Der Fußball schreibt zuweilen kuriose Geschichten. So wie genau vor 20 Jahren am 20. Mai 2000. Am letzten Spieltag der Bundesliga-Saison 1999/00 besiegte die Spvgg Unterhaching sensationell den Tabellenführer Bayer Leverkusen, dem ein Punkt zur Meisterschaft gereicht hätte, mit 2:0. 14 Kilometer weiter feierte der FC Bayern München im Olympiastadion einen 3:1-Sieg gegen den SV Werder Bremen und holte sich so mit Unterstützung des kleinen Nachbarn den Titel.

In der 73. Minute hatte Unterhachings Trainer Lorenz-Günther Köstner seinen Stürmer Alfonso Garcia eingewechselt, der einst für den FSV 08 Bissingen und den SGV Freiberg gespielt hatte und mit Haching von der Regionalliga in die Bundesliga aufgestiegen war. Zur Saison 2003/04 kehrte Garcia zum FSV 08 Bissingen als Spielertrainer zurück.
Die Nullachter spielten damals in der Bezirksliga. Dorthin waren sie an jenem 20. Mai 2000 wieder aufgestiegen. Denn zwei Stunden nach dem Schlusspfiff im Hachinger Sportpark, als der FC Bayern gerade auf dem Münchner Rathausbalkon seinen Fans die Meisterschale präsentierte, feierte auf dem Sportplatz des SV Illingen  der FSV 08 Bissingen nach einem 7:1-Sieg gegen die Gastgeber die Meisterschaft in der Kreisliga A 3 und den Aufstieg in die Bezirksliga. Das war im Grunde der Startschuss zur Entwicklung des FSV 08 zu einem längst etablierten und erfolgreichen Oberligisten, der sogar mal ans Tor zur Regionalliga klopfte.
„Ist das schon 20 Jahre her?“, meint Garcia  und erinnert sich noch ganz genau an jenen denkwürdigen Tag. „Das war brutal und schon ein Erlebnis.  Wir haben damals als Aufsteiger unser erstes Jahr in der Bundesliga auf Platz neun abgeschlossen. Dass wir so in die Meisterschaft eingreifen konnten, war mega“, erzählt der 50-Jährige. „Leverkusen hatte die Hosen voll. Da haben Michael Ballack, Ze Roberto und Ulf Kirsten mitgespielt. Im Vorfeld hatte Bayern-Torwart Oliver Kahn gesagt, sie würden auf Unterhaching hoffen. Das sei eine starke Mannschaft mit Charakter, die immer alles geben würde. Wir waren sehr heimstark und haben nur gegen Kaiserslautern und die Bayern zuhause verloren“, erinnert sich Garcia.

Kapitän erhält Anruf

„Unser Kapitän Matthias Zimmermann, der früher bei Bayern gespielt hat, bekam spät  einen Anruf von Bayern-Pressesprecher Markus Hörwick, der uns eingeladen hat. Um Mitternacht sind wir dann in eine Gärtnerei nach Sauerlach gefahren und haben dort mit den Bayern die Meisterschaft gefeiert“, verrät Garcia.

Ein Jahr später waren die Hachinger wieder in eine Meisterfeier geraten – die war allerdings nur vier Minuten lang. Erneut spielten die Oberbayern beim Saisonfinale eine Hauptrolle. Beim FC Schalke 04 führten sie 2:0 und 3:2, verloren aber mit 3:5 und stiegen ab. Der Klassenerhalt wäre nur mit einem Sieg auf Schalke und einer Niederlage von Energie Cottbus beim TSV 1860 München möglich gewesen. Cottbus gewann damals mit 1:0. Die Schalker feierten nach dem Schlusspfiff in ihrem letzten Spiel im Parkstadion die vermeintliche Meisterschaft, weil beim Schlusspfiff in Gelsenkirchen der FC Bayern in Hamburg mit 0:1 zurücklag. Doch Patrik Andersson glich in der vierten Minute der Nachspielzeit zum 1:1 aus, und die Bayern hatten ihren Titel verteidigt. Den Schalkern blieb nur der Titel „Meister der Herzen“. Auch daran erinnert sich Garcia noch genau, er verfolgte auf dem Platz auf der Videoleinwand die letzten Sekunden von Hamburg: „Das war brutal. Ganz Schalke hat gefeiert, und dann war von einer Sekunde auf die andere alles aus.“

Vier Schneider-Tore

Zurück zum 20. Mai 2000 und zur Meisterschaft des FSV 08 Bissingen, die sich die Mannschaft von Trainer Manfred Jung mit einem 7:1-Erfolg beim SV Illingen sicherte.  Platz zwei belegte die Spvgg Besigheim, die zwar den SV Horrheim mit 2:1 besiegt hatte, aber die schlechtere Tordifferenz aufwies. „Jungs junge 08er schneidern sich die Meisterschaft“ lautete damals die Schlagzeile in der BZ. Das 08-Team wies einen Altersdurchschnitt von 21 Jahren auf, Markus Schneider erzielte in Illingen drei Tore, Daniel Schneider eins, dazu kamen Treffer von Gerd Dambacher, Björn Blacha und Kapitän Rafael Krupop. Nach der frühen Führung schon nach 70 Sekunden durch einen 20-Meter-Schuss von Markus Schneider war die Partie keineswegs ein Selbstläufer für den Tabellenführer. „Illingen hat uns ordentlich Paroli geboten, das war auch eine gute Mannschaft.  Es hat lange gedauert, bis wir ins Spiel gekommen sind“, erinnert sich Jung. Auch dass der Illinger Torhüter Thomas Fritsch, damals einer der Besten in der Region, nach einem Geschäftstermin in Mailand am Flughafen festsaß, weiß der Asperger noch genau: „Ich hatte gehofft, dass sein Flugzeug Verspätung hat.“

Jung war damals mit einer extrem jungen Mannschaft in seine achte Saison beim FSV 08 gestartet. „Wir haben ja mit Besigheim und lange auch mit Germania Bietigheim um die Meisterschaft gespielt. Dann sind meine Jungs auf der Zielgeraden an beiden vorbei durch die Mitte und auf die Flagge zugerast“, berichtet Jung. Eine Episode hat er auch noch gut in Erinnerung: „Nach dem Spiel sind der damalige Vorsitzende Walter Christ und ich wie die Jungspunde quer über den Platz aufeinander zugelaufen.  Er ist immer hinter uns gestanden und hat das Konzept mit den jungen Spielern mitgetragen. Das ist für einen Trainer sehr wichtig.“ Heute hätten die beiden bei einem solchen Sprint wie in Illingen wohl Probleme, meint Jung lachend: „Da würden wir wahrscheinlich ein halbes Jahr brauchen.“
Zur Geschichte jenes Samstags vor 20 Jahren gehört aber auch ein traurige Kapitel. Während des Illinger Parallelspiels in der Kreisliga A 3 zwischen dem FV Kirchheim und dem SC Hohenhaslach verstarb am Spielfeldrand Walter Ernst aus Bönnigheim. Der 68-Jährige, einst selbst Torwart und Feldspieler beim TSV Bönnigheim, war ein exzellenter Fußball-Fachmann und oft auf den Plätzen in der Region als Zuschauer unterwegs.