Herr Siebrecht, eine bewegende Saison hat sich zu Ende geneigt, auch für Sie persönlich. Können Sie sie kurz zusammenfassen?

Nach einem schlechten Start in die Saison, haben wir versucht, die Mannschaft zu stabilisieren, was auch zum Teil gelungen ist. Trotzdem waren wir im weiteren Verlauf nahe dran an den Abstiegsrängen. Nach der Wintervorbereitung hat sich die Mannschaft dann Schritt für Schritt stabilisiert, hat immer bessere Leistungen gezeigt, so dass wir fünf Spieltage vor Schluss den Klassenerhalt schon sichern konnten. Natürlich hat das gewonnene Pokalfinale aus einer eher schwierigen am Ende noch eine richtig gute Saison werden lassen.

Sie haben sehr erfolgreich in Ulm gearbeitet. Sie haben entscheidenden Anteil daran, dass der SSV 46 den Sprung aus der Oberliga in die Regionalliga geschafft hat. Jetzt trennen sich die Wege, können Sie schon verraten, was Sie demnächst machen?

Meine Zukunft ist im Moment noch völlig offen. Ich will auf jeden Fall im Fußballgeschäft bleiben und nochmal eine Aufgabe übernehmen. Was konkret und wo die Reise hingeht, kann ich im Moment noch nicht sagen.

Sie verlassen nach drei Jahren den SSV 46 mit einem weinenden und einem lachenden Auge, finanziell geordnete Verhältnisse und Regionalligaklassenerhalt?

Ich war sehr gern in Ulm, habe mich hier in den drei Jahren sehr wohl gefühlt, wir haben immer vertrauensvoll zusammen gearbeitet. Wir haben Ziele erreicht, viele Dinge verändert, neu strukturiert und gefestigt, so dass die Leute, die jetzt nachfolgen, auf einem gesunden Fundament aufbauen können.

War der Job als Sportlicher Leiter für Sie auf Dauer zu stressig?

Nein, überhaupt nicht.

Ihre Mission, den SSV 46 in den Profifußball zu führen, ist nicht vollendet. Stellt Sie das eigentlich zufrieden?

Ich denke, dass wir mit den Möglichkeiten, die zur Verfügung standen gute Arbeit abgeliefert haben. Wir haben den Verein innerhalb von drei Jahren stark verändert und strukturell auf den Profifußball vorbereitet. Dazu haben wir zuletzt die beste Saison gespielt, die der SSV 46 seit der ersten Insolvenz hatte. Aber um die nächsten Schritte nach oben zu gehen bedarf es gewisser Voraussetzungen, die so in Ulm noch nicht gegeben waren. Von daher ist der Weg in den Profifußball ein sehr weiter.

Was ist denn das Hauptproblem, woran hakt es noch?

Nur wenn die Region und das Umfeld in Ulm Profifußball möchten, dann ist es machbar. Ein entscheidender Faktor ist der finanzielle Rahmen, den man zur Verfügung hat, nicht nur für eine oder zwei Saisonen, sondern über einen längeren Zeitraum.

Stichwort Profifußball: Was muss passieren, damit Ulm in die dritte Liga kommt?

Wie bereits gesagt, die Stadt und die Region müssen sich klar zum Profifußball bekennen, das kam in der Vergangenheit nicht so deutlich rüber. Es müssten entsprechende Mittel von der Wirtschaft zur Verfügung gestellt werden, damit man dauerhaft professionell arbeiten und dieses große Ziel erreichen kann.

In Ihrer Amtszeit gab es zahlreiche personelle Veränderungen im SSV-Kader. Was würden Sie rückblickend herausheben wollen?

Ich habe Trainer Tobias Flitsch aus der Landesliga geholt, den niemand gekannt hatte. Trotz großem Druck und Unruhe von außen haben wir ihm die Rolle des Cheftrainers zugetraut, er hat uns nicht enttäuscht. Mit Sven Ackermann als Co-Trainer und Sebastian Schulz als Athletiktrainer haben wir ebenfalls wenig bekannte Personen installiert. Dazu haben wir eine Reihe weitgehend unbekannter Spieler zum Verein geholt, die sich zu Stammspieler entwickelt haben.

Mit wem haben Sie Ihre Entscheidungen besprochen?

In erster Linie mit Sportvorstand Anton Gugelfuß.

Gab es hin und wieder Differenzen mit dem Vorstand, was die Verpflichtung von neuen Spielern betraf? Weil das alte schwäbische Kaufmannsprinzip, ausgegeben wird nur, was eingenommen wurde, beim SSV 46 vorherrscht?

Es ist ganz normal, dass im Fußball unterschiedliche Meinungen aufeinandertreffen. Man muss das sachlich ausdiskutieren. Natürlich muss man sich immer an den finanziellen Rahmenbedingungen orientieren, welche Spieler man zum Verein holen kann. Wir haben in unserer Zusammenarbeit versucht, das voll umfänglich auszuschöpfen und haben mit unseren Mitteln die bestmöglichen Entscheidungen getroffen.

Gab es auch kritische oder schlimme Phasen?

Es gab in jeder Saison kritische Phasen, schlimm möchte ich sie nicht bezeichnen. Wir hatten in jeder Saison Ziele, bei denen im weiteren Saisonverlauf nicht absehbar war, ob sie erreichbar waren oder nicht. In der Gemeinschaft haben wir das alles gut bewerkstelligt, und schlussendlich doch immer wieder die Mannschaft und den Verein auf den richtigen Weg gebracht. Trotz beschränkten finanziellen Mitteln gegenüber der Konkurrenz waren wir in den letzten drei Jahren einmal Oberligameister und einmal Pokalsieger und haben den Verein in der Regionalliga etabliert.

Was war der schönste Augenblick?

Das war natürlich der WFV-Pokalsieg.

Mit einem Dutzend Neuzugängen wird die Mannschaft jetzt erheblich umgebaut. Ist das ein Risiko?

Mit Sicherheit ist es von Vorteil, wenn eine Mannschaft über einen längeren Zeitraum wächst und nur punktuelle Veränderungen vorgenommen werden. Das kommt natürlich immer auch auf die Ziele des Vereins an. Wenn man höherklassige Ziele hat, sollte man dann auch Spieler im Kader haben, die diese Liga schon in den Beinen haben. Ideal ist es dann, bei einem eventuellen Aufstieg, wenn man dann die Mannschaft nur noch auf drei, vier Positionen verändern muss.

Der neue Trainer hat den Trainerstab erweitert, seine Wunschspieler bekommen. Welche Hoffnungen knüpfen Sie an Holger Bachthaler?

Ich denke, dass Holger Bachthaler ein gut ausgebildeter Trainer ist und dass der SSV 46 sich gut überlegt hat, den Mann hier aus der Region, für drei Jahre zu verpflichten. Ich glaube schon, dass er die Qualität hat, mit dem Verein die nächsten Schritte zu machen.

Wie groß war Ihr Einfluss auf die aktuelle Kaderzusammenstellung?

Ich hab sowohl dem neuen Trainer als auch dem Sportvorstand meine Vorschläge und Gedanken unterbreitet. Am Ende haben Vorstand Gugelfuß und Trainer Bachthaler die Entscheidungen getroffen.

Wenn man Ihnen zuhört, fragt man sich, warum Sie persönlich überhaupt eine Veränderung wollen. Sie wirken nicht gerade altersmüde.

Ich bin alles andere als altersmüde. Nach drei intensiven und erfolgreichen Jahren ist einfach die Zeit für mich gekommen, eine neue Herausforderung zu suchen. Ich hoffe, dass dies jeder zumindest teilweise nachvollziehen kann.

Mit welchem Gefühl übergeben Sie das operative Geschäft?

Mit einem sehr guten Gefühl. Ich habe sehr hartnäckig an der Sache gearbeitet, war mit viel Herzblut dem Verein verbunden und habe das Gefühl, eine intakte, sportliche Struktur zu hinterlassen.