Ralph Rolli ist seit dem Jahr 2015 im Fußballbezirk Rems-Murr Bezirksspielleiter. Er hat in seiner Jugend die Leidenschaft für den Sport mit dem runden Leder entdeckt. Gerne stand er zu früheren Zeiten bei Rot-Weiß Stuttgart und dem PSV Stuttgart zwischen den Torpfosten. Als Fußballfunktionär im Ehrenamt ist er jetzt mit anderen Herausforderungen konfrontiert – beispielsweise mit einer Zunahme von Beleidigungen und Gewalt gegenüber den Unparteiischen.

Herr Rolli, Spielabbrüche häufen sich. Schiedsrichter fühlen sich angegangen oder werden sogar tätlich angegriffen und verletzt. Was ist passiert?

Ralph Rolli: Der Ton ist insgesamt rauer geworden, in der Gesellschaft und beim Lieblingssport Nummer eins, dem Fußball. Leider.

Seit wann hat sich die Situation im Amateurfußball verschlechtert?

Das lässt sich nicht genau definieren. Ich habe das Gefühl, es ist ein schleichender Prozess, der aber sich eingebürgert hat.

Worin sehen Sie die Ursache für die Zunahme der Übergriffe gegen Referees?

Früher, dies kam sehr gut bei dem Auftritt von Knut Kircher beim Sport im Dritten am Sonntag, 3. November, rüber, war der Schiedsrichter die Respektperson in Schwarz. Heute hat man den Respekt nicht mehr. Oft werden die Unparteiischen für ein verlorenes Spiel, eine Rote Karte, verantwortlich gemacht.

Haben Sie Zahlen – zum Beispiel über die Zunahme der Sportgerichtsverfahren unter diesem Aspekt?

Grundsätzlich gibt es – Stand jetzt – keinen Trend zu mehr Gewaltdelikten in dieser Saison im Vergleich zu der letzten Spielzeit. Bis jetzt. Aber: Es ist allerdings festzustellen, dass die Qualität der Vergehen, insbesondere der Tätlichkeit, deutlich ansteigt. Das heißt, es wird nicht nur einmal getreten oder geschlagen, sondern es wird dann, auch wenn der Gegner am Boden liegt, nochmals getreten oder geschlagen. Dies ist äußerst bedenklich und ein trauriger Trend.

Fällt Ihnen spontan ein herausragendes Negativereignis aus der zurückliegenden oder aktuellen Spielzeit ein?

Ebenfalls die Schilderung aus Sport im Dritten als der Studiogast Dominik Englmann von der Schiedsrichtergruppe Waiblingen berichtete, dass er selber schon bedroht wurde und Beispiele von Übergriffen an Schiedsrichtern gezeigt wurden. Auch im Bezirk gab es in letzter Zeit vermehrt Berichte von Schiedsrichterbeleidigungen und Übergriffen. Beispiele aus dem Sportgericht Rems-Murr: Bei C-Jugendspielen wurde ein Schiedsrichter massiv beleidigt, in einem anderen Spiel wurde der Schiedsrichter ebenfalls beleidigt, bei Schlusspfiff daran gehindert das Spielfeld zu verlassen. Bei B-Juniorenspielen kam es nach dem Schlusspfiff zu Massenschlägereien und Tätlichkeiten. Bei einem anderen Spiel schlug ein Spieler seinem Gegenspieler mit der Faust gegen den Hals. Nach dem Spiel gingen die Eltern aufeinander los. Bei einem AH-Spiel wurde der Schiedsrichter massiv bedroht. In einem Kreisliga-B-Spiel gab es massive Beleidigungen und Diskriminierungen und Bedrohung des Schiedsrichters. Ebenfalls in einem Kreisliga-B-Spiel gab es einen Kopfstoß eines Spielers gegen seinen Gegenspieler mit anschließender Schlägerei zwischen Zuschauer und Ord­­-
nungs­­dienst. Eigentlich alles ohne Worte.

Was kann man aus Ihrer Sicht als Bezirksspielleiter unternehmen, um dieser Entwicklung entgegenzusteuern. Sind vielleicht härtere Strafen für Spieler und Vereine angebracht?

Als Bezirksspielleiter kann ich immer nur an Fairness und Besonnenheit appellieren. Ich halte härtere Strafen für völlig richtig und angebracht. Ich betone: Nicht bei einer Notbremse, bei einem Foulspiel auf dem Spielfeld, wie es beim Fußball vorkommen kann, sondern bei Tätlichkeiten, insbesondere auf die Schiedsrichter.

Bei einem tätlichen Angriff auf einen Schiedsrichter – was ist Ihrer Ansicht nach als Strafe der Schuld und der Tat angemessen?

Das mag ich nicht zu beurteilen. Das ist Sache des Sportgerichtes, aber auch denen sind die Hände gebunden, denn es gibt einen Strafenkatalog, an den diese sich halten müssen.

Welchen Weg muss ein Antrag für einen härteren Strafkatalog für die Sportgerichte nehmen?

Es muss ein Antrag beim Bezirkstag 2021 gestellt werden. Dieser muss angenommen werden und dann beim Verbandstag aufgenommen und durchgewunken werden.

Von wem ist mit einem solchen Antrag zu rechnen?

Von allen Sportlern, die den Fußball so lieben, wie er sein sollte: Mit Spiel und Kampf, Toren, Jubel, Trauer, Leidenschaft und Fairness.

Fallen einige ethnische Gruppen besonders negativ auf?

Das mag ich nicht pauschal zu beurteilen. Sicher liegt es an verschiedenen Nationalitäten, Emotionen, Einstellungen und Sichtweisen – es gibt überall schwarze Schafe.

Es gibt im Bezirk rein türkische Vereine, kroatische Vereine, Kosovaren oder serbische Clubs. Haben die Konflikte zwischen politischen und ethnischen Gruppen mitunter präventiven Einfluss auf die Gruppeneinteilung, um Konflikte im Vorneherein zu vermeiden?

Sport und Politik haben miteinander nichts zu tun – wir verurteilen Tätlichkeiten und Rassismus auf den Sportplätzen.

Viele Fans unterklassiger Vereine sympathisieren mit Ultras bekannter nationaler und internationaler Erstligisten. Welchen Einfluss hat dies auf das Auftreten der Anhänger bei Kreisligaspielen in Ihrem Bezirk?

Sicher, es gibt dann mehr Zuschauer, mehr Stimmung. Die andere Seite ist natürlich auch ein Konfliktpotenzial, wenn die Stimmung kippt.

Ist Aggression gegenüber den Schiedsrichtern ein primäres Problem der unteren Ligen?

Ich sehe es so, ja, in höheren Ligen spielen technisch versiertere Spieler, die im Normalfall gut trainiert sind. In den unteren Ligen werden mangelnde Fitness und Fähigkeiten oftmals mit Foulspiel oder verbalen Äußerungen ausgeglichen oder versucht, dies auszugleichen.

Wie sieht die Entwicklung im Jugendfußball aus?

Hier halte ich die Entwicklung für noch problematischer. Unter den Jugendfußballern sind es viel mehr die Eltern, die mit übertriebenem Ehrgeiz Stimmung machen gegen den Gegner oder den Schiedsrichter. Dies überträgt sich auf die Kinder und Jugendlichen.

Gibt es in Ihrem Bezirk Präventionsprogramme?

Diese bietet der WFV an und Spieler werden dort auch vorgeladen, wenn diese sich entsprechend danebenbenommen haben, notfalls mehrmals. Bis zur Absolvierung ruht auch das Spielrecht der betroffenen Person.

Gibt es unter den Vereinen schwarze Schafe, die immer wieder negativ auffallen?

Ja schon, aber darauf wird geachtet – die Mannschaften werden nicht extra beobachtet und bestraft, sondern notfalls gibt es eine Spielaufsicht vom Bezirk, wenn der Gegner dies wünscht.

Wer möchte angesichts der zunehmenden Bedrohungen überhaupt noch Schiedsrichter werden?

Ich hoffe noch viele, denn der Fußball braucht die Unparteiischen. Der Nachwuchs fehlt. Man stelle sich vor, es gäbe kaum mehr Schiedsrichter, wie gestaltet sich dann der Spielbetrieb?

Welchen Rat können Sie einem jungen Unparteiischen mit auf den Weg geben?

Macht es, probiert es aus, geht euren Weg und lasst euch nicht beirren. Es kann einen steinigen Weg geben, aber ihr lernt vieles für das Leben.

Wie stehen Sie zu Alkohol am Spielfeldrand. Sollte diese Volksdroge bei Spielen besser verboten werden?

Nein, zu einem Fußballnachmittag gehört auch das Bierchen, abgesehen davon, wer sollte ein Alkoholverbot kontrollieren? Dies wäre eine weitere Baustelle.

Was unternimmt der Bezirk, wenn ein Vertreter einen Ordner mit einer Bierflasche sieht?

Diese werden konsequent angesprochen und dringend darum gebeten, dies zu unterlassen. Notfalls werden diesen die Ordnerwesten entzogen. Das gilt auch für den Fall, wenn der Ordner schon alkoholisiert ist. Genau diesen Fall hatten wir auch schon in einem Relegationsspiel. Der Ordner wurde seiner Weste erleichtert.

Steckbrief Ralph Rolli


Geburtstag: 25. April 1961
Geburtsort: Stuttgart
Wohnort: Hertmannsweiler
Familienstand: fast verheiratet
(11. Juli 2020 ist es soweit)
Beruf: Bankkaufmann/freiberuflicher Journalist
Bisherige Stationen: SV Hertmannsweiler (Jugendtrainer sowie verschiedene Tätigkeiten im Verein)
Größte sportliche Erfolge: halten sich in Grenzen