Fußball-Fans Drei Ulmer HSV-Fans melden sich vom Abgrund

Detlef Groninger 15.05.2018

Etwas Trauer, aber keine Tränen und Wut über die Ausschreitungen im Stadion trugen Horst „Wolle“ Schröder, Edgar Paulus und Peter Kessler beim erstmaligen Bundesliga-Abstieg ihres Lieblingsvereins Hamburger SV im Gesicht. Das Trio vom HSV-Fanclub „Blue Danube Ulm“ wollte unbedingt die letzten Atemzüge des „Dinos“ in der Beletage des deutschen Fußballs beim Spiel gegen Borussia Mönchengladbach vor Ort miterleben. „Wir haben den Aufenthalt in Hamburg schon im Februar gebucht. Da waren wir ja eigentlich schon sang- und klanglos abgestiegen. Wir wussten, dass gleichzeitig der Hafengeburtstag gefeiert wird. Wir wollten dieses Wochenende einfach in guter Erinnerung behalten, auch wenn wir sportlich runter müssen“, gesteht Fanclub-Kassierer Peter Kessler.

Der 41-jährige Sendener ist seit dem Sieg im Landesmeisterpokal 1983 Feuer und Flamme für die Hanseaten. „Ich wollte anders sein. Meine Mitspieler beim FV Senden waren entweder für den FC Bayern München oder den VfB Stuttgart“, begründet er seine Begeisterung für die Kicker aus dem hohen Norden. Vor 21 Jahren hatte er sogar zwei Spielzeiten eine Dauerkarte für das Volksparkstadion. Inzwischen besucht der Disponent eines Ulmer Busunternehmens, welches übrigens seit drei Jahren den Borussia-Fanclub Laupheim zu den Partien der „Fohlen“ und somit auch pikanterweise nach Hamburg transportiert hat, genauso wie Paulus und Schröder im Schnitt zwei Heim- und Auswärtsspiele in jeder Spielzeit.

„Die Raute im Herzen“

Der 62-jährige Tiefenbacher Metallbauer Schröder wurde im Hamburger Stadtteil Eppendorf geboren und hat seit der Geburt quasi „die Raute im Herzen“. Sein Vater Horst senior hatte in der damaligen Oberliga das Trikot des HSV getragen. Den Junior verschlug es 1984 beruflich in die Region. Er schnürte die Kick­stiefel früher für den FV Illertissen II. Die Hamburger Fußball-Legende Uwe Seeler hatte es besonders Paulus, mit seinen 68 Jahren „Alterspräsident“ des Fanclubs, angetan. Der Sendener Rentner war sogar 1977 beim Gewinn des Pokals der Pokalsieger des HSV in Amsterdam gegen den RSC Anderlecht im Stadion.

Das „Blue Danube“-Trio hatte auch die Rettung des Klubs in der vorherigen Saison mit dem 2:1 gegen den VfL Wolfsburg in der Arena verfolgt. „Das waren noch Freudentränen“, gesteht Paulus, der zusammen mit seiner Frau im Ulmer Donaustadion den Kiosk hinter dem D-Block betreibt. „Beim Platzsturm sind wir aber sicher nicht dabei. Wir haben keinen Bock auf Stress und feiern lieber untereinander.“

Allerdings war die Zuversicht sehr gedämpft im Vorfeld der entscheidenden Partie gegen Mönchengladbach. „Ich bin mir zwar sicher, dass wir das letzte Spiel gewinnen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass sich Köln in Wolfsburg noch ein Bein rausreißt“, vermutete Paulus.

Seine Prognosen traten schließlich ein. Wenn er Wetten auf die Spieltendenzen abgeschlossen hätte, wäre der kostspielige Ausflug in die Elbmetropole im Nachhinein fast schon bezahlt gewesen.

Vorzeitig aus dem Stadion

Während Schröder die Partie auf einem Fernsehschirm auf der Hamburger Fanmeile verfolgte, verließen Paulus und Kessler nach der Meldung des 3:1-Zwischenstandes aus Wolfsburg bereits das Stadion. „Nach diesem Resultat war es unrealistisch, noch zu hoffen. Wir haben schon vermutet, dass von den Rabauken noch irgendetwas kommen wird. Und dann wären wir zunächst im Stadion eingeschlossen gewesen“, berichtet Kessler. Schröder hatte sogar noch größere Gewaltexzesse als die Rauchbomben und Pyros, die auf den Rasen flogen, befürchtet: „Ich hatte Angst, dass die Nicht-Fußballfans unseren geliebten Volkspark auseinandernehmen.“ Soweit kam es dann doch nicht. In der Stadt selbst blieb es am Abend jedenfalls auch für das Trio ruhig.

Die Zuversicht auf eine sofortige Rückkehr des HSV in die Bundesliga ist aber wenig ausgeprägt. „Die Chancen stehen 50 zu 50. Wir werden mindestens zwei Jahre benötigen“, sagt Paulus. Wobei sein Kumpel sogar einen Radikalschlag bevorzugt hätte. Kessler: „Wir haben 100 Millionen Euro Schulden. Ich wäre nach einer Insolvenz lieber in die vierte Liga gegangen.“

Mit Leidenschaft für den Lieblingsklub

Der HSV-Fanclub „Blue Danube Ulm“ wurde im ­Dezember 2008 gegründet und hat mittlerweile 15 Mitglieder. Die Klubsitzungen finden während der Saison einmal im Monat im Fischer­heim, Am Sand­haken in Wiblingen direkt ­– getreu dem englischen Namen des Fanclubs – an der Blauen Donau statt. Seit acht Jahren übernehmen die Mitglieder auch die Unterbringung, Verpflegung und Betreuung der HSV-Nachwuchskicker anlässlich des U-11-Eurocups in der Brühlhalle Elchingen. 2011 nächtigte sogar der heutige Profi Jann-Fiete Arp bei einem Mitglied. Nicht mit Ruhm bekleckert hatte sich ein HSV-Fan in einem Jahr, als der Sohn der Hamburger Torwart-Legende Richard Golz bei ihm untergebracht war. Peter Kessler: „Der Kollege wusste nicht wer Richard Golz war.“

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