Ulm Sauter zieht die Notbremse

Ulm / RÜDIGER BERGMANN WINFRIED VOGLER 14.11.2012
Nach nur 142 Tagen ist Stephan Baierls Amtszeit beendet: Am Dienstag wurde der Coach des Fußball-Regionalligisten SSV 46 beurlaubt. Nachfolger ist der Vorgänger: Paul Sauter startet sein fünftes Ulmer Trainer-Kapitel.

Die Verwunderung bei den Spielern des Fußball-Regionalligisten SSV Ulm 1846 setzte mit Verzögerung ein. Zum Trainingsbeginn am Dienstag um 18 Uhr war Stephan Baierl da - doch er trug Zivil. Der Coach der Spatzen vollzog seine letzte Amtshandlung: Er verabschiedete sich von der Mannschaft. Einige Stunden zuvor hatte Präsident Paul Sauter dem 36-Jährigen mitgeteilt, dass er aufgrund der aktuellen sportlichen Situation von seinen Aufgaben entbunden wurde.

Für den Rest der Runde übernimmt der Vereinschef auch den sportlichen Part. Paul Sauter, der in dieser Doppelfunktion mit den Ulmern den Oberliga-Titel 2011/2012 gewonnen hatte, steigt zum fünften Mal als sportlich Verantwortlicher ein. Von Oktober 1982 bis zum Saisonende 83/84 (Aufstieg in die zweite Liga), von 1990 bis 1994 (vier Jahre Oberliga), von September 2007 bis zum Saisonende (Aufstieg in die Regionalliga) und in der Runde 2011/2012 (wieder Aufstieg in die Regionalliga) hatten seine ersten vier Stationen gedauert.

Mit insgesamt drei Aufstiegen waren dies erfolgreiche Zeiten. Davon sind die Spatzen aktuell nach sechs sieglosen Regionalliga-Begegnungen in Serie weit entfernt. Und Sauter traute seinem letztjährigen Assistenten die Wende nicht zu. "Vor Saisonbeginn hatten wir abgemacht, dass mein System eins zu eins weiterverfolgt wird." Weil Baierl jedoch andere Vorstellungen hatte, lagen die beiden nicht mehr auf einer Wellenlänge, als die anfänglich so überraschenden Ergebnisse dann ausblieben. Sauter: "Stephan wollte sich abnabeln und profilieren. Das ist sein gutes Recht - aber das hat nicht mehr funktioniert."

Baierl sieht dies naturgemäß anders. "Ich bin sicher, wir wären aus dem Tal herausgekommen", sagt er, "die Mannschaft stand zu 100 Prozent hinter mir. Mit 21 Punkten stehen wir nicht besonders gut, aber auch nicht besonders schlecht da."

Nach eigener Darstellung hat der Hinauskomplimentierte während der 142 Tage seinen Vorgänger "immer eher als Trainer denn als Präsidenten" erlebt. Eine vertragliche Dauer von Stephan Baierls Tätigkeit als Chefcoach hatten beide Seiten nicht schriftlich fixiert. "Per Handschlag hatten wir bis 2014 vereinbart", betont Baierl, "aber ich habe in dieser Sache nie nachgehakt."

Paul Sauters Rückkehr auf die Bank beginnt mit dem Auswärtsspiel am Samstag um 14 Uhr beim SC Freiburg II. Ein schwieriges Unterfangen. Denn beim Talentschuppen des badischen Bundesligisten haben die Spatzen in den zurückliegenden zehn Jahren keinen ihrer neun Auftritte siegreich beendet. "Der Zeitpunkt ist sicher nicht ideal", weiß Sauter. Aber Trainer werden nun mal nur bei ungünstigen Konstellationen gewechselt.

Es ist damit zu rechnen, dass die Aufstellung im Breisgau deutlich anders aussehen wird als zuletzt. Denn Sauter konnte sich mit zahlreichen Personalentscheidungen Baierls nicht anfreunden. Spieler, die der Meister-Coach in diesem oder im vergangenen Jahr geholt hatte, passten nur selten oder gar nicht in das Konzept des Nachfolgers (Elyes Seddiki, Zachary Olow, Ayoze Perez, Yannick Agro). So lange kollektiv auf dem Rasen ein Rädchen ins andere griff, funktionierte die veränderte Taktik - doch in jüngster Zeit passte es eben nicht mehr.

"Unser Ziel war nie, um den Aufstieg mitzuspielen", erläutert Baierl, "sondern 40 bis 45 Punkte zu holen". Sauter hingegen hat mit Besorgnis registriert, dass die Distanz zur Abstiegszone (im ungünstigsten Fall sechs Absteiger) nur noch drei Zähler beträgt. Deshalb entschloss er sich nach eingehender Beratung mit seinem Präsidiums-Kollegen Georg Unbehaun zu dem unpopulären Schritt der Entlassung. Und stellt sich selbst wieder mal der sportlichen Verantwortung. "Eine andere Lösung steht nicht zur Diskussion", stellt Sauter klar.

Die Spieler verkniffen sich am Dienstagabend irgendwelche Kommentare. Nur der verletzte Florian Treske mutmaßte: "Für die Jungen ist die Situation sicher schwer." Georg Unbehaun bekräftigte: "Einige Spieler sind traurig - aber sie haben zuletzt nicht für den Trainer gespielt." Und dann fügte der Vizepräsident hinzu: "Entweder sind manche Spieler ihr Geld nicht wert - oder es wurde falsch trainiert."

Der bisherige Baierl-Assistent Steven Trevallion will sich am Mittwoch entscheiden, ob er in dieser Funktion unter Paul Sauter weitermacht.

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