Tradition Seit 1920 wird auch in Gaildorf gekickt

Die Fußballmannschaft des Sportvereins Gaildorf im Jahr 1924 - vier Jahre nach der Vereinsgründung. Privatfoto
Die Fußballmannschaft des Sportvereins Gaildorf im Jahr 1924 - vier Jahre nach der Vereinsgründung. Privatfoto
RE/JJS 16.04.2013
Auch wenn Fußball wahrscheinlich eine viel längere Tradition hat, so gilt England doch als das Mutterland des modernen Fußballs. 1857 wurde dort mit dem Sheffield F. C. der erste Fußballklub der Welt gegründet, 1863 folgte der erste Verband, die Football Association FA.

Auch wenn Fußball wahrscheinlich eine viel längere Tradition hat, so gilt England doch als das Mutterland des modernen Fußballs. 1857 wurde dort mit dem Sheffield F. C. der erste Fußballklub der Welt gegründet, 1863 folgte der erste Verband, die Football Association FA.

Über die Schweiz, wo englische Schüler in den Privatschulen der Genfersee-Region den Fußballsport eingeführt haben, kam der Mannschaftssport auch nach Deutschland: 1874 führte Konrad Koch das Fußballspiel ein - zwar nur in den deutschen Schulsport und das Spiel hatte noch mehr mit Rugby als mit "Association Football" zu tun. Dennoch gilt das Datum als Anfang des Fußballspiels in Deutschland. Der Gymnasiallehrer aus Braunschweig machte es den Schweizern nach, die Vereine wie den FC Barcelona (von Hans Gamper am 29. November 1899) oder Inter Mailand gründeten - jawohl die Schweizer waren es!

Dem Sport kam in der Kaiserzeit des 19. Jahrhundert nur eine untergeordnete Bedeutung zu. Und wenn, dann standen andere Disziplinen wie Turnen im Vordergrund. So vollzog sich die Entwicklung schleppend. Im Winter 1881/82 trugen in Berlin und Hamburg anwesende Engländer das erste "Association Fußballspiel" aus. Erst Ende der 1880er-Jahre gründeten sich eine Vielzahl von Fußballklubs. Am 15. April 1888 wurde mit dem BFC Germania 1888 der älteste noch existierende, deutsche Fußballverein gegründet. Der Deutsche Fußballbund (DFB) folgte im Jahr 1900, das erste offizielle Länderspiel wurde am 5. April 1908 ausgetragen - fast folgerichtig gegen die Schweizer Nationalmannschaft - und 3:5 verloren. Der Weg zum Volkssport Nummer 1 war aber noch weit.

Der Fußballsport in der Region kann bei Weitem nicht mit der Geschichte der übrigen Sportvereine mithalten: Bereits 1848 wurde in Gaildorf ein Turnverein gegründet, es sollte 72 Jahre dauern, bis die Fußballspieler folgten.

Man schrieb das Jahr 1920. Der Erste Weltkrieg war gerade vorüber, als sich in Gaildorf eine unentwegte Schar von Idealisten zusammenschloss, um sich dem Fußballsport zu widmen. Vielleicht war dies ihre Form, die Probleme, Not und Ungewissheit in der noch jungen Weimarer Republik zu meistern oder zumindest für kurze Zeit vergessen zu lassen. Ein Wegbereiter für den Fußball war vielleicht auch der Krieg selbst. Zuvor kamen die Menschen aus dem Limpurger Land kaum in die Welt hinaus. Schon eine Reise nach Heilbronn (dort gab es seit 1896 einen Fußballklub) war eine Weltreise. Während des Krieges kamen die Männer mit neuen Ideen, Kulturen und eben auch anderen Sportarten in Kontakt.

Allerdings war das Vorhaben, Fußball zu spielen, alles andere als einfach. Bekanntlich gehören ja zu einem Fußballspiel zwei Mannschaften. Im ganzen damaligen Oberamtsbezirk Gaildorf gab es keine weiteren Kicker - und in der Nachbarschaft: Am 22. Juli 1912 wurde der Sportverein Hall (heute Spfr. Hall) gegründet, 1923 der VfR Murrhardt.

Außerdem hatten die Gaildorfer Fußballer ein weiteres Problem: Zur Ausübung ihres Sports benötigten sie einen Sportplatz, der zum damaligen Zeitpunkt (noch) nicht vorhanden war. Auch das Verhältnis zu den Turnern und deren damaligen Verein war alles andere als optimal. Alle Verhandlungen, einen gemeinsamen Verein zu gründen, waren nicht von Erfolg gekrönt. Und so wurde am 19. September 1920 in Gaildorf ein zweiter sporttreibender Verein gegründet, der sich schlicht "Sportverein" nannte - bei dem auch noch geturnt wurde und es eine leistungsstarke Sängerabteilung gab. Zumindest was das Sportgelände betraf, gab es Fortschritte: Graf Pückler stellte die sogenannte Rennwiese für die ersten Spiele zur Verfügung, ein erster Anfang war gemacht. Im ersten Spiel standen sich Gaildorf und ein Gästeteam aus Murrhardt gegenüber, das die Gäste von der Murr knapp mit 3:2 gewannen.

Erst die Rennwiese und dann ein Platz an der Seestraße

Ein weiterer Meilenstein in der Fußballgeschichte der Region folgte 1922: Die Fußballer entschlossen sich in der Seestadt ein vereinseigenes Spielfeld anzulegen. In monatelanger, täglicher, freiwilliger Arbeitsleistung wurde der See aufgefüllt und so entstand ein Spielfeld. 16 Jahre lang erlebte der Seestadtplatz so manche Fußballschlacht. 1938 wurde der Platz für Siedlungszwecke verwendet und als Ersatz stellte die Stadtverwaltung dem Verein die Bleichwiese zur Verfügung, wo noch bis heute die Fußballspiele des TSV Gaildorf ausgetragen werden.

Viele Versuche, die beiden Gaildorfer Vereine - den Turnverein und den Sportverein - zu einem Verein zu fusionieren, scheiterten. Die Fusion erfolgte erst 1936. Es war keine Liebesheirat, sondern der politische Druck des allgegenwärtigen NS-Regimes und die Weitsicht der beiden Vereinsvorstände Hermann Schwend und Fritz Bernlöhr sowie Bürgermeister Hermann. Der neue Verein trug den Namen Turn- und Sportverein Gaildorf.

Der Spielbetrieb der Gaildorfer Fußballer wurde durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen. Der Krieg forderte viele Opfer auch unter den Fußballern.

1945 stand der Neuaufbau an und der Strom der Heimatvertriebenen brachte auch manchen guten Fußballer nach Gaildorf. Im Herbst 1945 gab die Militärregierung die Genehmigung, den Spielbetrieb wieder zu eröffnen. Die äußeren Umstände waren trostlos: Einen einheitlichen Dress aufzutreiben oder sich Fußballstiefel zu organisieren war mehr als schwierig. Zu Auswärtsfahrten ging es auf der Pritsche eines Lasters . . .

Aber das Fußballgeschehen normalisierte sich schnell. Die Nachkriegszeit brachte die Gründungen vieler neuer Vereine, bei denen der Fußball oft im Vordergrund stand, bzw. von Fußballabteilungen.

Selbst diese "jungen" Vereine blicken nunmehr auf eine 60-jährige Tradition zurück, die Fußballer des TSV Gaildorf marschieren auf die "100" zu - den Rekord in Deutschland hält aber der BFC Germania 1888. Der Berliner Klub feierte gestern seinen 125. Geburtstag.