Fürs Fußballspiel stoppt der Stopper seinen Lkw

WOLFGANG SCHEERER 25.04.2012
Rudi Assauer hat tatsächlich mal Schlosser gelernt. Im Ulmer Fußball wurde im April 1962 ein Mann als "Entdeckung" gefeiert, der eigentlich Fernfahrer war: Karl Schneiderhan aus Finningen.

Wer einen "Kicker Almanach" aus den Anfangszeiten der Fußball-Bundesliga oder der Zeit davor besitzt, ist ihm Vorteil, wenn es um die damaligen Berufe der Spieler geht, die genau vermerkt sind. Profis waren die meisten von ihnen nämlich auch auf ganz anderem Feld als dem Rasen. Rudi Assauer beispielsweise, einst Abwehrspieler bei Borussia Dortmund (!), hat Schlosser gelernt, Stürmer Rolf Geiger vom VfB Stuttgart Maurermeister. Handwerkliches Geschick war Trumpf: Es gab unter den Erstliga-Spielern Schreiner, Dreher, Drahtzieher und Werkzeugmacher in Mannschaftsstärke. Natürlich auch Feinmechaniker, Elektriker und Laboranten. Dazu Bäcker, Goldschmiede oder Buchdrucker wie "Spatzen"-Stürmer Helmut Siebert, der aus Pegnitz stammte und später von der TSG 46 zum VfB Stuttgart wechselte. Offensivtalent Siebert bestritt alle 30 Spiele in der letzten Oberliga-Saison 1962/63 und erzielte für die Ulmer Elf von Trainer Fred Hoffmann 22 Tore. Die Spatzen kamen auf den achten Rang in der ersten Liga, verpassten allerdings den Einzug in die neu geschaffene Bundesliga. Nur die besten fünf Vereine der Süd-Gruppe qualifizierten sich.

Wer in einem der großen Klubs spielte, war zumeist Vertragsspieler und bekam dafür auch etwas Geld - eine "Entschädigung als Ausgleich für besondere sportliche Inanspruchnahme". Doch selbst Spitzenfußballer durften monatlich maximal 400 Mark verdienen. Das sollte sich mit Einführung der Bundesliga drastisch ändern: Nun konnten es bis zu 1200 Mark sein, in Ausnahmefällen auch mehr. Außerdem wurden zusätzlich pro Jahr Sonderprämien bis zu 2000 Mark und alle zwei Jahre Treueprämien bis zu 10 000 Mark in Aussicht gestellt.

Sportliche Entdeckung bei der TSG Ulm 46 war im April vor 50 Jahren ein Mann aus Finningen, der sein Geld bis dahin ausschließlich als Lkw-Fahrer verdiente: Karl Schneiderhan. In einer Art Not-Elf wurde händeringend ein Stopper gesucht, später Libero genannt. Die Wahl fiel auf Reservespieler Schneiderhan, der nach dem 0:0 vor 33 000 Zuschauern bei Hessen Kassel überall beste Kritiken bekam. Die Schwäbische Donau Zeitung (SDZ) berichtete über die Leistung des damals bereits 29-Jährigen: "Man schrieb das 0:0 der ausgezeichneten Zusammenarbeit des Stoppers Schneiderhan mit seinen Kameraden in der Abwehr zu." Dazu illustrierte die SDZ das Bild des Muster-Sportsmanns: "Als Fernfahrer erschien er zu wichtigen Spielen der Amateure von weit her kommend in Eislingen, stieg in seinen Sport (die Spielkleidung, Anm. d. Red.), spielte, zog sich umgehend wieder um und fuhr in Richtung Frankfurt weiter. Das war wirkliches vorbildliches Verhalten, das man inzwischen nicht mehr so ohne weiteres antrifft." Auch heute lebt Schneiderhan in Finningen, kickt mit 79 Jahren als mit Abstand Ältester in der AH-Mannschaft des SSV 46 und sagt: "Ja, so ist das damals gewesen. Stimmt." Er sei bei der Spedition des ehemaligen Ulmer Oberliga-Fußballers Ernst Bertele angestellt gewesen, habe dessen einzigen Lkw gefahren, einen Sattelschlepper, der bis zu 25 Tonnen laden konnte. Es ging nach Hagen, Hildesheim, Hannover oder sonstwo hin. Holz wurde transportiert, aber vor allem Material für Magirus: Reifen, Blech, Autofedern, Lichtmaschinen. Oft war Schneiderhan die ganze Woche unterwegs und schaffte es gerade rechtzeitig zu einem der Punktspiele. 60 bis 70 Mark in der Woche habe er damals als Fernfahrer verdient, plus fünf Mark Spesen. Als Fußballer hatte er einen Vertrag über rund 200 Mark pro Monat plus Punkteprämie. "Wenn unsereiner auf 400 Mark gekommen ist, war das viel", erinnert sich Karl Schneiderhan. "So oft haben wir ja auch wieder nicht gewonnen."

In der Saison 1961/62 allerdings hatte die Abwehr um den designierten WM-Torhüter Wolfgang Fahrian, 20, und Überraschungsmann Schneiderhan als Stopper maßgeblichen Anteil daran, dass die von Fred Hoffmann trainierten "Spatzen" prompt den Wiederaufstieg in die erste Liga schafften. Dort brachte es der Fernfahrer aus Finningen, der von der TSG Neu-Ulm zu Ulm 46 kam, auf zehn Einsätze. Sein Fazit: "Wir wurden damals nicht so verhätschelt wie mancher Profi heute." Und wenn im Fußball nichts mehr ging: Dann gab es ja auch noch einen richtigen Beruf.

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