Fußball Amateure sind besser als Jogis Jungs

Ob Marcel Sökler (rechts) das deutsche Team ins Achtelfinale geschossen hätte? Der Stürmer des SGV Freiberg avancierte in der Oberliga-Saison 2017/2018 mit 28 Treffern zum Torschützenkönig.
Ob Marcel Sökler (rechts) das deutsche Team ins Achtelfinale geschossen hätte? Der Stürmer des SGV Freiberg avancierte in der Oberliga-Saison 2017/2018 mit 28 Treffern zum Torschützenkönig. © Foto: Avanti
Ein besonderer WM-Rückblick / Von Andreas Eberle 29.06.2018

Schmählich ist die deutsche Nationalelf bei der Fußball-WM in Russland ausgeschieden. Wie man’s besser macht, zeigen einige erfolgreiche Amateurteams aus dem Bezirk Enz/Murr, an denen sich der tief gefallene Weltmeister ein Beispiel hätte nehmen sollen. Was Jogis Jungs gefehlt hat, wer bei den Defiziten Anschauungsunterricht geben könnte – und was die DFB-Verantwortlichen nun tun sollten, zeigt unsere nicht ganz ernst gemeinte Analyse.

Teamgeist Ein Haufen Individualisten und Egozocker, ver(w)irrte Seelen, die sich mit Despoten ablichten lassen, wechselseitige Schuldzuweisungen – an einem Strang zogen die deutschen Kicker bei der WM nicht. Im Quartier im tristen Watutinki konnte ein „Geist von Moskau“ – anders als 2014 im idyllischen „Campo Bahia“ in Brasilien – offenbar nicht gedeihen. Da loben wir den FV Löchgau. Der kickte in der vergangenen Saison zwar nur im Staffel-Gebiet der Landesliga 1 (Enz/Murr, Rems/Murr, Unterland, Hohenlohe), hat aber gezeigt, was mit Teamgeist und Zusammenhalt möglich ist: Obwohl einige Konkurrenten individuell besser besetzt waren, schaffte die eingeschworene Mannschaft in der Relegation den sofortigen Wiederaufstieg in die Verbandsliga – mit Tugenden wie Einsatz, Leidenschaft und Wille.

Vorschlag: Toni Kroos und Co. sollten vielleicht mal die Vorbereitung beim FVL mitmachen – und als Teambuilding-Maßnahme zum Beispiel gemeinsam mit den Löchgauer Fußballern den berüchtigten und inzwischen schon ziemlich dunklen Kunstrasen im Greuth mit knallig grüner Farbe anpinseln.

Torjäger Nur zwei Treffer gelangen dem deutschen Team in den drei Gruppenspielen, gegen Mexiko und Südkorea ging es sogar leer aus. Die Herren Werner, Gomez und Müller brachten es in Russland auf sage und schreibe null Tore. Marcel Sökler vom SGV Freiberg, mit 28 Treffern der Oberliga-Torschützenkönig, der Bezirksliga-Rekordschütze Nesreddine Kenniche (FC Marbach/37 Tore) oder Timo Etzel, der in der Kreisliga B 8 für die SGM Hohenhaslach/Freudental II laut offizieller Statistik 53 Saisontreffer erzielt hat, können da nur müde lächeln. Schlechter als die hochbezahlten Stars hätten auch sie es nicht machen können. Also: Zumindest einer der drei Himmelsstürmer sollte bei der WM 2022 in Katar die deutsche Offensive verstärken – damit die Schwarz-Rot-Gold-Fans dort wenigstens ein Stürmertor bejubeln können. Um das Selbstvertrauen zurückzuerlangen, sollte Thomas Müller im Gegenzug zum TSV Bönnigheim wechseln. In der Kreisliga B würde der formschwache Bayern-Profi gewiss auch ab und zu wieder treffen.

Tempo Angriffe fast in Zeitlupe, Ballgeschiebe, Angsthasenfußball – die deutsche Auswahl ließ bei ihren WM-Auftritten jegliches Tempo vermissen und spielte pomadig, ideen- und leidenschaftslos ihren Stiefel herunter. Andreas Lechner und Alfonso Garcia, das bisherige Trainerduo des FSV 08 Bissingen, hätten in den vergangenen zwei Spielzeiten ihre Mannschaft mit hochrotem Kopf abgewatscht, hätte diese in der Oberliga solche Vorstellungen geboten. Denn die Bruchwald-Elf steht für Tempofußball, ein flottes Umschaltspiel und überfallartige Attacken über die schnellen Flügelspieler.

Gerade die wieselflinken Riccardo Gorgoglione und Simon Lindner wären eine Bereicherung fürs Nationalteam. Dafür sollten Mesut Özil und Sami Khedira für eine Saison zu den Nullachtern strafversetzt werden – um in der Oberliga wieder zu lernen, dass es im Fußball nicht so gemächlich zugeht wie beim Schach.

Toptrainer Auch Joachim Löw hat in Russland als Bundestrainer eine schlechte Figur gemacht. Seine ständigen Wechsel, taktische Einfallslosigkeit und offenbar auch Probleme, die satt wirkenden Spieler noch einmal richtig zu motivieren, werfen Kritiker ihm vor. Ramon Gehrmann vom Oberliga-Topklub SGV Freiberg wäre der perfekte Nachfolger: Der 43-jährige Waiblinger hat die Fußball-Lehrer-Lizenz des DFB, arbeitet akribisch, ist eloquent und hat auch taktisch viel auf dem Kasten. Die SGV-Spieler schwärmen von seinem Training und der Art der Mannschaftsführung, was vermutlich auch mit seinem Hauptberuf als Gymnasiallehrer zusammenhängt. Und für Jogi findet sich im Tausch am Freiberger Wasen sicherlich auch eine Aufgabe: als Verstärkung für die Trommler auf der Tribüne – oder als versierter Griller am Würstchenstand.

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