Umfrage Ein Übermaß an Glück

Winfried Vogler 20.08.2018

Erbarmen, die Hessen kommen! Ein Refrain, der nicht für die Spatzen gilt. Innerhalb von acht Tagen hat der SSV Ulm 1846 Fußball mit Kickers Offenbach (2:1) und Eintracht Frankfurt (2:1) gleich zwei ambitionierte Klubs aus dem Rhein-Main-Gebiet mit einer Niederlage im Gepäck auf die Heimreise verabschiedet. Wobei der Erfolg in der ersten Runde des DFB-Pokals über den drei Klassen höher spielenden Bundesligisten und Titelverteidiger einer Sensation gleich kommt.

Dementsprechend ausgelassen tanzten die Fans noch fast eine Stunde nach dem Abpfiff auf den Rängen und feierten, als habe der SSV 46 schon den DFB-Pokal gewonnen und nicht erst Runde eins überstanden. „Wer nicht bei Tageslicht nach Hause kommt, erhält eine Strafe“, sagte Abwehrmann und Antreiber Johannes Reichert.

Gleichermaßen euphorisch wie Spieler und Offizielle reagierten nach dem Pokal-Coup auch Zuschauer und Prominenz auf der Tribüne. Walter Feucht platzte schier vor Stolz: „Das tut mir unheimlich gut, dass wir nach 18 Jahren gegen Frankfurt diese Genugtuung feiern konnten.“ Was dem 68-jährigen früheren SSV-Funktionär und heutigen  Aufsichtsrat-Mitglied nicht aus dem Kopf gegangen ist, war eine offene Rechnung vom letzten Bundesligaspieltag im Jahre 2000. Damals verlor der SSV 46 gegen die ebenfalls abstiegsbedrohten Frankfurter das entscheidende Spiel nach einem umstrittenen Foulelfmeter in der 90. Spielminute mit 1:2 –  und stieg ab.

Frankfurter Vorstands-Frust

Den Massenandrang der Zuschauer nahm Feucht für ein Plädoyer für ein neues Stadion zum Anlass. „Wenn man diesen Ansturm sieht, dann kommt man nicht umhin, vernünftig und ruhig darüber zu diskutieren, wie man mittelfristig ein solches Schmuckkästchen bauen kann.“

So schnell wie einige Frankfurter Vorstandsmitglieder mit dem Hubschrauber kurz vor Spielbeginn eingeflogen kamen, so übereilt machten sie sich nach der Blamage frustriert auch wieder von dannen. Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic fand schnell die Fassung: „Siege und auch Niederlagen gehören im Pokal dazu. Wer sagt, dass so etwas nie passiert, der lügt. Klar haben wir uns das ganz anders vorgestellt. Wir sind im DFB-Pokal die letzten zwei Jahre schön durch Deutschland getourt, das ist vorbei.“ Was Bobic an seinem Team bemängelte: „Uns hat die Galligkeit gefehlt, wir haben null Effizienz vor dem Tor gezeigt, Chancen hatten wir genügend.“ Sein Lob ging an den Gegner: „Die Ulmer haben tapfer gekämpft und alles gegeben.“

Bombastische Leistung

SSV-Verwaltungsratsmitglied Ebbo Riedmüller  sprach derweil nicht nur davon, dass „es ein tolles und spannendes Spiel war“, sondern rühmte auch „eine bombastische Leistung der Mannschaft“. Und die beiden Aufsichtsräte Heribert Fritz und Gerhard Hirth würdigten unisono das Vorstandstrio: „Das ist die Anerkennung für ihre hervorragende Arbeit.“

Einer aus dem Vorstands-Trio, Thomas Oelmayer,  verfolgte im Rollstuhl die 90 Minuten von der Tartanbahn aus. „Für mich geht ein Traum in Erfüllung. Nachdem ich eine schwierige OP hinter mir habe, kann ich mir eine bessere Genesung kaum vorstellen.“ Nach dem Warmlaufen hatten zahlreiche Spieler den Vorstand mit Handschlag begrüßt oder ihn umarmt.

Zahllose SMS

Als einer der ersten zahlreichen Gratulanten auf dem Handy von Sportvorstand Anton Gugelfuß meldete sich Dieter Hoeneß und gratulierte zum Sieg. Sein Bruder, FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß, äußerte sich gestern bei Sky News. „Ich glaube, dass die Frankfurter das Ganze etwas zu leicht genommen haben. Ich beobachte die Ulmer in der Regionalliga genau. Ihnen gönne ich es.“ Gegen eine Zweitrunden-Begegnung SSV 46 – FC Bayern hätte er nichts einzuwenden: „Ich komme immer gern nach Ulm, das wäre eine schöne Sache.“ Zuvor will der Metzgersohn den Spatzen nach dem Erstrunden-Coup Wurstwaren aus der eigenen Fabrik spendieren – womöglich gar Frankfurter Würstchen.

Eine halbe Million winkt

Alexander Schöllhorn befasste sich in seiner Eigenschaft als Finanzvorstand des SSV 46 Fußball mit anderem Nahrhaften. Nach einem erwarteten Gewinn von rund 200 000 Euro aus der ersten Runde freut er sich  jetzt  auf den nächsten „ordentlichen Batzen vom DFB“, der in der  zweiten Pokalrunde garantierte 332 000 Euro ausschüttet. Dazu kommen Ticket- und Vermarktungserlöse. Je nach Gegner könnte eine knappe halbe Million in Aussicht stehen. Sein Blick gilt aber nicht nur den Finanzen. „Für den Verein ist das unfassbar, auch für die Fans und die Stadt.“

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