Fußball-Oberliga Kaltschnäuzige Kickers

Ilshofen / Joachim Mayershofer 01.10.2018
Der TSV Ilshofen ist dem früheren Bundesligisten aus Stuttgart ein ebenbürtiger Gegner im Oberligaspiel. Ein zweifacher Regionalliga-Torschützenkönig in Reihen der Gäste trifft zum Sieg.

Eigentlich hätte Ralf Kettemann richtig sauer sein müssen nach dem Spiel seines TSV Ilshofen gegen seinen Ex-Klub Stuttgarter Kickers. Anlass dazu hätte es genug gegeben: ein nicht gegebener Elfmeter in der Nachspielzeit, zwei hundertprozentige, aber vergebene Torchancen seiner Mannschaft, ein Ausrutscher seines Torhüters vor dem Gegentor ... Und doch strahlte der TSV-Coach nach dem Spiel – und das hatte einen Grund: Er herzte Willi Mast, der schon zu Kettemanns Zeit in Degerloch (14 Spiele in der dritten Liga 2008/09) Busfahrer der Kickers gewesen war, mittlerweile seit 35 Jahren für die Blauen unterwegs ist. „Du schaust ja besser aus als vor zehn Jahren“, sprach der 32-Jährige dem gelernten Bäcker ein Lob aus, und der revanchierte sich. Ilshofen habe ein tolles Spiel gezeigt und ein Unentschieden verdient gehabt, sagte Mast zu Kettemann und hatte damit recht.

Der Aufsteiger war dem ehemaligen Bundesligisten ebenbürtig, brachte den Favoriten fast ins Straucheln. „Im Vorfeld sagt man, wenn die Kickers das Spiel 2:0, 3:0 gewinnen, dann ist das normal. Nach dem Spielverlauf ist es ein bisschen schade, dass wir 0:1 verloren haben“, sagte Ralf Kettemann. „Es war klar: Wir brauchen einen Sahnetag, um zu gewinnen, den hatten wir nicht.“

So einen erwischte dagegen Kickers-Keeper Ramon Castelluci, der von den Ilshofenern nicht zu überwinden war. Und die Chancen waren hochkarätig. Erst bugsierte er eine immer länger werdende, weil abgefälschte Flanke von Simon Wilske im Rückwärtslaufen gerade noch über die Latte (24.). Dann war er als einziger Stuttgarter nach einem tollen Freistoßtrick hellwach. Kettemann bediente Lukas Lienert, dessen Schuss wehrte Castelluci mit der Fußspitze ab (28.). So viel Kreativität hätte einen Treffer verdient gehabt.

Starker Gästekeeper

Und noch einmal blieb der Gästetorhüter nach einer klasse Kettemann-Lienert-Kombination Sieger. Der Ilshofener Spielertrainer schickte Lienert mit einem unterschnittenen Pass perfekt Richtung Tor, doch bei Lienerts Lupfer machte sich Castelluci genaus so groß, dass er den Ball noch herunterpflücken konnte (69.). „Schade, Lukas ist vor dem Tor normalerweise richtig abgeklärt“, sagte Kettemann. Lienert erklärte am Sonntag, dass ihm die vergebenen Chancen noch einen Tag später nachhingen. „Ich habe mir vor allem die zweite Szene im Internet noch einmal angeschaut und hätte da einfach am Torhüter vorbeilaufen müssen“, erklärte der Mittelfeldspieler.

Bitter war zudem, dass den Hausherren in der Nachspielzeit ein Elfmeter verwehrt wurde (siehe „90 Minuten mit“). Schiedsrichter Mario Hildenbrand (Wertheim) pfiff zwar nach einem deutlichen Handspiel im Strafraum, aber es war der Schlusspfiff und nicht der Elfmeterpfiff. Nahezu alle Ilshofener Spieler stürmten auf den Referee zu, die Aufregung hatte sich dann aber auch schnell wieder gelegt.

Fünf Spiele in Folge ist Stuttgart nun ohne Gegentor, gewann alle fünf Spiele und ist damit auf Tabellenplatz 5 geklettert, zwei Punkte hinter Spitzenreiter Reutlingen.

Fünf Spiele in Serie hat nun Mijo Tunjic ins Tor getroffen. Der Regionalliga-Südwest-Torschützenkönig der Spielzeiten 2009/10 (19 für die Kickers) und 2015/16 (21 für den SV Elversberg) blieb vor Ilshofens Schlussmann Jonas Wieszt eiskalt und lupfte den Ball über ihn zum 0:1 ins Netz (62.). Wieszt hatte dabei Pech, dass er beim Herauslaufen kurz wegrutschte, sonst hätte er den Ball wohl noch vor dem Stürmer erreicht. Zuvor hatte der TSV-Keeper einen Kracher von Tunjic stark gehalten (32.). Weitere gute Stuttgarter Chancen hatten Johannes Ludmann mit einem Heber am Tor vorbei (10.) und As Ibrahima Diakite mit einem satten Linksschuss, der rechts am Gehäuse vorbeirauschte (22.).

Ansonsten ließen beide Abwehrreihen kaum Chancen zu. „Der Gegner hat bisher erst acht Gegentore bekommen, hat gegen lauter Topmannschaften gespielt. Das kommt nicht von ungefähr“, erklärte Kickers-Trainer Tobias Flitsch. Ilshofen habe eine „sehr, sehr spielstarke Mannschaft, die sich in der Regel wenige Torchancen herausarbeitet. Aber wenn, dann sind sie hochkarätig, weil sie viel durchs Zentrum spielen.“

Keine Überraschung

Flitsch, der von 2008 bis 2010 den Oberligisten TSV Crailsheim trainierte und vergangene Saison als Trainer des Regionalligisten SSV Ulm gegen Ilshofen den WFV-Pokal gewonnen hatte, sprach ein weiteres Lob aus: „Für mich ist es nicht überraschend, dass Ilshofen so gut dasteht. Überraschender ist es, dass sie den gleichen guten Fußball spielen wie in der Verbandsliga.“ Und er blickte voraus: „Wenn Benjamin Kurz zurückkommt, sind sie durchs Zentrum noch gefährlicher.“

Der TSV Ilshofen hat nach neun Oberliga-Spielen nun zwölf Punkte zu Buche stehen, je drei Partien gewonnen, verloren und remis gespielt. Am Samstag, 6. Oktober (14 Uhr), spielt der TSV beim 1. CfR Pforzheim, die Stuttgarter Kickers empfangen zeitgleich den SV Linx.

So spielten sie

TSV Ilshofen –
Stuttgarter Kickers

0:1

Tor: 0:1 Mijo Tunjic (62.)

Ilshofen: Wieszt, Egner, Kettemann, Yarbrough, Mbodji, Murphy (82. Varallo), Lindnder, Wackler (76. Aziz), Wilske, Lienert (83. Rummler), Schelhorn

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