Hermaringen Tim Wohlfardt trainiert Nationaltorhüter

Gewusst wie: Für den Fotografen zog Tim Wohlfardt ein Trikot seines ehemaligen Vereins VfB Stuttgart über.
Gewusst wie: Für den Fotografen zog Tim Wohlfardt ein Trikot seines ehemaligen Vereins VfB Stuttgart über. © Foto: Markus Brandhuber
Hermaringen / Edgar Deibert 14.08.2018
Der Hermaringer Tim Wohlfardt wollte einst Profi werden. Heute bildet er unter anderem Nationaltorhüter aus. Das hat er auch Oliver Kahn zu verdanken.

Große Bühne, immens viele Fans, viel Ruhm, Ehre und Geld. Unzählige Jugendliche träumen davon, eines Tages Fußballprofi zu werden. Doch die Zahl der Arbeitsplätze in der ersten und zweiten Bundesliga ist begrenzt. Geht man davon aus, dass jeder Verein einen Kader von 25 Spielern hat, sind 900 Spieler in den beiden höchsten deutschen Ligen angestellt. Schaut man nur auf die Torhüter (drei pro Verein), sind es gerade einmal 108.

In diese Kategorie fällt Tim Wohlfardt. Wobei dem 20-Jährigen der Begriff „Torspieler“ besser gefällt. Schließlich muss auch der letzte Mann ein Spiel lesen und antizipieren können. Nicht erst seit Manuel Neuer es bei der Weltmeisterschaft 2014 vorgemacht hat.

Unbeirrt von den geringen Erfolgschancen ging Wohlfardt den harten Weg, der viel Disziplin verlangt und Verzicht bedeutet. Etwa Verzicht auf die Familie und Freunde. Schließlich zog der Hermaringer als 17-Jähriger ins knapp 500 Kilometer entfernte Braunschweig, wo er bei der Eintracht einen Zweijahresvertrag erhielt. „Es war eine schwierige Zeit“, sagt er rückblickend.

Zunächst spielte Wohlfardt in der A-Junioren-Bundesliga, später sollte er zu den Aktiven wechseln. Wahrscheinlich zunächst in die Braunschweiger U-23-Mannschaft. Diese spielte lange Jahre in der Regionalliga Nord, tritt aber aufgrund des Abstiegs der ersten Mannschaft in die 3. Liga nun in der Oberliga an.

Zum Zeitpunkt, als Wohlfardt sich dazu entschied, sein Leben neu zu ordnen, wusste er das indes nicht. Vor eineinhalb Jahren machte er Schluss und löste seinen Vertrag in Braunschweig auf. In der Jugend sei dies noch relativ einfach, sagt Wohlfardt. „Und wenn, dann hätten sie mich eben gesperrt. Ich hatte gar keinen Bock mehr, Fußball zu spielen.“

Nötiger Blick von außen

Es war somit eine bewusste Entscheidung gegen die vage Hoffnung, eines Tages vielleicht Fußballprofi zu werden. Diesen Traum, es schaffen zu können, habe auch er durchaus gehabt, sagt Wohlfardt, fügt aber an: „Ich habe eigentlich immer im Hier und Jetzt gelebt und versucht, alles von außen zu betrachten.“

Man müsse auch Prioritäten setzen, so der Hermaringer, der für seine 20 Jahre erstaunlich erwachsen wirkt. „Ich fand es vernünftiger, aufzuhören und zu studieren. Ich kenne genügend Spieler, die nur Fußball im Kopf hatten. Und wenn man kein Profi wird, hat man zunächst nichts.“

Schließlich müssten viele Faktoren stimmen, um Topleistung zu bringen. Und dies sei bei ihm nicht der Fall gewesen. Auch vereinsintern sei er nicht mit allem zufrieden gewesen. „Wenn ich irgendwohin gehe, dann muss alles passen. Und wenn etwas nicht passt, dann ist es mir nicht wert, alles andere dafür aufzugeben“, betont Wohlfardt. Einen Hauptgrund einen anderen Weg einzuschlagen, habe es somit nicht gegeben. Es sei vielmehr das Gesamtpaket gewesen. Er kehrte zurück in seine Heimat und begann an der Internationale Studien- und Berufsakademie Freiburg Sportmanagement zu studieren.

Doch nicht nur das, zuvor machte Wohlfardt die ersten Trainerlizenzen und betreute in der vergangenen Saison die Torhüter der U 15 des 1. FC Heidenheim (Oberliga). Zudem war er Torwarttrainer beim SC Geislingen. „Ich wollte einfach wieder auf dem Platz stehen, aber als Trainer“, so Wohlfardt.

Über Kontakte erhielt er zudem die Chance, sein Talent und seine Erfahrung im Rahmen seines dualen Studiums bei „Goalplay“ einzubringen. Das Unternehmen, dass der ehemalige Nationaltorhüter Oliver Kahn 2016 gegründet hat, ist auf die Ausbildung von Torspielern spezialisiert.

Nun die Seiten gewechselt

Wohlfardt hat also die Seiten gewechselt, vom Aktiven zum Betreuer. Während es für Mannschaftstrainer vorgegeben Lizenzen gebe (Wohlfardt hat die B-Lizenz und macht gerade mit der DFB-Elitelizenz die zweithöchste in Deutschland), fehle so etwas für Torspielertrainer. Hier setze die Academy von „Goalplay“ an, erklärt er.

Einen ersten Höhepunkt seiner neuen Laufbahn gab es Anfang des Jahres: „Goalplay“ bereitete die Torhüter der saudi arabischen Nationalmannschaft auf die Weltmeisterschaft in Russland vor. Zunächst im Januar in Stuttgart, wo Wohlfardt auch Frans Hoek kennenlernte. Der 61-Jährige ist für die Ausbildung der saudischen Nationaltorhüter zuständig und betreute einst den niederländischen Nationaltorhüter Edwin van der Saar, der wiederum Wohlfardts Vorbild war.

Im Februar ging es für Wohlfardt und seine Kollegen nach Saudi Arabien. In Dschidda lernte er einen anderen Kulturkreis kennen. Es sei eine extreme Umstellung gewesen. Und natürlich habe er die Schlagzeilen bezüglich Saudi Arabien im Kopf gehabt. Dabei gerate Fußball in den Hintergrund, sagt Wohlfardt, der dennoch darum bemüht war, Politik und Fußball zu trennen.

Eines Tages Fußballlehrer?

Im Testspiel gegen Deutschland (1:2) zeigte Saudi Arabien später eine gute Leistung, so Wohlfardt. Während der WM kam allerdings das Aus nach der Vorrunde. In allen drei Spielen kam zudem jeweils ein anderer Torhüter zum Einsatz.

Wohlfardt ist anzumerken, dass er stolz darauf ist, bereits Nationaltorhüter trainiert zu haben. Und er hofft auf weitere Projekte. „Es war die einzig richtige Entscheidung“, sagt er rückblickend auf seinen Entschluss, sein Leben in neue Bahnen zu lenken.

Auch wenn es schwierig sei, möchte er eines Tages den Fußballlehrer machen. Ob er sich als Mannschafts- oder doch eher als Torhütertrainer sieht, das habe er aber noch nicht entschieden.

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