Heidenheim Wie sogar kleine Vereine Spieler (mit Geld) locken

Ein paar hundert Euro fürs regelmäßige Kickstiefelschnüren: Längst kann man auch in den untersten Fußballklassen ganz ordentlich nebenher Geld verdienen.
Ein paar hundert Euro fürs regelmäßige Kickstiefelschnüren: Längst kann man auch in den untersten Fußballklassen ganz ordentlich nebenher Geld verdienen. © Foto: Sabrina Balzer
Heidenheim / Mathias Ostertag 18.01.2018
Kaum ein Unterschied zum Profigeschäft: Auch in den unteren Spielklassen kann man mittlerweile ganz gut nebenher Geld verdienen. Kaum jemand will aber offen darüber reden, welche Summen dabei fließen.

Um die 200 Euro für neue Kickschuhe, bis zu 500 Euro (oder mehr) Handgeld für den Vereinswechsel und ein Spritgeld von 250 Euro. Pro Monat, versteht sich: Wenn Fußballvereine in den untersten Fußballligen einen Spieler unbedingt verpflichten wollen, sind der Kreativität der monetären Lockmittel kaum noch Grenzen gesetzt. Auch in der Region.

Bis in die untersten beiden Spielklassen des Bezirks Kocher/Rems, also die Kreisligen A3 und B5, werden Anreize gesetzt, damit Spieler, die meist über Erfahrung in höherklassigen Ligen verfügen, freiwillig auf das höhere Leistungsniveau verzichten, finanziell aber kaum Abstriche machen müssen. Natürlich ist der zeitliche Aufwand in der Kreis- und auch der Bezirksliga deutlich geringer, als wenn man an den Sonntagen in der Verbands- oder Landesliga für Auswärtsspiele teils bis in den Stuttgarter Raum reisen muss.

Kameradschaft ist schön. Aber: Ohne Moss nix los

Bei manchem Spieler dürften auch die Themen Kameradschaft, weniger Konkurrenzdruck und gute Stimmung im Team den Ausschlag geben, sich einem unterklassigen Team anzuschließen. In der Regel gilt mittlerweile aber vielerorts: ohne Moos nix los. Auch in den untersten Fußballligen.

Moris Zia weiß das nur zu genau. Der 31-jährige Abwehrspieler hat in den vergangenen Jahren bei unterschiedlichen Vereinen im Raum Ulm/Langenau gespielt und ist seit Anfang der Saison beim FC Langenau einerseits als Innenverteidiger gesetzt, andererseits beim Ulmer B-Kreisligisten neben Chefcoach Fabian Frank als Co-Trainer. Zia weiß, wie das Geschäft funktioniert.

„Egal ob in Ulm oder im Bezirk Kocher/Rems: Überall bekommen Spieler Geld fürs Kicken“, sagt er. „Oder glaubt jemand im Ernst, dass ein ehemaliger Drittliga-Keeper des FCH in die Kreisliga A wechselt, weil die Kameradschaft in dem Verein besonders toll ist?“

Plötzlich 40 Tore in 20 Spielen

Der 31-Jährige kennt einige Beispiele von Spielern, die in der Regel mit ihrer Forderung nach finanzieller Unterstützung in jeglicher Form durchkommen. „Spieler, die in der Regional-, Ober- oder Verbandsliga aktiv waren, kennen das Fußballspielen ohne Bezahlung gar nicht. Und wenn dann ein Bezirksligist bereit ist, die Forderungen zu erfüllen, dann gibt es in den unterklassigen Ligen plötzlich Spieler, die in 20 Spielen 40 Tore schießen“, so Zia weiter.

Im Ulmer Raum sei das Thema Bezahlung im Fußball aufgrund der höheren Dichte an potenziellen Sponsoren sogar noch ein größeres, weiß der 31-Jährige. Der Bezirksligist Türkspor Neu-Ulm sei ein solches Beispiel. „Dort hat man in den vergangenen Jahren reihenweise Spieler mit höherklassiger Erfahrung verpflichtet.“

Auch in den Spielerkadern von Vereinen aus dem Kreis Heidenheim tummeln sich etliche Spieler, die mit jedem Spiel und jeder Trainingseinheit ihr Einkommen aufstocken.

Offen darüber reden, welche Summen gezahlt werden, welche Ablösesummen anfallen, mit welchen Sonderleistungen Spieler gelockt werden, will auf Nachfrage kein Verein. Zu heikel scheint für die Verantwortlichen in den Fußballabteilungen das Thema zu sein, alle befürchten sie, dass durch zu viel Offenheit ein schlechtes Bild auf den eigenen Verein geworfen werden könnte.

250 Euro im Monat nicht unüblich

Ein beliebtes Mittel, wie man Spieler von auswärts an den eigenen Verein bindet, ist klassischerweise das Fahrtgeld. Laut Moris Zia werden schon mal für monatlich acht bis zwölf Trainingseinheiten und vier Pflichtspiele 250 Euro fällig – und zusätzlich gibt es dann weitere 100 Euro auf die Hand. „Klar holt man sich damit Qualität in den Kader, weil es sich in der Regel um einen Spieler handelt.

Als Gegenleistung wird vom Spieler aber auch verlangt, dass er immer im Training ist und auch sonntags zur Verfügung steht.“ Er halte dies grundsätzlich auch nicht für verwerflich, wenn der Spieler entsprechende Qualität mitbringe. „Das Problem ist, dass mittlerweile jeder sprichwörtlich halbblinde Fußballer Geld fürs Kicken haben will.“

Auch mal aufrunden

Der Funktionär eines Vereins, der in der Kreisliga A3 seit Jahren vorne in der Tabelle zu finden ist, sagt: „Es ist kein großes Geheimnis: ohne Moos nix los.“ Er gibt auch unumwunden zu, dass gewisse Spieler in seinem Team finanziell entschädigt werden. Jedoch geschehe dies, wie bei anderen Vereinen auch, ausschließlich über Fahrtgeld oder indem neuen Spielern etwa Zuschüsse bei der Ausrüstung gewährt würden. „Wenn ein Spieler zum Beispiel 85 Euro Fahrtgeld bekommt, wird schon mal auf 100 Euro aufgerundet.“

Noch viel wichtiger als das Geld sei ohnehin das Gesamtpaket, das man einem neuen Spieler bieten könne: „Wenn das Mannschaftsklima passt, wenn man zum Beispiel beruflich und familiär neue Prioritäten setzen will, dann macht man eben auch mal eher Abstriche, wenn es ums Fußballspielen geht“, erklärt er die teils namhaften Wechsel zu seinem Verein in den vergangenen Jahren. Ihm selbst sei es ein Dorn im Auge, dass Spieler heutzutage in Verhandlungen über einen Wechsel immer nur das Geld im Blick hätten. „Als ich noch in der Kreisliga A gespielt habe, ging es darum, Spaß am Fußballspielen zu haben. Da war das Geld überhaupt nicht wichtig.“

200 Euro vom Abteilungsleiter

Auch andere Vereine aus dem Kreis Heidenheim nutzen das meist durch Sponsorenzahlungen erwirtschaftete Geld, um bestimmte Spieler an den Verein zu binden. „Mir hat der Abteilungsleiter auch 200 Euro im Monat angeboten“, erinnert sich ein Spieler eines Kreisligisten. Die gleiche Summe habe man auch seinem ehemaligen Mitspieler gezahlt. Auch Handgelder für Vereinswechsel seien üblich, diese Summen machten in Fußballerkreisen bei Transfers bestimmter Spieler schnell die Runde.

Gerade in der Winterpause werden die Handgelder ergänzend zu den ohnehin anfallenden Ablösesummen als Mittel genutzt, um Spieler, die Qualität mitbringen, von ihren Vereinen loszueisen. Denn in der sogenannten Wechselperiode II (1. bis 31. Januar) ist es für Vereine nicht ohne weiteres möglich, einen Spieler ohne Zustimmung des abgebenden Vereins „herauszukaufen“.

Sprich: egal, wie hoch der aufnehmende Verein die Ablösesumme auch ansetzt, kann der abgebende Verein einen Wechsel immer ablehnen.

Kicken als eine Art Nebenjob?

In der Regel kommt das Geschäft dennoch zustande – auch, weil die sogenannten „Entschädigungsbeträge“ entsprechend hoch sind. Da werden laut einem Insider in der Kreisliga schon mal Ablösesummen von 750 bis 800 Euro aufgerufen – egal ob ein Spieler nun in die Kreisliga wechselt oder von dort in eine höherklassige Liga. „Und die Gelder fließen ohne große Diskussion, egal ob es nun die Einmalzahlungen sind oder die Ablösesummen“, sagt der Insider.

Der Spieler eines Kreisligisten ist sich sicher, dass bis auf ein paar wenige Ausnahmen die meisten Vereine bei der Verpflichtung von Spielern, die Qualität mitbringen, so handelten. Das betreffe Bezirksligisten genauso wie Kreisligisten.

Für Moris Zia ist der Erfolg, den man einkauft, der wesentliche Grund, warum viele Teams landauf, landab Spieler anderer Vereine mit Geld locken. „Das bringt in der Regel sportlich auch etwas“, sagt er. Für viele Spieler sei es wie ein Nebenjob, bei dem man ganz ordentlich Geld verdiene. „Wer fürs Kicken bezahlt wird, sollte aber auch entsprechend Leistung zeigen und mit gutem Beispiel vorangehen“, fordert er.

Jedenfalls sei es naiv zu glauben, ein talentierter Spieler wechsle freiwillig in eine untere Liga, weil ihn vor allem die Kameradschaft in einer Mannschaft begeistert. Zia: „Um sich langfristig sportlichen Erfolg zu sichern, braucht man eine gute Jugendarbeit. Und wenn es an talentierten Spielern fehlt, muss man eben Geld ausgeben.“ Auch in der Kreisliga.

Vereinswechsel in der Winterpause: Was ist zu beachten?

Die Winterpause bietet gerade für unzufriedene Spieler die Möglichkeit, mit einem Vereinswechsel den Absprung zu wagen. Dabei gilt es einiges zu beachten.

Zunächst einmal musste sich der Spieler, der in dieser Wechselperiode II (1. bis 31. Januar) einen neuen Klub suchte, bis zum 31. Dezember bei seinem alten Verein abmelden.

Laut Württembergischen Fußballverband (WFV) ist in der Wechselperiode II die Erteilung einer sofortigen Spielerlaubnis nur dann möglich, wenn der abgebende Verein dem Vereinswechsel zustimmt.

Lehnt der abgebende Verein die Verpflichtung des Spielers durch einen anderen Klub ab, kommt kein Wechsel zustande. Denn anders als in der Wechselperiode I im Sommer (1. Juli bis 31. August) kann ein Spieler auch nicht durch Zahlung einer festgelegten Entschädigung von seinem alten Verein losgeeist werden. Meist einigen sich die Vereine aber auf eine mindestens dreistellige Ablösesumme, sodass der Wechsel doch zustande kommt.

Die Höhe der Entschädigung richtet sich dabei nach der Spielklassenzugehörigkeit der ersten Mannschaft des aufnehmenden Vereins.

In der Bezirksliga etwa sollen laut Aussage eines Vereinsvertreters, der nicht namentlich genannt werden will, im Winter zwischen 1000 und 2000 Euro für Spieler bezahlt werden.