Fußball Wenn die Zeit plötzlich rückwärts läuft

Ulm / Gerold Knehr 20.08.2018

Fußball kann ganz schön aufregend sein. Insbesondere dann, wenn der Außenseiter den hohen Favoriten am Rand einer Niederlage hat und nur noch wenige Minuten zu spielen sind.

Kein Wunder also, dass die Anspannung am Samstag im Donaustadion bei der DFB-Pokal-Erstrundenpartie zwischen dem SSV Ulm 1846 Fußball und Titelverteidiger Eintracht Frankfurt mit den Händen zu greifen war. „Ich habe immer wieder auf die Uhr geschaut. Noch drei Minuten, dachte ich“, berichtet Co-Trainer Herbert Sailer. „Als ich das nächste Mal draufschaute, waren es plötzlich dreieinhalb Minuten. Da kann man verrückt werden“, sagte er angesichts der scheinbar rückwärts laufenden Zeit.

Doch trotz des späten Anschlusstreffers von Goncalo Paciencia in der 90. Minute hat es der Regionalligist, der schon zu Ende der ersten Halbzeit gewaltig hatte zittern müssen, geschafft. Der Nervosität folgte beim Ulmer Teil der Anhänger im Donaustadion überschwängliche Freude, kaum einer verließ mit dem Schlusspfiff das Stadion. Jeder wollte das Team, das dem hohen Favoriten einen unbändigen Kampf geliefert hatte, feiern. Bei den zahlreichen Frankfurter Anhängern – es waren weit mehr als die offiziell 2800 Tickets, die den Gästen zur Verfügung standen – herrschte hingegen Frust. Das Sommerhoch am Main nach dem Gewinn des DFB-Pokals gegen den FC Bayern 91 Tage zuvor ist einem Tief gewichen, das sich zu einem gewaltigen Donnerwetter auswachsen kann.

Doch die Sorgen der Hessen-Fans um den Bundesliga-Klassenerhalt kümmerte die Gastgeber in diesem Moment nicht. Sie hatten vor 18 440 Zuschauern im ausverkauften Stadion und bei den 3,18 Millionen Zuschauern in der ARD-Sportschau, wo ein längerer Bericht  gesendet wurde, beste Werbung in eigener Sache gemacht. Ulms Trainer Holger Bachthaler bescheinigte seinen Schützlingen einen Superfight. „Die Kulisse hat unsere Spieler beflügelt.“

Nach vielen Jahren hat sich der SSV 46 Fußball überregional mit einem deutlichen Lebenszeichen zurückgemeldet.  Dazu beigetragen hat das komplette Team, das die richtige Mischung aus Mut, Leidenschaft und Lockerheit gefunden hat und mit diesen Tugenden den individuell weit besser besetzten Bundesligisten  in Schach hielt. Torhüter Christian Ortag, vom Regionalliga-Absteiger Stuttgarter Kickers an die Donau gewechselt, war ein starker Rückhalt und verhinderte mehrere Male ein sicher erscheinendes Frankfurter Tor.  Die Abwehr kämpfte unermüdlich. Luigi Campagna räumte im defensiven Mittelfeld nicht nur kräftig ab, sondern war auch an der Entstehung beider Treffer beteiligt. Sein Opa, der im Donaustadion war, war mächtig stolz auf den Enkel.

Natürlich war auch etwas Glück im Ulmer Spiel, Frankfurt hatte zwei Pfostentreffer zu verzeichnen, ein Tor von Luka Jovic, dem gefährlichsten Frankfurter, wurde wegen Abseits aberkannt. Es war eine sehr knappe Entscheidung.

„Ein Sieg gegen einen solchen Gegner in einem ausverkauften Stadion – davon habe ich schon als kleiner Junge geträumt“, sagte Johannes Reichert. Er und ein Großteil seiner Teamkollegen feierten den Erfolg am Samstagabend zuerst bei „Capos Größenwahn“ in der Platzgasse und später im HK, der Gaststätte Hinter dem Kreuz. Doch morgen geht es in der Regionalliga bereits weiter.

So haben sie gespielt
So geht es weiter im Pokal

Die Auslosung für die zweite Runde des DFB-Pokals erfolgt am kommenden Sonntag (ab 18 Uhr) im Rahmen der ARD-Sportschau. Es gibt wie in der ersten Runde zwei Lostöpfe. Im einen sind die verbliebenen Amateurvereine wie der SSV Ulm 1846 Fußball vertreten, im anderen Topf Vereine aus der ersten und zweiten Bundesliga. Damit ist klar, dass die Spatzen in Runde zwei, die am 30./31. Oktober ausgetragen wird, Heimrecht gegen einen Profiverein haben werden. Sind in einem Behälter keine Lose mehr vorhanden, werden die verbliebenen Mannschaften des anderen Behälters gegeneinander ausgelost.

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