Heidenheim / Thomas Grüninger Im Pokalfieber: Wie kann man Bayern München schlagen? Der Altenberger Roland Stegmayer weiß Bescheid. 1977 traf er für Saarbrücken gleich viermal gegen Beckenbauer & Co.

Unten im Keller seines Hauses in Syrgenstein-Altenberg hängen sie: ungezählte Fotos aus seiner Zeit als Bundesliga-Profi. Roland Stegmayer schaut nicht allzu oft auf seine papierenen Schwarz-Weiß-Schätze, aber wenn er die Szenen erblickt, dann erinnert er sich schnell an spannende Momente aus der Fußball-Mottenkiste.

Besonders an einen: Am 16. April 1977 traf er als Stürmer des 1. FC Saarbrücken gleich vier Mal zum 6:1-Sieg gegen den FC Bayern München. Immerhin vier amtierende Weltmeister spielten beim Nobelklub von der Isar mit: Sepp Maier, Franz Beckenbauer, „Katsche“ Schwarzenbeck und Gerd Müller, dazu Jungtalent Karl-Heinz Rummenigge.

Sehenswerte Treffer

Stegmayers Tore von damals sind höchst sehenswerte Treffer: Beim 1:0 zum Beispiel gelang ihm ein Fallrückzieher nach einer Ecke (21.), beim 2:0 zog er unhaltbar mit links ins linke obere Toreck ab (45.), beim 3:0 vollendete er einen Konter (60.) und bei seinem vierten Treffer ließ er seinen Gegenspieler, den Schweden Björn Andersson, ziemlich hilflos aussehen (75.). Es wäre sogar noch mehr drin gewesen, denn Stegmayer traf auch noch den Pfosten und scheiterte ein weiteres Mal aussichtsreich vor dem Maier-Sepp.

Dass „Bomber“ Gerd Müller zwischenzeitlich zum Münchner Ehrentreffer verkürzt hatte (70.), war nur ein kleiner Schönheitsfehler. „Nach dem 2:0 habe ich gewusst, dass wir gewinnen. Wir hatten einfach so einen Tag, an dem alles funktioniert“, erinnert sich Stegmayer.

„Wie sollen die gegen Bayern eine Chance haben?“

Selbstverständlich allerdings war der Saarbrücker Sieg nicht. Als Aufsteiger taten sich die Saarländer lange schwer in der Bundesliga, wurden gar als „Absteiger Nummer eins“ gehandelt, wie sich der Altenberger erinnert. „Ein paar Tage vor dem Bayern-Spiel verloren wir auch noch ein Freundschaftsspiel gegen eine Amateurmannschaft. Alle haben gedacht: Wie sollen die bloß gegen Bayern eine Chance haben?“, erzählt der heute 68-Jährige.

Die Bayern, so mutmaßt er, haben die Saarbrücker damals auch etwas unterschätzt. „Vielleicht dachten sie insgeheim: Das ist nur eine Frage der Höhe. Und irgendwann kann man den Schalter halt nicht mehr umlegen.“

Franz Beckenbauer gestand hinterher ein: „Das war eines unserer schlechtesten Spiele.“ Zudem eines der letzten des „Kaisers“ im Bayern-Trikot. Zum Saisonende wechselte der Weltklasse-Libero und Nationalmannschafts-Kapitän in die vielgeschmähte „Operetten-Liga“ zu Cosmos New York.

„Krafft-Akt von der Saar“

Für Saarbrücken dagegen war das 6:1 gegen die Bayern ein Meilenstein zum Erhalt der Klasse. Am Saisonende stand der Aufsteiger auf Platz 14. Nach schwacher Vorrunde zog das Team von Trainer Manfred Krafft damit den Kopf noch aus der Schlinge. Die Presse verstieg sich im Wortspiel des „Krafft-Akts von der Saar“.

„Ganz Saarbrücken war damals aus dem Häuschen“, erinnert sich der vierfache Torschütze Roland Stegmayer an den Husarenstreich gegen den amtierenden Europapokalsieger FC Bayern. Nach dem Spiel traten Mitarbeiter des Zweiten Deutschen Fernsehens an ihn heran, wollten ihn vom Fleck weg mitnehmen nach Mainz ins Aktuelle Sportstudio.

Doch Roland Stegmayer lehnte ab. Seine Begründung: Wenige Wochen zuvor hatten die Saarbrücker im Heimspiel den 1. FC Köln mit 3:1 geschlagen. Alle drei Treffer hatte Stegmayer erzielt – gegen Toni Schumacher. „Aber zu dem Zeitpunkt wollte noch niemand groß etwas von mir wissen. Deshalb wollte ich jetzt auch nicht“, sagt er. Die „Mainzelmänner“ mussten sich statt des vierfachen Torschützen mit Schlussmann Dieter Ferner als Studiogast begnügen.

Die ganze Nacht den Sieg gefeiert

Der Rest der Saarbrücker Mannschaft feierte das halbe Dutzend gegen die Bayern in einer Diskothek. Zur Nachtruhe blieb nicht mehr viel Zeit. Am nächsten Morgen um 10 Uhr war ein leichtes Training angesetzt. Trainer Manni Krafft nahm es seinen Schützlingen nicht übel, dass sie etwas verspätet und nicht ganz taufrisch zu dieser Einheit erschienen. „Als wir kamen, stand er ganz allein auf dem Platz und schoss mit dem Ball gegen die Torwand“, erinnert sich Stegmayer.

Saarbrücker Bundesliga-Rekord

Die Zeiten waren noch etwas anders als heute. „Wir hatten einen Trainer, einen Assistenten und einen Masseur“, umschreibt er das für heutige Verhältnisse sehr bescheidene Funktionsteam. Auch der Presserummel war deutlich reduzierter. „Journalisten standen meistens beim Mannschaftsbus, der außerhalb des Stadions geparkt war, um noch etwas zu fragen. Daneben gab es ein paar Autogrammsammler, die um eine Unterschrift baten“, sagt Stegmayer.

Autogrammwünsche muss der Altenberger auch heute noch ab zu erfüllen. Mit 19 Treffern ist er nach wie vor der erfolgreichste Saarbrücker Bundesliga-Torschütze aller Zeiten. „Das wird wohl noch einige Zeit so bleiben“, sagt er augenzwinkernd. Sein Ex-Klub fristet mittlerweile in der viertklassigen Regionalliga sein Dasein.

Stegmayer, der später noch im Atomkraftwerk Gundremmingen arbeitete, hat körperlich durchaus einen Preis zahlen müssen fürs harte Profi-Geschäft. Zwei künstliche Kniegelenke und eine künstliche Hüfte haben das Alltagstempo des einst so antrittsschnellen Stürmers etwas eingeschränkt. Aber bereut hat er seine Profikarriere nie: „Ich würde es sofort noch einmal machen. Es gibt doch nichts Schöneres, als in der Bundesliga zu spielen.“

Kann der FCH schaffen, was Saarbrücken gelang?

Hat der 1. FC Heidenheim eine Chance, am 3. April bei Bayern München zu gewinnen? „Vielleicht sind die Bayern ja nicht so gut drauf an diesem Tag. Dann kann alles passieren. In einem Spiel ist immer was drin“, glaubt er.

Zu den Heidenheimer Fußballern zieht's den ehemaligen Bundesliga-Profi immer wieder hin. „Was Holger Sanwald und Frank Schmidt da hingekriegt haben, davor kann ich nur den Hut ziehen“, sagt er – vielleicht erst recht am Abend des 3. April.

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