Keinen Sieger gab es beim stets brisanten Oberliga-Derby zwischen den Fußballvereinen des SSV Reutlingen und des SSV Ulm 1846. Man trennte sich 1:1. Unentschieden, aber keineswegs friedlich-schiedlich. In der Schlussphase stand die Begegnung an der Kreuzeiche kurz vor dem Abbruch. Am Ende mussten sich alle als Verlierer fühlen: die Reutlinger als Veranstalter, die Spatzen – und nicht zuletzt der Fußball insgesamt.

In der 84. Minute waren etwa 100 Chaoten aus dem mit 500 Besuchern gefüllten Ulmer Block durch ein offenes Tor Richtung Spielfeld gestürmt. Wer dieses Tor geöffnet hatte, ließ sich bis am Samstagabend nicht klären. Schiedsrichter Michael Kempter unterbrach die Partie. Die mit einem massiven Aufgebot anwesende Polizei griff ein und drängte die Randalierer mit Schlagstöcken und dem Einsatz von Pfefferspray zurück in den Gästeblock. Nach sechsminütiger Unterbrechung setzte Kempter die Begegnung fort und beendete sie drei Minuten verfrüht.

„Wie hatten zuletzt eine positive sportliche Entwicklung. Jetzt machen Krawallbrüder und Trittbrettfahrer, die mit dem Verein nicht das Geringste am Hut haben, unseren Ruf wieder kaputt. Ich bin fassungslos vor so viel Gewaltbereitschaft und Dummheit“, sagte Spatzen-Trainer Stephan Baierl.

Dass der SSV 46 Fußball nach zuletzt fünf Siegen in Folge in Reutlingen zum sechsten Mal in Folge ungeschlagen blieb und die Spatzen erneut zumindest ansatzweise ihre positive sportliche Weiterentwicklung demonstrieren konnten, ging angesichts der Umstände fast unter.

Die Gäste erwischten vor 2200 Zuschauern einen guten Start und gingen folgerichtig bereits in der elften Minute mit 1:0 in Führung. Denis Werner setzte sich auf der linken Seite durch und passte auf Max Bachl-Staudinger. Der kam in halblinker Position zum Schuss und ließ Reutlingens Torhüter Denis Grgic keine Abwehrmöglichkeit.

Danach machten die Ulmer weiterhin viel Druck. Immer, wenn der SSV 46 im Ballbesitz war, rückte Linksverteidiger Manuel Hegen weit auf und übernahm den Part des linken Mittelfeldspielers. Der dort agierende bienenfleißige Denis Werner wiederum war von Baierl mit vielen künstlerischen Freiheiten ausgestattet worden und tauchte im Verlauf der Begegnung auf den verschiedensten Positionen auf. „Dadurch war unser Spiel für den Gegner schwer auszurechnen“, freute sich Baierl über diesen taktischen Coup. Dennoch kamen die Reutlinger mitten in der Ulmer Drangphase zum überraschenden Ausgleich. Bastian Bischoff nutzte in der 24. Minute nach einer Rechtsflanke von Pierre Eiberger die Unsortiertheit in der Ulmer Defensive zum 1:1.

Im zweiten Durchgang kam den Ulmern ihre spielerische Linie abhanden, das Niveau wurde schwächer. Die Begegnung nahm immer mehr Derbycharakter an, inklusive einiger Nickligkeiten. „Wir haben uns auf ein „Kick and Rush“ eingelassen. Das ist nicht die Art, wie wir Fußball spielen wollen“, monierte Baierl. Dennoch hätten die Ulmer das Spiel für sich entscheiden können. Reutlingens Kapitän Giuseppe Ricciardi, bedrängt von Bastian Heidecker, drosch den Ball an den eigenen Pfosten (65.) – ein Fast-Eigentor.

Die Reutlinger gingen vier Tage nach dem württembergischen Pokalsieg an ihre körperlichen Grenzen. Für die Ulmer fühlte sich das 1:1 wie eine Niederlage an. Nicht, weil am Samstag mehr drin gewesen wäre. Vielmehr, weil der Ruf des SSV 46 Fußball erneut gelitten hat.