Wer sich am Samstag während der Pause in der Kabine des Oberligisten SGV Freiberg aufhielt, hätte eigentlich Ohrstöpsel gebraucht. Denn Trainer Mario Estasi wurde da ungewohnt laut, wie die Spieler und auch der Coach nach dem Abpfiff des Heimspiels gegen den Freiburger FC unisono bestätigten. Die Mängel in der Abwehr und der damit verbundene 0:2-Rückstand waren die Gründe für Estasis Wutausbruch. Der Weckruf des Übungsleiters verfehlte seine Wirkung nicht: Dank einer deutlichen Leistungssteigerung, neuen Impulsen von der Bank und zwei Treffern in der Endphase erkämpfte sich der SGV im zweiten Durchgang noch ein 2:2. Mit fünf Zählern belegen Freibergs Kicker in dem dicht gedrängten Feld nach vier Spieltagen den 13. Platz. Am Samstag (14 Uhr) sind sie beim punktgleichen Lokalrivalen FSV 08 Bissingen zu Gast.

Die Wasen-Elf lief gegen den Aufsteiger aus Freiburg mit Neuzugang Nico Seegert im defensiven Mittelfeld auf (siehe Infobox). Doch auch der 25-Jährige konnte in dieser zentralen Rolle nicht verhindern, dass die Gastgeber nach einer guten Anfangsphase den Faden verloren und vor allem in der Defensive erneut große Defizite offenbarten – wie schon bei der 3:7-Pleite in Ravensburg eine Woche zuvor. Das Führungstor der Breisgauer warf den SGV völlig aus der Bahn: Innenverteidiger Denis Zagaria hatte sich aus dem Strafraum herauslocken lassen und stieß vor dem Sechzehner mit Gästeakteur Fabian Amrhein zusammen. Nutznießer war FFC-Kapitän Marco Senftleber, der nun freie Bahn hatte und Freibergs Schlussmann Alexander Loch mit einem Schuss ins kurze Eck überwand (11.).

Fortan stand das Estasi-Team neben sich und brachte nur noch selten etwas Vernünftiges zustande. Die Südbadener nutzten die Gunst des Moments und erhöhten in der 32. Minute auf 2:0. Niklas Pollex hatte auf der linken Seite den Ball verloren, was Freiburg gegen die viel zu weit aufgerückte SGV-Defensive zu einem Konter aus dem Bilderbuch inspirierte: Ivan Novakovic und Marco Senftleber liefen kurz vor der Mittellinie los, stürmten auf den alleingelassenen Loch zu, und Senftleber schob den uneigennützigen Querpass seines Mitspielers letztlich ins Netz. Die Freiberger Proteste wegen einer vermeintlichen Abseitsstellung ignorierte das Gespann um Schiedsrichter Michael Hieber zu Recht. „Wir haben noch nie auf Abseits gespielt oder das trainiert. Es war taktisch schlecht, wie wir das lösen wollten“, ärgerte sich Estasi über das Gegentor. Obendrein hatte Freiberg Glück, dass Kevin Senftlebers Kopfball am Pfosten landete und Loch den Nachschuss von dessen Bruder Kevin hielt.

Freiburg vergibt Konterchancen

Nach der Wutrede des Trainers zur Pause zeigte der SGV sein anderes Gesicht. Die eingewechselten Ouadie Barini und Spetim Muzliukaj brachten frischen Wind ins Spiel. Zunächst hatte das Heimteam aber noch zwei brenzlige Kontersituationen zu überstehen (48./55.). „Wenn wir da das 3:0 machen, ist die Sache gegessen“, haderte Freiburgs Trainer Ralf Eckert später mit den zwei vergebenen Riesenchancen.

Während seine Elf kräftemäßig einbrach, spielte Freiberg in der letzten halben Stunde seine fußballerische Klasse aus. Der Aufsteiger hielt dem Dauerdruck bis zur 79. Minute stand. Dann traf der nach seiner Rotsperre ins Aufgebot zurückgekehrte Hakan Kutlu nach einem Pass von Pollex zum 1:2 – es war das erste Gegentor für den FFC in dieser Saison. Kurz darauf führte ein Standard zum 2:2: Ein eigentlich schlecht geschossener Freistoß von Volkan Celiktas prallte von der Freiburger Abwehrmauer direkt vor Muzliukajs Füße. Der Stürmer ließ sich nicht zweimal bitten und jagte den Ball aus sieben Metern unter die Latte (82.).

„Wir hatten am Schluss keine Körner mehr und waren froh über den Abpfiff“, gab FFC-Coach Eckert zu und würdigte den starken Auftritt der Hausherren in der zweiten Hälfte: „Die Freiberger spielen mit ihrer Qualität alle an die Wand, wenn sie den Kopf frei haben.“ Auch SGV-Debütant Seegert zeigte sich überzeugt vom Leistungsvermögen seiner neuen Mannschaft: „Wenn wir jetzt die individuelle Klasse mit einer taktischen Grundordnung und Disziplin paaren, können wir in dieser Saison noch eine gute Rolle spielen.“

Neuzugang Nico Seegert spielt auf Anhieb eine tragende Rolle


Nach nur zwei Einheiten stand Neuzugang Nico Seegert gegen den Freiburger FC gleich in der Freiberger Startelf – und das in zentraler Rolle im defensiven Mittelfeld. Dies war auch der personellen Situation geschuldet, denn mit Patrick Fossi (Innenbandriss im Knie) und dem grippekranken David Müller fehlten dem SGV zwei etatmäßige Sechser. „Nico hat es sehr gut und abgeklärt gemacht und uns Stabilität gegeben“, freute sich Coach Mario Estasi über das gelungene Debüt von Seegert. Der 25-jährige Mittelfeldspieler, der am Wasen einen Zweijahresvertrag unterschrieben hat, ist von seinem neuen Team ebenfalls angetan: „Ich habe mich hier gut eingelebt. Wir haben nicht nur, was das Spielerische angeht, eine gute Mannschaft, sondern auch von den Charakteren her.“

In seiner Karriere hatte Seegert bisher mit viel Verletzungspech zu kämpfen: In der Vorsaison fiel er beim SC Hessen Dreieich fünf Monate mit einem Knochenödem im Sprunggelenk aus. In seiner Zeit bei Waldhof Mannheim (2014 bis 2017) warf ihn eine langwierige Schambeinentzündung zurück. Zuletzt hielt er sich beim Drittliga-Aufsteiger SV Waldhof, wo auch sein Zwillingsbruder Marcel in der Innenverteidigung spielt, sowie im Duisburger Trainingscamp für vertragslose Profis fit. Über seinen Berater Michael Gurski kam der Kontakt zum SGV zustande. „Ich will wieder Spaß am Fußball haben, viel spielen, einen Rhythmus finden und mich zeigen“, sagt der gebürtige Mannheimer und gibt sich tatendurstig: „Unser Ziel ist es, innerhalb von zwei Jahren oben anzugreifen.“ ae