2. Liga Union Berlin: Die „Eisernen“ empfangen den FCH

Gelten als besonders treu: die Fans des Fußball-Zweitligisten Union Berlin.
Gelten als besonders treu: die Fans des Fußball-Zweitligisten Union Berlin. © Foto: Eibner
Heidenheim / Thomas Grüninger 10.05.2017
2. Liga: Am Sonntag empfängt Union Berlin den 1. FC Heidenheim – und im Stadion „An der alten Försterei“ kommt Gänsehaut-Gefühl auf, wenn 20.000 Fans Nina Hagens Hymne mitsingen.

Stasi-Chef Erich Mielke war Fan des DDR-Hauptstadtklubs FC Dynamo Berlin. Der Genosse Erich soll den Schiedsrichtern gelegentlich befohlen haben, wann und wie sie in die Trillerpfeife blasen müssen. Folge: Zwischen 1979 und 1988 wurde Dynamo Berlin zehn Mal hintereinander DDR-Meister.Ein Bayern München des Ostens. Dann fiel die Mauer – und der Mielke-Klub in die Bodenlosigkeit.

Diese Geschichte hat viel mit Union Berlin zu tun, denn je mehr die politischen Schwergewichte aus dem einstigen Arbeiter- und Bauernstaat diesen Klub zur Seite drängten, um so mehr liefen ihm die Fußball-Anhänger im Berliner Osten zu. In der Alten Försterei, da wo Union seine Heimspiele bestreitet, hat man sich nie gerne den Mund verbieten lassen.

Wenn sich gegnerische Mannschaften in Erwartung eines Freistoßes im linientreuen Abwehrverbund postierten, erschall von den Rängen schon mal die kollektive Aufforderung: „Die Mauer muss weg.“

140 000 Arbeitsstunden

Das hat Erich Mielke sicher nicht gefallen, aber es begründete den Mythos eines Kultvereins, dessen Publikum für Außergewöhnliches steht. Fans der „Eisernen“ gelten als die treuesten. Beim Umbau des Stadions an der Alten Försterei in der Saison 2008/09 halfen rund 2300 Fans mit. Nach 140 000 Arbeitsstunden und mehreren eingesparten Millionen Euro war das neue „Wohnzimmer“ an der Wuhlheide 263 fertig. So etwas schweißt zusammen.

Mitanpacken hat schließlich Tradition in Köpenick und seiner Eisen verarbeitenden Industrie (daher der Name „die Eisernen“). Humor und Zynismus haben sich die Unioner darüber hinaus auch bewahrt, als 1989 die richtige Mauer fiel und man nicht mehr gegen Mielke spielen musste.

„Scheiße – wir steigen auf“, war in dieser Saison auf einem Plakat zu lesen, als die Berliner plötzlich Tabellenführer waren. Das wiederum hat Coach Jens Keller zur Aussage verleitet: „Ich glaube, ich bin der erste Trainer, der entlassen wird, wenn er aufsteigt.“

Die Sorge ist er seit Montag möglicherweise los. Nach dem 1:3 in Braunschweig haben sich die Hoffnungen auf Etage eins im deutschen Profifußball einen empfindlichen Dämpfer bekommen. Gegen Heidenheim geht's am Sonntag (15.30 Uhr) fast schon um die allerletzte Chance.

Nichts als blaue Flecken

Das wird schwer – auch für Heidenheim. „Die Gegner müssen wissen, dass es in der Alten Försterei außer blauen Flecken nichts zu holen gibt“, hat Bundesliga-Spieler Mirko Votava einst gesagt. Das ist auch aktuell so: Nur zweimal hat Union daheim verloren.

Aber vielleicht ist es ja auch gar nicht so wichtig, wo die Berliner, die 1923 unter dem Vereinsnamen Union Oberschöneweide schon mal deutscher Vizemeister wurden, nächstes Jahr spielen. Wichtig ist auf jeden Fall, dass vor dem Spiel gesungen wird. Seit Rockröhre Nina Hagen 1998 das Loblieb von „Eisern Union“ intonierte, darf der stimmgewaltige Chorgesang aus 20 000 Fußballkehlen vor keinem Heimauftritt fehlen. Laut „Berliner Zeitung“ handelt es sich dabei um „die vielleicht beste Stadionhymne der Welt“ – neben „You'll never walk alone“, versteht sich.

Es sind tiefgehende Textzeilen, die Nina Hagen, selbst am Prenzlauer Berg aufgewachsen, da von sich gibt: Wer spielt immer volles Rohr? Eisern Union, Eisern Union. Wer schießt gern ein Extra-Tor? Eisern Union, Eisern Union. Wer lässt Ball und Gegner laufen? Eisern Union, Eisern Union. Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen? Eisern Union, Eisern Union. Noch 'ne Strophe? Bitteschön: Wo riecht's nach verbranntem Rasen? Eisern Union, Eisern Union. Da wo wir zum Angriff blasen, Eisern Union, Eisern Union. Es kann nur einen geben, Eisern Union, Eisern Union. Wir werden ewig leben, Eisern Union, Eisern Union.

Nina Hagen weiß angeblich, wovon sie singt. In einem Interview mit dem Vereinsmagazin U.N.V.E.U. hat sie verraten: „Mein Vater war ein Unioner. Der hat auch in Treptow-Plänterwald gewohnt. Papa war der absolute eiserne Union-Fan.“

Nicht alle sind begeistert von Nina Hagens Engagement für den Berliner Kult-Klub – trotz des nachgewiesenen familiären Bezugs. „Die Sirene nervt oft schlimmer als ein Stockfehler von Christian Stuff im eigenen Strafraum“, befand ein Kommentator der „Berliner Zeitung“ wenig schmeichelhaft in Richtung der schrillen Diva.

Schließlich, so der Reporter weiter, habe sie schon mal „Zweifel an ihrer Loyalität“ geweckt. Damals, als sie das Lied sang: „Du hast den Farbfilm vergessen, bei meiner Seel, alles blau und weiß (und grün) und später nicht mehr wahr!“

Den Farbfilm vergessen – das wäre kein Problem mehr heutzutage. Wir fotografieren digital.

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