco, der in der Fanszene unterwegs ist, denkt das nicht.

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