Heidenheim Wie kann die Voith-Arena sicherer werden?

Freund oder Feind? Bei Heimspielen des Fußball-Zweitligisten FCH sorgen Polizisten für die Sicherheit der Fans.
Freund oder Feind? Bei Heimspielen des Fußball-Zweitligisten FCH sorgen Polizisten für die Sicherheit der Fans. © Foto: Markus Brandhuber
Heidenheim / Manuela Wolf 29.06.2018
Professor Peter Warndorf von der Dualen Hochschule Heidenheim macht Vorschläge, wie man das Stadion sicher machen könnte.

Bullen hier, Störenfriede da: Wenn es um Fußball geht, sind die Positionen abseits des Rasens klar verteilt. Gefühlt knallt es ständig zwischen Polizisten und Teilen der Fans. Bilder von Randalierern im Gerangel mit Ordnungshütern geistern in ganz Deutschland immer wieder durch die Presse.

Ganz Deutschland? „Nein, eben nicht“, sagt Psychologe Peter Warndorf von der Dualen Hochschule Heidenheim. „Wir leben hier auf einer Insel der Seligen. Bei uns hat es noch nie eine gewaltsame Auseinandersetzung zwischen Polizei und Fans gegeben.“ Aber warum ist die Stimmung dann so mies auf dem heimischen Schlossberg? Warum schimpft dort jeder über jeden, wo doch jeder Einzelne ein Teil des Ganzen ist und ohne den anderen nichts?

Im Rahmen des Projekts „Dialogförderung Polizei – Fußballfans“ suchten Professor Warndorf, der Soziologe Ulrich Auer und Kriminalhauptkommissar Günter Braun vom Polizeipräsidium Ulm nach Antworten. Sie analysierten das Verhältnis zwischen Polizei und Fans. Beide Seiten wurden zuerst getrennt, dann gemeinsam befragt. Wer hat welche Rolle inne, wie wird das eigene Auftreten bewertet und vor allem das des „Gegners“?

Ergebnis: Gefühlte Wahrheit und Wirklichkeit könnten kaum weiter auseinander liegen. Einsatzkräfte in Schutzkleidung werden automatisch als bedrohlich wahrgenommen, Ultras gelten als gewaltbereit. Und jeder, der sich mit seinen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen Anfeindungen wehrt, der Polizist mit einer ruppigen Verwarnung beispielsweise, der Fan mit lautem Schmähgesang, bestätigt die alten Vorurteile.

Problem der Kommerzialisierung?

So weit, so schlecht. Doch beim Gespräch über das Projekt wird deutlich: Nach unten ist noch Luft. Weil Ultras und Polizisten keine in sich geschlossene Einheit bilden, haben viele weitere Gruppen und Ereignisse Einfluss auf das Geschehen in der Voith-Arena. Beispiel: Große Ausschreitungen wie in Dresden, die natürlich auch von hiesigen Fußballfans wahrgenommen werden, könnten eine Art Vorbildfunktion haben. Die unglaubwürdig moralischen Strukturen und Vorgaben an den Vereinsspitzen verstärken das Problem. Warndorf: „Die Kommerzialisierung steht im Vordergrund, das Interesse an den Sportlern und dem Sport an sich wird hintangestellt. Das spüren alle und das erzeugt eine latente Aggressivität.“ Manchmal braucht es dann nicht mehr viel, bis die Stimmung kippt, eine angekokelte Stadionwurst vielleicht oder ein vermeintlich zu Unrecht gegebener Elfmeter.

Knallt es also bald auch in Heidenheim? Dass diese Frage berechtigt ist, zeigt der Titel des Begleithefts zum Projekt: „Kein Handlungsbedarf, aber viel zu tun“. Die Experten präsentieren darin kein Allheilmittel zur Lösung sämtlicher Konflikte. Aber sie raten dringend zum Versuch, Rollenbilder aufzubrechen und Wissen zu vermitteln.

Wo genau angesetzt werden könnte, verdeutlichte eine Online-Befragung unter Polizisten und Fans mit über 700 Teilnehmern. Besonders weit gehen die Ergebnisse bei der Eigen- und Fremdwahrnehmung der Polizei auseinander. Die allermeisten Fans wünschen sich, dass deutlich härter gegen Chaoten vorgegangen wird, fühlen sich andererseits durch die bloße Anwesenheit von Polizisten gestört – und die sehen beides genau andersrum.

„Insgesamt war ich überrascht, wie groß das Interesse der Polizei ist, zu einer Verbesserung der Situation beizutragen“, sagt der Studiengangsleiter an der Fakultät Sozialwesen. „Ich habe empfohlen, weniger sichtbare Präsenz im Stadion zu zeigen, denn das schürt Ängste und Aggressionen. Mein Vorschlag wurde gleich umgesetzt.“

Meist empfiehlt sich in Krisenzeiten der Blick über den Tellerrand hinaus: Wie werden Probleme in anderen Städten gelöst? In diesem Fall rät der Psychologe dringend davon ab. Niemand könne die Ultras ernsthaft aus der Voith-Arena verbannen wollen, „die sind doch das Salz in der Suppe“. Lob gibt's auch für die Vereinsführung, die stets versuche, den Fußball hoch zu halten und die Verankerung des Vereins in der Region zu pflegen. Warndorf: „Aus dem Gegeneinander muss ein Miteinander werden, und das kann gerade in einem stinklangweiligen Städtchen wie unserem gut funktionieren. Wir müssen nicht die Fehler übernehmen, die anderswo gemacht werden. Wir können im Kleinen nach einer Heidenheimer Lösung suchen.“

FCH-Ultras nahmen nicht teil

Angelo Bianco vom Fanprojekt in der Oststadt ist ähnlicher Meinung. Die Ultras, mit denen er in Kontakt steht, hätten zwar keine Lust gehabt, an der Umfrage im Rahmen der Studie teilzunehmen, weshalb deren Meinung und Stimmung nicht abgebildet worden sei. Dennoch liege Professor Warndorf mit seiner Einschätzung richtig: „Wir sind in Heidenheim sicher auf einem guten Weg, egal, wie schwierig es sich manchmal gestaltet. Gerade die Sache mit dem neuen Fan-Beirat dient dazu, dass man in Kontakt bleibt und solche Dinge wie im letzten Jahr nicht mehr passieren. Aber man muss schon schauen, dass es nicht in die falsche Richtung abdriftet.“

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