Neben Trainer Frank Schmidt ist Rechtsaußen Marc Schnatterer (34) das Gesicht des 1. FC Heidenheim. Beide haben die Entwicklung des Vereins zu einem etablierten Fußball-Zweitligisten maßgeblich geprägt. Im Interview spricht der aus Bönnigheim stammende Kapitän und Publikumsliebling über den verkorksten Wiederauftakt beim VfB Stuttgart, seine große Popularität und die besondere Beziehung zu seinem langjährigen Klub.

Mit etwas Abstand: Haben Sie die 0:3-Pleite zum Wiederauftakt in Stuttgart inzwischen verdaut?

Marc Schnatterer: Wir müssen zugeben, dass es eine verdiente Niederlage war – auch wenn sie vielleicht einen Tick zu hoch ausgefallen ist. Mit der Art und Weise, wie das 0:3 zustande kam, waren wir nicht zufrieden. Im Training am Donnerstag haben wir das Spiel fair, hart und ehrlich analysiert und unsere Schlüsse daraus gezogen. Der Blick geht nach vorne, denn zum nächsten Spiel gegen Dynamo Dresden bleibt nicht viel Zeit. Es bringt nichts, wenn wir nun alle den Kopf hängenlassen. Wir richten uns gegenseitig auf. Am Sonntag wollen wir es besser machen und wieder drei Punkte einfahren.

Was ärgert Sie mehr: dass Sie am Mittwochabend nach 70 Minuten ausgewechselt wurden oder dass der „Kicker“ Ihnen nach dem Derby die schlechte Note 4,5 gegeben hat?

Auf solche Noten schaue ich schon ewig nicht mehr. Die sind mir völlig egal. Das Wichtigste ist, was der Trainer sagt. Ich kann ganz gut auch selbst einschätzen, dass es für mich jetzt nicht der perfekte Start ins neue Fußball- Jahr war. Das einzige, was mich ärgert, ist, dass wir als Mannschaft kein besseres Spiel gemacht haben.

Mancher Kapitän empfindet eine Auswechslung als Majestätsbeleidigung und verweigert sogar das übliche Abklatschen. Juckt es Sie nicht, wenn Sie vom Platz müssen?

Die Entscheidung trifft der Trainer. Er will in so einer Situation eben noch mal frische Kräfte bringen. Und auch die Jungs auf der Bank haben schließlich in der Vorbereitung Gas gegeben. Eine Auswechslung hat jeder Spieler zu akzeptieren. Das ist ein Frage des Respekts nicht nur gegenüber dem Trainer, sondern auch gegenüber der ganzen Mannschaft. Es gehört einfach dazu, dass man sich gegenseitig abschlägt, wenn man vom Platz geht. Natürlich ärgert man sich selbst immer, wenn man raus muss, weil man ja eigentlich noch etwas bewegen will. Das sagt ja auch etwas über den Ehrgeiz eines Spielers aus.

Fällt es schwer, sich nach einem Highlight-Spiel wie gegen den Topfavoriten VfB Stuttgart vor 52 585 Zuschauern nun auf das Duell am Sonntag gegen Dresden, den Tabellenletzten, ein- und umzustellen?

Nein, überhaupt nicht. Wir freuen uns darauf, wieder daheim zu spielen. Die Stimmung wird toll sein. Dynamo Dresden bringt immer viele Fans mit, und unsere Zuschauer werden auch bereit sein und uns dabei helfen, den ersten Sieg 2020 einzufahren. Wir nehmen das Spiel wie jedes andere. In der Zweiten Liga hast du nur eine Chance, wenn du an die 100 Prozent herankommst.

Was haben Sie mit dem FCH in dieser Saison noch vor?

Wir sind immer noch Vierter und wollen am Wochenende mit einem Sieg unseren Platz verteidigen. Es geht darum, dass wir uns weiter stabilisieren und uns mit einer guten Leistung in die Rest­runde hineinbeißen. Unser Ziel ist es, so schnell wie möglich die 40-Punkte-Marke zu knacken. Im Verlauf der Rückrunde wird man dann sehen, was noch möglich ist.

Eventuell auch ein Aufstiegsrang?

Nach dem Spiel vom Mittwoch wäre es vermessen, davon zu reden. Jetzt müssen wir erst mal wieder das zeigen, was uns in der Hinrunde stark gemacht hat.

Niemals aufgeben, bedingungsloser Einsatz, Bodenständigkeit – das leben Sie als Kapitän vor. Verkörpern Sie damit die Heidenheimer DNA?

Die Philosophie und der ganze Weg, den der 1. FC Heidenheim gegangen ist, habe ich verinnerlicht, seit ich hier angefangen habe. Dazu gehören die Mentalität – Wille, Leidenschaft, Ehrgeiz –, aber auch die Kontinuität und das Familiäre. Wir sind ein kleiner Verein, der sich alles hart erarbeiten muss.

Sie sind Kapitän, Anführer, Aushängeschild, Publikumsliebling, begehrter Interviewpartner und geschätzter Stadtbürger in einem. Was steckt hinter Ihrer großer Popularität?

Wenn man so lange in einem Verein ist und in einer Stadt lebt, die etwas kleiner ist, kennt man sich untereinander – nicht nur im Klub, sondern auch außerhalb. Ich habe hier viele Menschen kennengelernt und mich immer sehr wohl gefühlt. Trotz des einen oder anderen Angebots, das es mal gab, habe ich mich darum auch immer zum Bleiben entschieden. Ich versuche mit den Leuten so umzugehen, wie sie auch mir gegenüber sind – respektvoll und freundlich. Vielleicht wird das entsprechend honoriert. Die Leute wissen, was sie an mir haben, und ich weiß, was ich an ihnen und an Heidenheim habe. Das passt einfach. Beim FCH habe ich im Fußball meinen Weg und mein Glück gefunden. Das ist unbezahlbar. Und mit dem Erfolg wurden der Klub und auch ich dann zwangsläufig auch über die Region hinaus bekannter.

Ihr Coach Frank Schmidt hat Sie sogar mal als „Traum aller Schwiegermütter“ bezeichnet.

Das habe ich auch gelesen. Ich weiß aber nicht, was ihn da geritten hat – er hat’s mir jedenfalls bisher nicht verraten. Frank Schmidt und ich kommen sehr gut miteinander aus. Wir reden sehr viel, gerade auch in der Verbindung zwischen Trainer und Kapitän. Er kennt mich aus dem Effeff, wie wenige mich kennen – nicht nur als sein Spieler, sondern auch als Mensch. Vielleicht hat ihn das dazu bewogen, mich als „Traum aller Schwiegermütter“ zu bezeichnen.

Als Sie 2008 auf die Ostalb gewechselt sind, hat Heidenheim noch in der viertklassigen Regionalliga Süd gekickt. Hätten Sie es damals für möglich gehalten, dass der FCH mal in der Zweitliga-Spitzengruppe mitmischt?

Das hätte ich mir vor zehn Jahren nie erträumt. Bei den Verantwortlichen waren die Visionen immer da, aber Erfolg lässt sich im Fußball nicht planen. Wir hatten damals das Glück, im ersten Jahr direkt in die Dritte Liga aufzusteigen. Wer weiß, wie sonst die Entwicklung weitergegangen wäre. Jetzt sind wir im sechsten Jahr in der Zweiten Liga. Für den Verein, die Stadt und die Region ist das eine super Geschichte. Darauf können wir schon stolz sein.

Und Sie kamen so mit 28 Jahren noch in den Genuss, ein Zweitliga- Team aufs Feld zu führen.

Da bin ich tatsächlich ein Spätstarter. Mit 28 ist man ja aus dem Talentalter schon draußen. Ich bin sehr dankbar, dass ich die Zweite Liga erleben und in den ganzen Stadien spielen darf. Es ist ein Privileg und etwas Besonderes, mit dem Verein den Weg von der vierten bis in die Zweite Liga gegangen zu sein.

Fühlen Sie sich mit 34 schon im Spätherbst Ihrer Karriere?

Ja, sicherlich, aber ich fühle mich auch mit 34 noch gut. Ich genieße jedes Spiel und haue alles raus, solange ich das kann. Aber ich weiß, dass es nicht mehr allzu viele Jahre auf dem Platz werden und ich mich im letzten Drittel meiner Karriere befinde. Umso wichtiger ist es, dass man immer an sich arbeitet und schaut, dass man körperlich fit bleibt.

Ihr Vertrag beim FCH läuft noch bis Juni 2021. Gibt es Überlegungen, auch darüber hinaus in Heidenheim zu bleiben?

Das ist noch weit weg. Wenn ich bis dahin fit sein sollte, kann ich mir schon vorstellen, dann noch ein Jahr dranzuhängen – vorausgesetzt, der Verein will das auch. Gegen Ende dieses Jahres werden wir uns zusammensetzen und uns überlegen, wie es weitergeht.

Wird man Sie irgendwann auch mal als Trainer erleben?

Ich habe vor, die Trainerscheine zu machen und mal als Coach zu arbeiten. Dafür bin ich schon der Typ. Ob im Profibereich, deutlich darunter oder in der Jugend kann ich Stand heute aber noch nicht sagen. Das Interesse, nach meiner aktiven Laufbahn etwas weiterzugeben, ist auf jeden Fall da.

Zur Person: Marc Schnatterer


Falls Marc Schnatterer am Sonntag gegen Dynamo Dresden durchspielt, knackt er die 15 000-Minuten-Marke in der Zweiten Bundesliga. Seit Sommer 2008 trägt der gebürtige Heilbronner das Trikot des 1. FC Heidenheim. 183 Mal ist er bisher in der zweithöchsten Spielklasse für den Klub aufgelaufen. Dabei hat er 48 Tore erzielt und 60 vorbereitet. Hinzu kommen 20 FCH-Einsätze im DFB-Pokal, 176 in der Dritten Liga und 37 in der Regionalliga. Weitere Stationen waren der SGV Freiberg und der Karlsruher SC II. Mit Freibergs U19 stand er 2004 im Pokal-Finale der Junioren in Berlin (0:5 gegen Hertha BSC). In der Jugend kickte er zudem für den TSV Bönnigheim und den VfB Stuttgart. Schnatterer lebt mit Freundin Maxi in einer Vierzimmerwohnung. Seine Hobbys sind Tennis, Kochen und essen gehen. ae