Löchgau / Andreas Eberle  Uhr

Stefanie Schuster (32) gilt als eine der größten Expertinnen in der Region, wenn es um Frauenfußball geht. Die langjährige Spielertrainerin des FV Löchgau und jetzige Teamleiterin für den Frauenbereich analysiert im BZ-Interview das WM-Turnier in Frankreich aus deutscher Sicht.

Hat Sie das frühe deutsche WM-Aus gegen Schweden überrascht?

Stefanie Schuster: Überrascht ist vielleicht zu viel gesagt. Ich habe schon damit gerechnet, dass es für die sehr junge deutsche Mannschaft bei diesem Turnier schwer werden würde. Die Schwedinnen haben zum Beispiel wesentlich mehr erfahrene Spielerinnen im Kader, vor allem auch in der Defensive.

Was haben Sie bei der DFB-Elf im Viertelfinale vermisst?

Die Durchschlagskraft nach vorne hat gefehlt, gerade im letzten Drittel. Die ist sicherlich ausbaufähig. Schon in den Spielen davor war die Chancenauswertung nicht gut. Da hat man schon gesehen, dass die jüngeren Spielerinnen noch etwas Zeit brauchen und das Team noch nicht ganz so gefestigt ist. Und speziell gegen Schweden sind die Gegentore viel zu einfach gefallen.

Was hätten Sie anders gemacht, wenn Sie bei dem Turnier Bundestrainerin gewesen wären?

Ich habe mich gefragt, warum die Bundestrainerin Alexandra Popp zurückgezogen hat. Vielleicht wäre es doch die bessere Option gewesen, sie vorne drin zu lassen. Ich bin mir sicher, dort hätte sie sich gut behaupten können. Alternativen fürs defensive Mittelfeld hätte es auf der Bank schon noch gegeben. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer. Sonst hätte ich aber nicht viel anders gemacht. Besonders gut an Martina Voss-Tecklenburg finde ich, dass sie auf die jungen Spielerinnen setzt. Ihr Weg ist der richtige – und den soll sie auch genauso weitergehen.

Wirft dieser Rückschlag den deutschen Frauenfußball in seiner Entwicklung zurück?

Das Aus ist schade, aber sicherlich kein Beinbruch. Natürlich hätte ein besseres Abschneiden einen positiven Effekt gehabt. Man sollte diesem jungen Team aber einfach noch ein bisschen Zeit geben. Das nächste große Turnier, das ansteht, ist 2021 erst wieder die EM. Ich hoffe, dass durch die Veränderung auf der Trainerposition (zu Voss-Tecklenburg Anm. d. Red.) weitere Impulse kommen, die sich auch in den Jugendbereich übertragen, damit Deutschland wieder aufholt. Ich finde, dass die Entwicklung im deutschen Frauenfußball schon in den letzten Jahren etwas ins Stocken geraten ist. Andere Nationen haben uns eingeholt und manche auch überholt.

Inwiefern?

Besonders auffällig finde ich die Unterschiede in der Dynamik, der Spielschnelligkeit und der Ballsicherheit. In diesen Bereichen sind andere Nationalmannschaften mittlerweile einfach besser.

Wie haben Sie die Resonanz auf die Frauen-WM in der deutschen Öffentlichkeit empfunden?

Besser als beim letzten Mal. Etwas schade fand ich allerdings, dass bei der Frauen-WM nur ausgewählte Duelle live im Fernsehen gezeigt wurden, während von der U21-WM alle Spiele übertragen wurden. Mich hätten zum Beispiel die Spiele der USA noch besonders interessiert. Insgesamt war das Turnier aber in der Öffentlichkeit schon präsenter.

Hat dazu auch der provokative Werbespot der DFB-Frauen im Vorfeld beigetragen?

Ich denke schon. Das war ein Thema, über das viel gesprochen wurde. Damit haben sie genau das erreicht, was sie bezwecken wollten, nämlich Aufmerksamkeit zu bekommen.

Welche deutsche Spielerin war für Sie die große Neuentdeckung?

Giulia Gwinn hat eine sehr gute WM gespielt. Sie ist ein junges Talent aus Württemberg, und ich kenne sie noch gut aus meiner Co-Trainer-Tätigkeit bei der württembergischen Auswahl. Darum hat es mich sehr gefreut, dass sie den Sprung geschafft und sich als rechte Außenverteidigerin in die Startelf gespielt hat.

Und von wem waren Sie enttäuscht?

Da gibt es keine Spielerin. Ärgerlich war, dass sich Dzsenifer Marozsán gegen China verletzt hat. Eine fitte Marozsán hätte uns im Viertelfinale mit ihrer individuellen Klasse helfen können.

Ihr Tipp: Wer wird Weltmeister?

Die USA werden es jetzt vollends machen.

Was macht Sie so sicher?

Die US-Amerikanerinnen sind für mich die stärkste Mannschaft in der Offensive, stehen aber auch in der Defensive kompakt und lassen nur wenig zu. Sie haben eine gute Mischung im Team, vor allem auch einige erfahrene Spielerinnen – zum Beispiel Kapitänin Megan Rapinoe, die ein Spiel auch mal allein entscheiden kann.

Zur Person: Stefanie Schuster

Mit sieben Jahren begann Stefanie Schuster beim FV Löchgau mit dem Fußballspielen. Dem Verein blieb die heute 32-Jährige bis zu ihrem Karriereende 2011 treu. 2007/08 führte sie die Mannschaft als Spielertrainerin in die Zweite Bundesliga. Dort stand sie drei Spielzeiten lang als Innenverteidigerin ihre Frau. 2013/14 und 2014/15 fungierte sie als Co-Trainerin der Löchgauer Landesliga-Männer. Von 2006 bis 2016 war sie zudem Assistenzcoach bei der U16 und der U18 des Württembergischen Fußballverbands. Von der Winterpause 2015/16 bis März 2019 trainierte sie erneut die FVL- Frauen in der Regionalliga Süd und der Oberliga. Teamleiterin für die Frauen und die Junioreninnen ist sie seit 2014. Schuster unterrichtet am Helene-Lange-Gymnasium in Markgröningen die Fächer Mathe und Sport. ae