1. FC Heidenheim Schmidt und die Trainerfrage: „Ich kann das aushalten“

Nicht immer hatte Frank Schmidt während der Vorrunde Grund, entspannt zu lachen. Doch die letzten sieben Punktspiele machen Hoffnung, dass der FCH auch im vierten Zweitligajahr den Klassenerhalt sichern kann.
Nicht immer hatte Frank Schmidt während der Vorrunde Grund, entspannt zu lachen. Doch die letzten sieben Punktspiele machen Hoffnung, dass der FCH auch im vierten Zweitligajahr den Klassenerhalt sichern kann. © Foto: Eibner
Heidenheim / Thomas Grüninger 28.12.2017
Der Trainer des Fußball-Zweitligisten 1. FC Heidenheim hat während der Vorrunde auch die Schattenseiten seines Berufes erleben müssen, Negativdenken bleibt ihm aber fremd.

Schwacher Start, starke Wende: Von Extremen wie nie war der bisherige Saisonverlauf des FCH geprägt. Trainer Frank Schmidt spricht davon, als Trainer „neue Erfahrungen gemacht“ zu haben und hofft, das sein Team nach der Winterpause an die zuletzt gezeigte Stabilität anknüpfen kann. Trotz des jüngsten Aufschwungs bleibt die Situation für die Heidenheimer im Abstiegskampf aber prekär.

Wenn Sie Journalist wären und sollten den bisherigen Saisonverlauf des 1. FC Heidenheim in eine Schlagzeile fassen – wie würde sie lauten?

Vielleicht so: „Schwacher Start wirkt noch nach.“

Wie würden Sie das erklären?

Wir waren immer realistisch genug, um zu sagen, dass der gute Start, den wir in den vergangenen Jahren stets hatten, keine Selbstverständlichkeit ist. Aber wenn man auf die Tabelle schaut, haben wir das falsche Jahr erwischt. Die Situation ist so extrem eng wie noch nie. Wir haben nach nur acht Punkten aus den ersten elf Spielen in den darauffolgenden sieben Partien 14 Punkte geholt. Das ist ein Schnitt von zwei Punkten pro Spiel! Und trotzdem stehen wir nur einen Rang vor dem Abstiegs-Relegationsplatz, mit nur drei Punkten Vorsprung. Der bisherige Saisonverlauf bestätigt unsere Einschätzung, dass Chancen und Risiken in dieser Saison extrem dicht beieinanderliegen.

Das 0:3 am elften Spieltag beim FC Ingolstadt haben Sie als Tiefpunkt bezeichnet. Lag das daran, dass es zu diesem Zeitpunkt bereits das fünfte Spiel ohne Sieg und die dritte Niederlage in Folge war?

Nein, diese Aussage bezog sich rein auf die Leistung meiner Mannschaft in diesem Spiel. Es war enttäuschend, wie wir uns in Ingolstadt präsentiert haben. Deshalb waren danach einige Dinge außer der Reihe notwendig.

Können Sie im Nachhinein sagen, was das für Dinge waren?

Nein, das bleibt intern. Äußerlich konnte man die Veränderungen ja auch an taktischen Umstellungen sehen, wie etwa die Rückkehr zur alten Doppel-Sechs mit Sebastian Griesbeck und Marcel Titsch-Rivero. Was die internen Abläufe betrifft, muss ich an erster Stelle vor allem auch den Führungsspielern und dem Mannschaftsrat ein Kompliment machen. Es ist gelungen, alle in die Pflicht zu nehmen.

Sie setzen vor und nach diesem Ingolstadt-Spiel nach außen sehr unterschiedliche Signale. Was wollen Sie damit bezwecken?

Vor dem Spiel in Ingolstadt habe ich gesagt: Die Karten werden neu gemischt. Das war als Ansporn gedacht vor allem an die, die bisher nicht so zum Zug kamen. Wir hatten in der Länderspiel-Pause ja auch dieses Testspiel gegen Großaspach, bei dem vor allem diese Spieler ihre Chance nutzen sollten. Leider aber hat sich keiner aufdrängen können. Danach war klar: Die bisherigen Stammkräfte brauchen das Vertrauen, das ich ihnen neu ausgesprochen habe. Sie sollten wissen: Wir dürfen auch Fehler machen, solange die Bereitschaft da ist, alles für den mannschaftlichen Erfolg zu investieren.

Sie haben in der Vergangenheit öfter gesagt, dass Sie über die Gabe verfügen, gut abschalten zu können. Ist das in dieser Phase auch noch so gewesen?

Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, man kommt da morgens genauso aus dem Bett wie in Zeiten, in denen es gut läuft. Aber ich habe nie gezweifelt, habe nie alles nur negativ gesehen.

Wie sind Sie damit umgegangen, auch selbst als Trainer in Frage gestellt zu werden?

Man muss lernen, mit solchen Dingen umzugehen. Ich kann das aushalten, lasse diese Themen nicht zu sehr an mich heran. Im Übrigen: Es sind ja in dieser Saison in der 2. Liga schon viele Trainer gewechselt worden, aber die große Wende blieb bislang bei fast allen Vereinen aus, die solche Maßnahmen ergriffen haben.

Zurück zur Situation in der Mannschaft während der kritischen Phase: Muss man in solchen Momenten noch mehr Einzelgespräche führen, also vor allem auch im psychischen Bereich arbeiten?

Ich bin grundsätzlich kein Freund von Aktionismus. Bei uns wird immer viel geredet. Aber vielleicht muss man in so einem Moment auch mal weniger reden, um klar zu machen: Jetzt müssen Taten folgen.

Die Vorrunde war für den FCH wie noch nie von zwei extremen Phasen geprägt. Erst acht Punkte aus elf Spielen, dann 14 Punkte aus sieben Spielen. Wie kam es zu dieser außergewöhnlichen Wende? Es sind ja die gleichen Spieler gewesen. Ist das vor allem Kopfsache?

Das meiste findet in der Tat im Bereich zwischen den Ohren statt. Wir hatten eine Saisonvorbereitung, die fast zu glatt für uns lief. Super Trainingslager, starke Testspielergebnisse. Dann kam dieser tolle Pokalauftritt in Unterhaching, der uns vielleicht auch ein bisschen den Blick verstellt hat. Stück für Stück haben wir danach den roten Faden verloren, gerieten in eine Negativspirale. Da passiert es dann, dass selbst einfache Dinge nicht mehr so leicht funktionieren. Hinzu kam, dass in dieser Phase auch die Leistungsträger noch nicht in Topform waren. Wir wurden auf einmal in der Defensive anfällig, haben in vielen Spielen Fehler gemacht, die wir nicht mehr mit der maximalen Geschlossenheit und Leidenschaft ausgebügelt haben. Das ist jetzt der große Unterschied zur Startphase: Wir machen immer noch Fehler, aber jetzt sind wir wieder selbstbewusst genug, sie auszubügeln.

Und die Mannschaft hat jetzt auch wieder das notwendige Quäntchen Glück - zu sehen an den späten Torerfolgen in den letzten Spielen ?

Das stimmt. Aber ich muss einfach auch sagen, die Mannschaft hat sich hervorragend herausgearbeitet aus einer schwierigen Situation und die Zuschauer wurden entschädigt für die schwache Startphase. Im Übrigen relativiert sich alles. Wir siegten gegen Schlusslicht Kaiserslautern zwar erst in letzter Minute. Aber seit diesem Spiel hat Kaiserslautern nicht mehr verloren.

Wie stark wurmt es Sie trotzdem, dass der FCH mit 33 Gegentoren als defensiv schwächste Mannschaft in die Winterpause ging?

Natürlich gefällt mir das nicht. Ich habe ja selbst schon davon gesprochen, dass wir die Schießbude der Liga sind. Vom Gefühl her haben wir uns am Anfang zu lange und zu intensiv mit so Themen wie Ballbesitz, Torchancen herausspielen oder Flexibilität beschäftigt. Aber klar ist: Das A und O ist am Ende das Zweikampf-Verhalten, also die Eins-gegen-Eins-Situationen. Daran hängt die Frage, wieviele Gegentore ich bekomme. In vielen Spielen haben uns vielleicht fünf bis zehn Prozent zur notwendigen Entschlossenheit gefehlt. Hinzu kam eine gewisse mentale Schwäche: Wir schießen ein Tor, wir kriegen ein Tor. Das war häufig unser Problem. Es ist definitiv unser Ziel, auch eine 1:0- oder 2:1-Führung in Punkte umzusetzen.

Sie haben es nicht angesprochen, aber es gab ja auch viele Ausfälle vor allem im Defensivbereich. Wie schwierig ist es, gerade in so einer Phase, die Abwehrkette und dass defensive Mittelfeld immer wieder umzubesetzen?

Vor allem rechts hinten hatten wir Probleme: Robert Strauß fiel aus, Marnon Busch war verletzt, dann auch Ronny Philp. Im Zentrum fehlten Mathias Wittek und Timo Beermann immer wieder kurzfristig, im Mittelfeld später auch Sebastian Griesbeck. Kevin Kraus ist nach seiner langen Verletzungszeit noch nicht bei 100 Prozent. Aber das ist auch eine meiner großen Hoffnungen, dass er im weiteren Saisonverlauf zu alter Stärke zurückfindet und so wieder extrem wertvoll für uns wird.

Ärgert es Sie auch, wenn ein Spieler wie Mathias Wittek immer wieder Sperren riskiert? Er fiel ja in dieser Hinsicht schon dreimal aus: fünfte gelbe Karte, rot gegen Holstein Kiel, nachträgliche Sperre wegen der Handgreiflichkeiten nach der Partie in Düsseldorf?

Das ist sein Spiel, es lebt auch aus der Emotionalität heraus. Diesbezüglich werde ich ihn ganz sicher nicht bremsen. Aber natürlich ist es auch wichtig, sich bei Auseinandersetzungen außerhalb des Spiels im Griff zu haben.

Wie sehen Sie die Entwicklung bei den Neuzugängen?

Grundsätzlich ist es ja so, dass wir Spieler verpflichtet haben, die noch nicht High-End sind, also auf dem Zenit ihrer Leistungsfähigkeit. Robert Glatzel spielt sein erstes komplettes Jahr in der 2. Liga, Kolja Pusch ebenfalls. Maxi Thiel war lange verletzt, Nikola Dovedan hat selbst gesagt, dass es deutliche Unterschiede gibt zwischen österreichischer Erstklassigkeit und deutscher Zweitklassigkeit. Auch Marnon Busch ist ein junger Spieler, der noch viel dazulernen kann. Alle können und sollen sich noch weiterentwickeln. Wir haben allerdings hier auch ein ausgeprägtes Leistungsprinzip, einen Welpenschutz gibt es ganz sicher nicht. Dovedan beispielsweise war anfangs der Neuzugang mit den meisten Einsätzen, hatte aber Pech, dass er ausgerechnet mit dem Pokalspiel in Regensburg, als die erfolgreiche Phase begann, krank war. Ich erwarte von ihm sehr viel im neuen Jahr. Aber er muss wie alle anderen auch bereit sein, sich auf unser Spiel einzulassen.

Vor allem in den letzten Spielen hat sich nochmals gezeigt, wie wichtig Marc Schnatterer nach wie vor für die Mannschaft ist: Tore in der Nachspielzeit gegen Kaiserslautern, in Düsseldorf, Torvorbereitung in Aue, Treffer im DFB-Pokal gegen Eintracht Frankfurt. Wie beurteilen Sie Ihren Kapitän?

Wenn es zählt, ist er da. Marc ist für solche Momente geboren. Ich habe ja schon gesagt, als Trainer kann man stolz sein, einen solchen Spieler in seinen Reihen zu wissen. Als Kapitän klärt er zudem intern viele Themen mit der Mannschaft.

Was wird das hauptsächliche Thema der Wintervorbereitung sein?

Zunächst einmal haben wir ja wenig Zeit, am 24. Januar ist schon das erste Punktspiel gegen Braunschweig. Natürlich geht es im Trainingslager verstärkt um die Defensivarbeit. Elementares Abwehrverhalten wird ein Schwerpunkt sein.

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