Wiesensteig Karpfen überlebt unter Raubfischen

Mustafa Ünal dirigiert vom Spielfeldrand die U 17-Junioren der Stuttgarter Kickers.
Mustafa Ünal dirigiert vom Spielfeldrand die U 17-Junioren der Stuttgarter Kickers. © Foto: unbekannt
Wiesensteig / Von Thomas Friedrich 20.06.2018
Der Wiesensteiger Mustafa Ünal hat als Trainer die U 17 der Stuttgarter Kickers in der Bundesliga gehalten. ­

Manchmal schwimmt es sich als Karpfen im Hechtteich ganz gefahrlos. Man darf nur keine Fehler machen. So ähnlich müssen sich die B-Junioren der Stuttgarter Kickers in der U 17-Bundesliga fühlen. Dort spielen 14 Mannschaften, zwölf davon mit ihren ersten Herrenteams im Profibereich. Die Männer-Mannschaft der Kickers ist gerade in Liga fünf abgestiegen.

„Man kann es dauerhaft kompensieren, aber man muss vieles richtig mchen“, sagt U 17-Trainer Mustafa Ünal. Die Kickers machen eine Menge richtig, auch die U 19 ist nun in die Bundesliga aufgestiegen. Der Wiesensteiger Ünal hat seine erste Saison unterm Fernsehturm hinter sich.

Ünals Trainerkarriere begann vor knapp zehn Jahren. Seine Jugendtrainertätigkeit beim TSV Obere Fils war gerade vorbei, als ihn ein Unbekannter anrief. Der hieß Holger Wind, war U 17-Trainer beim TSV Neu-Ulm, hatte bereits für die folgende Saison beim SSV Ulm 1846 zugesagt und suchte einen Assistenten. Ünal kannte Wind überhaupt nicht und hat bis heute „keine Ahnung, wie der an meine Handynummer gekommen ist“. Danach gefragt habe er ihn nie, versichert Ünal.

Als Co-Trainer schaffte er gleich im ersten Jahr mit der Ulmer U 17 den Aufstieg in die Bundesliga. Anschließend arbeitete er zwei Jahre als Co-Trainer der Ulmer U 19, bis der Sportliche Leiter Klaus Merkle einen Trainer brauchte, der die U 16 vor dem Abstieg rettete. Ünal nahm an, erfüllte die Mission und wurde hernach zum U 17-Chefcoach befördert; er spielte mit seinem Team eine starke Oberligasaison.

Das letzte halbe Jahr wohnte der Wiesensteiger schon in Stuttgart, weil er dort als Lehrer für Informatik, Wirtschaftslehre, Sport und Technik arbeitet. Seinen erlernten Beruf hat der Handwerksmeister aufgegeben, weil sich die Arbeitszeiten nicht mit den Erfordernissen des Trainerjobs vereinbaren ließen. Als er gerade am Nachdenken war, ob die Pendelei noch länger Sinn hat, kam der Anruf von den Kickers. „Bundesliga vor der eigenen Haustür“, da musste Ünal „nicht lange überlegen.“

Für sechs Mal Training pro Woche plus Spiel plus Video-Analysen findet der 34-Jährige den Lehrerberuf ideal, da lässt sich „leichter mal ein Deputat reduzieren“, als in der freien Wirtschaft die Arbeitszeit verkürzen. Harte Arbeit ist in Degerloch auch nötig, um die Standortvorteile von Liga-Konkurrenten wie Bayern München oder VfB Stuttgart halbwegs auszugleichen. Die von den zur Verfügung gestellten Mitteln her kleinen Kickers im Feld der Nachwuchsteams von deutlich finanzstärkeren Profi-Vereinen, ihre Außenseiterrolle zelebrieren die Blauen. Seine B-Junioren, erklärt Ünal, spielten  gegen Teams, „die holen ihre Stürmer aus Rotterdam – wir aus Winnenden“. Die Kickers schaffen es aber immer wieder, aus ihren Möglichkeiten „das Maximale herauszuholen“, lobt Ünal seinen Club.

Dass in jüngster Vergangenheit mit Julian Nagelsmann und Domenico Tedesco zwei Trainer direkt den Sprung von den Junioren- und den Profibereich schafften, bringt Mustafa Ünal noch lange nicht ins Träumen. Er sieht sich derzeit „total im Nachwuchsbereich“ und stellt sich mit Leidenschaft neben der fußballerischen Ausbildung der Jugendlichen dem „Erziehungsauftrag“, den er dort zu haben glaubt. Und gegen Bayern, VfB oder Freiburg darf er ja ohnedies jede Woche spielen.

Noch Wurzeln in der Heimat

Den TSV Obere Fils und das Täle hat Mustafa Ünal noch lange nicht abgehakt. Dort ist er nach eigenen Worten „groß geworden“ und spielte bis vor zwei Jahren noch aktiv Fußball. Nach dem Aufstieg in die Bezirksliga beendete er seine aktive Laufbahn. „Ich hänge noch am TSV“, versichert der 34-Jährige.

Sein Stammverein ist längst nicht das einzige Bindeglied zur alten Heimat. Ünal wohnt mit seiner Ehefrau in Stuttgart, die komplette Familie dagegen lebt weiter im Täle. Wenn es irgendwie möglich ist, besucht er jede Woche seine Angehörigen. Einen Schlafplatz im elterlichen Haus in Wiesensteig hat er immer noch.

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