Fußball Mexikaner auch „fußball-verrückt“

Alexander Schiffer und Monique Kronewetter freuen sich in ihrer Wahlheimat auf die WM.
Alexander Schiffer und Monique Kronewetter freuen sich in ihrer Wahlheimat auf die WM. © Foto: dsdasdasdasda
Frankenhardt / pm 16.06.2018

Inzwischen bin ich 27 Jahre alt und als sogenannter „Expat“, Qualitätsingenieur bei der Daimler AG, tätig. Das ist auch der Grund, warum es uns, meine Freundin und mich, nach Mexiko verschlagen hat. Wir bauen hier in Kooperation mit Nissan ein Produktionswerk auf, in dem ich die Qualität von Verbindungstechniken im Auto sicherstelle.

Wir sind seit eineinhalb Jahren in Aguascalientes, im Herzen Mexikos und fühlen uns sehr wohl. Man muss aufpassen, weil der Sicherheitsstandard doch nicht so hoch ist wie in Deutschland– das ist aber alles zu handeln. Man kann hier viel Sport machen, in den „Condominios“, den gesicherten und überwachten Wohngebieten, sind meistens Tennis-, Basketball- und natürlich Fußballfelder zur freien Verfügung. Selbst in den Parks, quer über die Stadt verstreut, finden sich überall Straßen-Fitnessgeräte und Fußballfelder.

Aguascalientes hat auch eine sehr gute Turnhalle für meine alte Leidenschaft, das Kunstturnen. Allerdings musste ich ja meine Karriere nach dem großen Erfolg des Aufstiegs in die 2. Bundesliga mit meiner Mannschaft aus gesundheitlichen Gründen an den Nagel hängen. Die Arthrose in meinem linken Ellenbogen hat es mir nicht mehr erlaubt zu turnen. Letztendlich machen Monique und ich jetzt immer zusammen Freeletics, um fit zu bleiben.

 In Mexiko ist Fußball genauso Nationalsport, wie in Deutschland. Es sagt eigentlich schon alles, dass meine Arbeitskollegen wissen, dass die Mexikaner Ricardo Osorio und Pavel Pardo beim VfB gespielt und dem Club 2006 zur Meisterschaft verholfen haben, wenn sie auf ihre Frage, Fan welchen deutschen Clubs ich sei, von mir den VfB Stuttgart genannt bekommen. Deutschland ist in Mexiko sportlich sehr hoch angesehen. Hier gibt es ein professionell organisiertes Ligasystem, das allerdings bei weitem nicht so weit runter geht, wie in Deutschland. Es gibt die erste Liga, in der auch der Club aus Aguascalientes – Necaxa – spielt und noch ein paar Ligen drunter.

Fußballerisch fühlen wir uns hier fast wie zu Hause, weil Necaxa in Mexikos Liga in etwa den Stellenwert einnimmt, wie meine vorherige Wahlheimat, Stuttgart, in der Bundesliga.

Die Firmen und Fußballverrückten in Mexiko haben mangels Kreis- und Bezirksligen viele eigene Turniere organisiert. Nissan zum Beispiel, mit zwei großen Produktionshallen für ihre Autos vertreten, hat seit Jahren sein „Torneo de Nissan“ etabliert, in dem jedes Jahr unter den Abteilungen ein Sieger ausgespielt wird.

Stolz auf die Nationalelf

Die Mexikaner sind, was ihre „Selección Nacional de Mexico“ angeht, sehr realistisch und erwarten nicht, dass sie Weltmeister wird. Nichtsdestotrotz wird bei uns im Büro schon seit Monaten darüber geredet, dass Mexiko gegen Deutschland gewinnen könnte…

Wetten will aber kaum jemand. Die Mexikaner sind sehr, sehr stolz auf ihre Mannschaft und Nation (trotz kürzlicher Eskapaden) und erhoffen sich viel. Sie möchten auf jeden Fall in die K.-o.-Runde des Turniers einziehen.

Wir werden am Sonntag zusammen mit Mexikanern und Deutschen das Spiel in einer Halle eines deutschen Kollegen auf Leinwand anschauen. So etwas wie Public Viewing gibt es hier nicht. Dazu müsste man sich in eine Sportsbar setzen.

Wir freuen uns sehr darauf. Die Mexikaner hoffen auf einen Glücksschlag gegen die DFB-Elf, erwarten es aber nicht wirklich. Sie sind sehr beeindruckt vom deutschen Fußball und sehen die Bundesliga als eine der stärksten Ligen der Welt. Alles bei ihnen dreht sich um Superstar Javier „Chicharito“ Hernandez (2015 bis 2018 bei Leverkusen). Witzigerweise hat er sein Erstliga-Debüt in Mexiko im Jahre 2006 gegen Aguascalientes’ Necaxa gegeben. Auf ihm ruhen auch die Hoffnungen. Ein mexikanischer Kollege meinte letztens zu mir, dass Chicharito uns zwei Buden einschenken würde und Mexiko dann gewinne. Wir haben um eine Tüte Konfekt gewettet.

Tatsächlich glauben auch viele, dass Deutschland ein großer Favorit ist. Dass Mexiko Weltmeister werden könnte, hat aber noch keiner mit vollem Ernst gesagt. Dazu sei die mexikanische Mannschaft nicht diszipliniert genug und könne mit dem einhergehenden Druck nicht vernünftig umgehen.

Leider kommen die Spiele ja bei uns durch die Zeitverschiebung vormittags, weshalb wir sie nicht alle live verfolgen können. Unser privates Public Viewing am Sonntag steht aber. Da werden wir morgens um 9 Uhr unsere Elf aus der Ferne anfeuern.

Wir sind natürlich inzwischen auch bestens mit Trikots und Fanartikeln ausgestattet, sowohl deutsche, als auch mexikanische. Wenn nicht gerade die Deutschen spielen, werden wir auch unsere Wahlheimat Mexiko anfeuern und hoffen, dass sie so weit kommen, wie es die DFB-Elf eben zulässt.

Ich freue mich auf jeden Fall auf die Flasche Tequila und die Tüte Haribo, die ich von meinen Arbeitskollegen gewinnen werde, nachdem wir mit einem ordentlichen 4:1-Einstand gegen Mexiko die WM eingeläutet haben.

Schmonzette am Rande – frei übersetzt

„Auf dass die Ehefrauen der Nationalspieler die Scheidung fordern und wenn diese dann winselnd um Verzeihung flehen, die Ehefrauen als Bedingung nennen: ‚Wenn du möchtest, dass ich dir vergebe, dann bring mir den WM Pokal‘, und bum Alter! Mexiko, Weltmeister 2018 🇲🇽. Weil ein Bereuender und Verliebter zu allem fähig ist. Sogar die Deutschen brutal vom Feld zu fegen!“

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