Amlishagen „Am Ende gewinnt immer Jesus“

Groß ist die Freude beim Public Viewing nach dem späten Treffer in der Nachspielzeit.
Groß ist die Freude beim Public Viewing nach dem späten Treffer in der Nachspielzeit. © Foto: Guido Seyerle
Amlishagen / Guido Seyerle 25.06.2018
Vor dem WM-Spiel der deutschen Nationalelf gegen Schweden steht in der Hammerschmiede in Amlishagen eine Predigt auf dem Programm. Dabei wird nicht für deutsche Tore gebetet.

Die Vorzeichen sind nicht gut. An der mit einer großen Videoleinwand bestückten Scheune prangt ein verblichenes Werbeschild mit dem grünen Aufdruck „Schwedenstall“. Hermann Stradinger lächelt: „Wir sind heute in der Untergrundkirche am Ende der Welt.“

Wie passt das zusammen? Die Kirchengemeinde Gerabronn sowie die christlichen Organisationen AJC und APIS haben zum Public-Viewing in die Hammerschmiede nach Amlishagen eingeladen. „Seit 50 Jahren veranstalten wir immer samstags unsere offenen Abende“, erklärt Stradinger. „Nun fällt dieser Termin auf das Deutschlandspiel gegen Schweden.“ Also wurde das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden und nennt sich „Zwischen Predigt und Fußball“.

Das ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn eineinhalb Stunden vor dem Anstoß des WM-Spiels in Sotschi beginnt auf dem Gelände der Familie Lipp im Brettachtal Bruder Hubert aus Adelshofen mit seinem Referat zum Thema „Wie glaube ich wachsend“. Live-Musik gibt es von der Band „Die Kurpfälzer Kercheblueser“.

Die 90 Gäste im Alter zwischen fünf und 75 Jahren hören aufmerksam zu, aber niemand wird missionarisch tätig. Auch für anschließende Tore der deutschen Mannschaft wird nicht gebetet. „Fußballer stehen extrem unter Druck“, sagt Walter Rück von den AJC (Aktiven Jungen Christen). „Es kommt nicht auf den Erfolg an, sondern auf das Vertrauen in Gott. Was in deinem Leben auch ist, du bist nicht allein.“

Nach fünf Minuten Umbaupause auf der Bühne wird pünktlich zur Vorstellung der Mannschaften auf die ARD umgeschaltet, die Fußballfans tippen das mögliche Endresultat. Alle erwarten einen deutschen Sieg, die Bandbreite reicht von 1:0 bis 3:1.

Während einige jüngere Fans noch draußen Hofhund Kim und die drei Pferde auf der nahen Koppel streicheln, singen einige Fans die deutsche Nationalhymne mit. Ein Ehepaar aus Rot am See will zwar Kommentare zum Spiel abgeben, aber nicht seine Namen in der Zeitung lesen. Sie sagt: „Ich bin kein Fußball-Experte, im Handball kenne ich mich besser aus.“ Er ergänzt: „Ich bin früher im Dorf beim Wählen der Fußballmannschaften immer als Letzter noch da gestanden. Das sagt doch alles.“

Stradinger sieht das Große und Ganze: „Uns Christen und Fußballer verbindet sehr viel, unter anderem ein gemeinsames Ziel sowie viel Leidenschaft.“ Das Ziel ist in den ersten 20 Minuten bei der deutschen Elf zu erkennen, doch dann fällt das 1:0 für Schweden. Die Handball-Expertin schüttelt den Kopf: „Ich glaube, wir gehen besser heim.“

Illuminierte Scheune

Als ARD-Kommentator Tom Bartels meint, es sei noch nichts verloren, erntet er in der dezent mit rotem und grünen Licht illuminierten Scheue einiges an Staunen. „Ergießt sich die Häme jetzt nach Italien und Holland auch über uns?“, fragt einer in die Runde. Die Halbzeitpause wird dafür genutzt, bei Grillmeister Peter Kriebel Kalorien nach zu füllen. Kriebel hatte vorgearbeitet und die Steaks nach dem Vorgrillen in einem Schnellkochtopf nachgaren lassen. So kann er den Ansturm der enttäuschten Fans bewältigen und später sogar selbst noch Fußball schauen.

Jubel nach dem Ausgleich

Zwei siebenjährige Fußballexperten ziehen das Halbzeitfazit: „Die spielen zu oft nach hinten.“ Doch kurz darauf fällt der Ausgleich durch Marco Reus. Bartels entschuldigt sich für seinen Jubelausbruch bei den TV-Zuschauern: „Bitte nicht erschrecken, das geht uns hier auch nahe.“ Einige in der sich stark abkühlenden Scheunenluft lächeln. Eine überkochende Stimmung wie bei vielen Public-Viewings gibt es hier nicht, auch das Tragen von Fan-Utensilien ist stark eingeschränkt. „Schon wieder ein Fehler von Kroos, was ist da bloß los?“, fragt die Handball-Expertin.

In den letzten zehn Spielminuten interessieren die 13 Grad Lufttemperatur niemanden mehr, alle sind angespannt. Nach Gelb-Rot gegen Jérôme Boateng und dem Pfostentreffer von Julian Brandt wünschen sich einige der Stall-Zuschauer für die letzten zwei Minuten: „Jetzt muss Manuel Neuer vor!“ Dazu kommt es nicht mehr, Toni Kroos trifft per Freistoß zum 2:1.

In den moderaten Jubel mischen sich viele Lacher voller Erleichterung über den späten Siegtreffer. Der Schlusspfiff geht in der allgemeinen Freude unter, bis Sekunden darauf eine Stimme über die Lautsprecher im Stall zu hören ist: „Wir laden morgen um 10 Uhr zum Gottesdienst ein“, sagt Sigi Waldmann von den AJC.

„Eine Fußballer-Weisheit lautet: Ein Spiel dauert 90 Minuten, und am Ende gewinnen die Deutschen. Im Glauben heißt es: Das Leben dauert eine bestimmte Zeit, und am Ende gewinnt immer Jesus.“

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