Fußball Lennart Stoll ist der neue Tim Göhlert

Ulm / Gerold Knehr 19.06.2018

Klar kenne ich Tim Göhlert. Nicht persönlich. Aber seit feststand, dass ich nach Ulm wechsle, habe ich seinen Weg rückblickend verfolgt.“ Sagt Lennart Stoll, einer der zwölf Neuzugänge des SSV Ulm 1846 Fußball, der gestern beim Trainingsauftakt der Spatzen erstmals an seiner neuen Wirkungsstätte zugange war.

Lennart Stoll (22) ist gewissermaßen der neue Tim Göhlert (33) bei den Spatzen. Beide haben viele Gemeinsamkeiten. Abwehrspieler Göhlert hatte es im Sommer 2003 von Chemnitz nach Ulm verschlagen. Er bekam von der damals noch existierenden zentralen Vergabestelle an der hiesigen Uni einen Medizin-Studiumplatz zugeteilt – und spielte ab Januar 2004 für die Spatzen Fußball. Stoll, bislang Profi beim Drittligisten Preußen Münster und an der rechten Außenbahn zu Hause, bewarb sich an der Ulmer medizinischen Fakultät. Und wurde ausgewählt. „Seit der Zusage im Februar war klar, dass der SSV 46 meine erste Wahl sein wird. Ich freue mich riesig, dass sich die Vereine geeinigt haben“, sagt Stoll, der bei seinem Heimatverein einen Vertrag bis 2019 besaß.

„Positiver, umgänglicher Typ“

Wie Göhlert wurde Stoll, den Trainer Holger Bachthaler als „positiven und umgänglichen Typen“ beschreibt, in eine für beide völlig neue Welt katapultiert. „Ich habe mein ganzes Leben in Münster verbracht. Der Wechsel nach Ulm ist eine komplette Umstellung. Aber ich freue mich, neue Leute kennenzulernen“, sagt der 22 Jahre alte Spross einer Medizinerfamilie. Bis zum Studienbeginn im Oktober will er bei den Spatzen jede Trainingseinheit bestreiten und sich, wenn möglich, einen Stammplatz erkämpfen.

Göhlert hatte vor 15 Jahren denselben Plan. Aber es war nicht einfach, Studium und Fußball unter einen Hut zu bekommen. „Es gibt nur diese beiden Dinge. Für alles andere bleibt keine Zeit, alles andere bleibt auf der Strecke“, warnt  Göhlert seinen potenziellen Nachfolger Stoll.

Göhlerts Start bei den Spatzen war nicht einfach. Auch unter dem damaligen Trainer Marcus Sorg, dem jetzigen Assistenten von Bundestrainer Joachim Löw bei der Nationalmannschaft, wollten die Ulmer, wie jetzt mit dem neuen Coach Holger Bachthaler, im Jahr 2004 professionellere Strukturen einführen. Wegen Prüfungen konnte Göhlert nicht mit ins Winter-Trainingslager und spielte in der Rückrunde 2005 keine große Rolle mehr. Er  zog die Konsequenz und wechselte zum 1. FC Heidenheim.  Was folgte, ist bekannt. Der Sachse wurde auf der Ostalb zum Leistungsträger und stieg bis in die 2. Bundesliga auf.

Den Traum vom Profifußball hatte auch Stoll, der nebenbei Biologie studierte. In der vergangenen Runde jedoch pendelte er zwischen Stammplatz und Ersatzbank. Am Ende kam er auf 18 Einsätze – und zur Einsicht, dass es für eine ganz große sportlichen Karriere nicht reichen wird. Doch das Beispiel Göhlert zeigt ihm, dass man Traum Fußball nicht gleich aufgeben muss.

„Vor zehn Jahren hat man noch nicht so intensiv trainiert wie heute. Ich bin gespannt, ob Lennart den Weg, den ich gegangen bin, wiederholen kann“, sagt Göhlert, dessen Elternhaus im Gegensatz zu den Stolls aus Münster keinerlei medizinischen Hintergrund hat. Mittlerweile hat Göhlert sein Studium längst abgeschlossen. Er hat derzeit gleich zwei Stellen inne. In Heidenheim, wo er im Bereich der Arbeitsmedizin tätig ist und wo er den Facharzt-Abschluss anstrebt, und in Roggenburg, wo er halbtags  in einer Allgemeinartzpraxis arbeitet.

Seine Profikarriere hatte Göhlert nach dem Ende der Spielzeit 2015/16 mit erst 31 Jahren beendet und war zum SSV 46 zurückgekehrt – eigentlich in die zweite Mannschaft. Dass er, obwohl er meist nur zweimal pro Woche trainieren konnte, in der vergangenen Saison zu einem wertvollen „Stand-by-Spieler“ im Regionalliga-Team wurde, war so nicht absehbar.

„Jetzt geht die Professionalisierung in Ulm weiter, da habe ich nichts mehr verloren“, sagt Göhlert. Nach seinem letzten Auftritt im Ulmer Dress im letzten Regionalliga-Heimspiel der vergangenen Saison gegen den SV Waldhof Mannheim „vermisse ich schon jetzt den Fußball.“ Einen neuen Verein, bei dem er wenig trainieren müsse, aber ab und zu spielen dürfe, habe er noch nicht gefunden. Ein Engagement bei einem Bezirksligisten könne er sich vorstellen.  „Vielleicht aber höre ich auch ganz mit dem Fußball auf.“

Lennart Stoll hingegen steht noch am Anfang seiner sportlichen und medizinischen Karriere. Er möchte in Ulm durchstarten – sportlich, beruflich und familiär. Auch in letzterem Bereich kann ihm Tim Göhlert als Vorbild dienen. Er hat in Heidenheim seine heutige Frau kennengelernt, hat mittlerweile zwei Kinder und ist in Schwaben längst heimisch geworden.

Stolls erster Eindruck von seinem neuen Umfeld ist ebenfalls positiv. Er ist seit Freitag an der Donau. „Die Stadt ist auf den ersten Eindruck sehr schön. Ich freue mich auf all das, was hier noch auf mich zukommen wird.“ Das könnte eine ganze Menge sein. Frage nach bei Tim Göhlert.

Ab heute sechs Tage im Trainingslager

Bis auf Alper Bagceci, der noch Urlaub hat, waren gestern alle 26 Feldspieler und drei Torhüter beim Auftakttraining dabei. Individuell übten Vinko Sapina (Kreuzbandriss) und Marcel Schmidts (Schlüsselbeinbruch). Bis zum Regionalligastart am Wochenende 27. bis 29. Juli wird es für beide wohl nicht reichen. Heute um 8 Uhr machen sich die Spatzen auf den Weg ins sechstägige Trainingslager nach Sulzberg  (bei Kempten). „Neben dem Grundlagen- und Ausdauertraining wollen wir auch viel mit dem Ball arbeiten“, kündigt Trainer Holger Bachthaler an. Sogenannte „teambildende Maßnahmen“ sind bis auf gemeinsame WM-Fernsehabende nicht geplant. gek

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