Interview Niederlechner über erstes Saisontor, Lernprozesse und Glücksmomente

Hingehen, wo's wehtut: Stürmer Florian Niederlechner (hier gegen den Braunschweiger Vegar Hedenstad) lässt sich ungern stoppen.
Hingehen, wo's wehtut: Stürmer Florian Niederlechner (hier gegen den Braunschweiger Vegar Hedenstad) lässt sich ungern stoppen. © Foto: Eibner
Heidenheim / Thomas Grüninger 27.08.2014
Vorne läuft's ganz gut beim Fußball-Zweitligisten 1. FC Heidenheim: Sechs Tore in vier Pflichtspielen – das kann sich für einen Neuling sehen lassen. Neben seinen Sturmkollegen Patrick Mayer und Adriano Grimaldi hatte vergangenen Samstag auch Florian Niederlechner sein erstes persönliches Erfolgserlebnis in der noch jungen Saison.

Florian Niederlechner, Sie haben gegen 1860 München Ihr erstes Zweitligator erzielt. Wie wichtig war das fürs Selbstvertrauen?

Sehr wichtig, nachdem ich in den Spielen zuvor auch schon Chancen hatte, die ich aber nicht verwerten konnte. Als Stürmer wird man nun mal an Toren gemessen – und ich weiß jetzt, ich kann's auch in der 2. Liga. Aber natürlich war der Treffer zu diesem Zeitpunkt vor allem für die Mannschaft wichtig.

Nach dem starken Pass von Robert Leipertz marschierten Sie vor dem 1:1 unaufhaltsam auf den Torwart zu. Was geht in so einem Moment in Ihrem Kopf vor?

Das Gute war, dass ich noch diesen Zweikampf gegen Chris Schindler bestreiten musste. Dadurch hatte ich nicht viel Zeit zum Überlegen. Nachdenken ist in so einer Situation meistens nicht gut. Ich habe einfach kurz hochgeschaut und geschossen – lange Ecke und rein.

War's auch eine gewisse Genugtuung, dass Sie ausgerechnet gegen Ihren Lieblingsverein 1860 München getroffen haben, gegen den Sie ja im Vorjahr im DFB-Pokal noch einen Elfmeter verschossen hatten?

Dass ich damals gescheitert bin, war für mich schon ein kleiner Schlag ins Gesicht. Ich war einfach übermotiviert. Vor dem Punktspiel am Samstag hat meine Mama noch zu mir gesagt: Wirst sehn, diesmal triffst gegen 1860. Und so ist es ja auch gekommen.

Als einziger FCH-Stürmer standen Sie bislang in jedem Spiel gegen eine Zweitliga-Mannschaft (einschließlich DFB-Pokal) in der Startelf. Hatten Sie damit gerechnet, dass es schon zu Beginn so gut für Sie läuft?

Für mich war es wichtig, dass ich zum Ende der vergangenen Saison noch gut in Form war. Den Schwung konnte ich mitnehmen in die 2. Liga. Ich hatte einfach ein gutes Gefühl – und ein gutes Gespräch mit dem Trainer. Und dann lief auch die Vorbereitung sehr gut. Die Tore gegen Dortmund und Stade Rennes – das gibt natürlich enorm Selbstvertrauen.

Wie sind die zwei grundverschiedenen Halbzeiten gegen 1860 München zu erklären?

In der Form hatte ich das auch zum ersten Mal erlebt. Wir hatten bis zur Pause ja überhaupt keinen Zugriff ins Spiel, die haben uns richtig hinterherlaufen lassen. Ich sag mal so: Wir waren sicher etwas überrascht darüber, wie die Sechziger an diesem Tag gespielt haben und wie gut sie drauf waren.

Was geht einem nach einer solchen Halbzeit in der Pause durch den Kopf?

Wir haben uns gesagt: Es steht nur 0:1, es ist noch nichts passiert und noch alles drin. Der Trainer hat uns brutal heiß gemacht, die Fans waren sofort da. Und dann haben wir ein Feuerwerk abgebrannt.

War das auch eine wichtige Erfahrung für die Mannschaft, dass man gespürt hat: Wir können auch in dieser Liga ein Spiel noch drehen?

Auf jeden Fall. Es ist schon unglaublich, welche Erfahrungen wir in diesen ersten drei Punktspielen schon gesammelt haben. Zweimal – gegen Frankfurt und gegen 1860 – lagen wir zu Hause 0:1 hinten und haben, auch wenn es ganz unterschiedliche Gegner waren, einen Rückstand aufgeholt oder noch gedreht. In Braunschweig konnten wir dann erfahren, was es heißt, richtig clever zu spielen. Wir haben eine riesige Statistik, was Ballbesitz, gewonnene Zweikämpfe und ähnliches betrifft – aber verlieren 0:3.

Wo liegt der große Unterschied zur 3. Liga?

In der individuellen Klasse. In der 2. Liga gibt es einfach sehr gute Einzelspieler. Und das taktische Verhalten der Mannschaften ist auch etwas anders. Die Verteidiger lassen sich nicht so weit rauslocken. Das kommt meiner Spielweise entgegen. Ich habe jetzt mehr Platz als in der 3. Liga.

Wie geht man als Spieler damit um, dass der Trainer in diesem Jahr häufiger rotiert?

Es geht ja um die Mannschaft, und da gibt es auch taktische Erwägungen. Gegen Union Berlin zum Beispiel waren wir anders formiert und, wie ich finde, taktisch hervorragend eingestellt. Es ist schon ein bisschen anders als im vergangenen Jahr, aber im Endeffekt muss man die Entscheidungen des Trainers akzeptieren.

Philipp Riese musste vergangenen Samstag schon nach 26 Minuten vom Platz. Ganz schön hart, oder?

Ich habe in solchen Dingen ja auch meine Erfahrungen gesammelt – und sage nur: Kiel! Da mussten Sven Sökler und ich schon nach einer halben Stunde vom Feld. Das war eine meiner schlimmsten Erfahrungen.

Wie gehen Sie heute mit dieser Erfahrung um?

Mit Sven Sökler habe ich darüber geflachst, als er sich jetzt nach Saarbrücken verabschiedete: Söki, weißt du noch, unser größter gemeinsamer Moment: Kiel 2013. Aber ernsthaft: Ich hatte vergangene Saison eine super Anfangsphase. Dann kam das Spiel in Kiel, und ich saß die nächsten Spiele erst einmal auf der Bank. Ich habe mir fest vorgenommen, so etwas will ich nie mehr erleben.

Sie sind seit eineinhalb Jahren beim FCH. Wie haben Sie sich in dieser Zeit persönlich verändert?

Ich bin ganz einfach erwachsener geworden, professioneller. Und athletischer, was mir jetzt auch mein ehemaliger Hachinger Trainer Manuel Baum bestätigte. Wenn man sich das vorstellt: Vor vier Jahren war ich noch als Industriekaufmann tätig, habe nebenher bei Ismaning in der Bayernliga gespielt. Die Profikarriere hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon komplett abgeschrieben. Aber ich hatte Glück, dass im zur rechten Zeit die richtigen Leute um mich hatte.

Inwiefern?

Ich hatte einen Sturmkollegen, der Mio Stepic, dem habe ich unheimlich viel zu verdanken. Der hat mir die Bälle aufgelegt, hat mich auf den Boden der Tatsachen heruntergeholt, wenn es notwendig war. Dann hatte ich Glück, dass mich Manni Schwabl nach Unterhaching holte. Und dann hatte ich auch noch Glück, dass sich Co-Trainer Manuel Baum beim damaligen Chefcoach Heiko Herrlich für mich einsetzte. Ich wurde gegen die österreichische Mannschaft von Austria Lustenau getestet und habe so gut gespielt, dass ich ab diesem Zeitpunkt zur Mannschaft gehörte.

Ist Fußballprofi immer noch ein Traumjob für Sie?

Auf jeden Fall. Sein Hobby zum Beruf zu machen – das ist für jeden Menschen auf der Welt ein Traum.

Sie sind erst 23: Wie geht der Traum weiter?

2. Liga, das war mein Ziel. Hier bin ich angekommen, hier will ich mich etablieren mit möglichst vielen Einsätzen und möglichst vielen Toren. Alles was jetzt noch kommt, ist Zugabe.

Am Samstag geht's nach Karlsruhe – was ist da drin für den FCH?

Der KSC ist eine richtig eklige Mannschaft, die haben ein brutales Umschaltspiel. Aber wenn es uns gelingt, defensiv gut zu stehen und die eigenen Möglichkeiten zu nutzen, dann sind wir nicht chancenlos.

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