Im Fußball-Jargon spricht man gern von einem Feuerwehrmann, wenn es bei einem Verein im übertragenen Sinn „brennt“ und ein neuer Trainer eine am Boden liegende Mannschaft kurzfristig aus der Krise führen soll. Markus Lang vergleicht seine Mission bei der SG Sonnenhof Großaspach dagegen lieber mit einem Animateur-Job. „Ich sehe es wie einen kleinen Mallorca-Urlaub: Ich komme hierher, verbreite ein bisschen gute Laune, und dann bin ich wieder weg“, sagt der Interimscoach.

Am Samstag hatte Lang mit dieser Herangehensweise Erfolg: Die SG zeigte ein völlig anderes Gesicht als zuletzt noch unter dem vor einer Woche entlassenen Oliver Zapel und trotzte dem Herbstmeister MSV Duisburg ein 1:1 ab. Damit sendeten die Aspacher für die Rückrunde ein Lebenszeichen im Drittliga-Tabellenkeller. Als Drittletzter, mit vier Punkten Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz, geht der Dorfklub nun in die kurze Winterpause, ehe am 27. Januar das erste Punktspiel 2020 beim 1. FC Kaiserslautern ansteht. Ob dann immer noch Lang, der nicht über die nötige Fußball-Lehrer-Lizenz für die Dritte Liga verfügt, auf der Bank sitzt oder ein neuer Übungsleiter, ist noch offen.

Schon in der Vorsaison war Lang, eigentlich U19-Coach und Sportlicher Leiter Talentförderung, bei den taumelnden Profis eingesprungen und hatte jene in den letzten beiden Spieltagen noch zum Klassenerhalt geführt. Auch diesmal hauchte der 43-jährige Kirchheimer dem Team neues Leben und Selbstvertrauen ein. „Ein Trainerwechsel gibt einer Mannschaft immer einen Aufschwung. Das weiß jeder Fußballer, und so ist es auch. Jeder fängt wieder bei null an, sieht seine Chance und will am Spieltag 100 Prozent bringen“, sagte SG-Torhüter Maximilian Reule.

Vier Änderungen in der Startelf

Lang nahm gegenüber dem 1:2 gegen Jena vier Veränderungen in der Startelf vor. Dort tauchten Jonas Behounek, Dan-Patrick Poggenberg, Marco Hingerl und Dominik Martinovic neu auf. Dafür saßen Charmaine Häusl und Dimitry Imbongo Boele nur auf der Tribüne, Timo Röttger schmorte 90 Minuten auf der Bank. Nicolas Jüllich wurde erst in der 73. Minute eingewechselt, als der Druck des MSV immer größer wurde.

Doch an den personellen Umstellungen allein lag es sicher nicht, dass die Sonnenhof-Kicker wie ausgewechselt spielten. Sie kauften dem wohl etwas überraschten Favoriten aus Duisburg mit viel Einsatz und Leidenschaft den Schneid ab. In der ersten halben Stunde fand der MSV praktisch gar nicht statt und konnte froh sein, dass er nur mit 0:1 hinten lag. Bereits in der fünften Minute hatten zwei Startelf-Rückkehrer mit einer Co-Produktion für Jubel im rot-schwarzen Lager gesorgt: Martinovic köpfte eine Traumflanke von Behounek aus sechs Metern ins Netz. Pech hatte zudem Panagiotis Vlachodimos, der im zweiten Anlauf nur den Pfosten traf, nachdem er zunächst Gästespieler Joshua Bitter umgeschossen hatte (17.).

Erst gegen Ende der ersten Hälfte kamen die bis dahin enttäuschenden Meidericher in Schwung und zeigten, warum sie die Tabelle souverän anführen. Der zweite Durchgang war dann ein einziger Sturmlauf der Zebras. Spätestens jetzt spielte sich ein Aspacher ins Rampenlicht: Keeper Reule vereitelte ein halbes Dutzend bester Chancen der Gäste. Zum Ausgleich kam der MSV aber nicht etwa durch einen gelungenen Spielzug, sondern durch einen Aussetzer des Ex-Duisburgers Poggenberg: Nach einer Bogenlampe verpasste der Linksverteidiger im eigenen Strafraum den Ball. Moritz Stoppelkamp, der darauf wohl spekuliert hatte und darum durchgelaufen war, bedankte sich und schob die Kugel aus spitzem Winkel zum 1:1-Endstand ins lange Eck (77.). Den einen Punkt hatte sich die SG, die das Duell nach einem groben Foul von Ken-Martin Gipson und einer durchaus angemessenen Roten Karte in Unterzahl beendete, aber redlich verdient.

Lang setzt auf Einzelgespräche

Vier Tage hatte Lang Zeit gehabt, um auf die Mannschaft positiv einzuwirken und sie an die Grundtugenden im Fußball zu erinnern. „Es ist vielleicht viel wichtiger, die Zeit in Einzelgespräche zu investieren und den Spielern Vertrauen zu schenken und ihnen Mut zuzusprechen, als eine dreistündige Spielanalyse zu machen“, meinte der Interimscoach vielsagend. Ein Seitenhieb auf Vorgänger Zapel, der als akribischer Analyst und Taktiker gilt. Und eben nicht als Vertreter der Spaßfraktion. Wie zum Beispiel Gute-Laune-Macher Lang.

Stimmen zum Spiel


Markus Lang, Interimstrainer der SG Sonnenhof Großaspach: Für uns war es wichtig, den Jungs Vertrauen zu schenken. Man hat gesehen, warum Duisburg oben steht. Der Ausgleichstreffer war absolut verdient. Aber: Es ist uns gelungen, uns mit einem Erfolgserlebnis zu verabschieden. Meine Mannschaft hat Freude am Spiel gehabt. Die Grundtugenden haben die Jungs auf den Platz gebracht.

Thorsten Lieberknecht, Coach des MSV Duisburg: Wir wussten, dass es emotional wird. Mein Team muss sich den Vorwurf machen, in der ersten halben Stunde nicht funktioniert zu haben. Nach der Umstellung auf 3-4-3 hat es besser geklappt. In der zweiten Hälfte hat die Mannschaft alles gegeben. Daher ist der Punkt auch verdient. Ich bin nicht unzufrieden. Die Mannschaft war in der Lage, die Körner, die nach der langen Hinserie noch da waren, komplett rauszuhauen.

Maximilian Reule, Torhüter der SG: Wir nehmen im Abstiegskampf jeden Punkt dankend an. Herbstmeister, Tabellenführer – Duisburg ist qualitativ eine richtig starke Mannschaft. Dass die in der zweiten Halbzeit drücken, war klar. Mit meiner Leistung bin ich zufrieden. Ich habe meinen Job gemacht und dem Team geholfen, so gut es ging. Es gehört im Fußball dazu, dass die Fans unzufrieden sind, wenn du unten drin stehst. Das ist auch ihr Recht, denn sie kommen Woche für Woche ins Stadion. Ich denke, heute haben wir die Fans zufriedengestellt.

Dominik Martinovic, Aspacher 1:0-Torschütze: Wir sind in den letzten Tagen sehr eng zusammengerückt. Jeder wollte auf dem Platz für den anderen kämpfen, und das haben wir heute gut umgesetzt. Wir geben immer 100 Prozent, auch wenn das in manchen Spielen davor vielleicht von außen einen anderen Eindruck gemacht hat. Der Punkt gegen den Tabellenführer war wichtig für die Moral.

Marvin Compper, Duisburgs Ex-Nationalspieler: Es war ein intensives Spiel. Aspach ist von Anfang an ein hohes Tempo gegangen. Deshalb war es in der zweiten Hälfte auch ein Spiel auf ein Tor, von den Kontern einmal abgesehen. Wir hätten es verdient gehabt, das Spiel zu drehen. Nach der Winterpause müssen wir weiter gierig bleiben, zu punkten. ae