Dass ihn seine Lauferei einmal bis nach Amerika bringen wird, hätte Timo Göhler nicht einmal zu träumen gewagt, als er im Sommer 2005 aus einer Laune heraus die Sportschuhe schnürte, um am Mehrstetter Volkslauf mitzumachen. Richtige Laufschuhe hatte der damals 15-Jährige noch keine.

Acht Jahre später eröffnet ihm der damals entdeckte Sport neue Wege in den USA. Am 19. August steigt er in den Flieger nach Portland. Der Traum in den USA zu studieren, schwirrt schon seit längerer Zeit im Kopf des Studenten, der sich an der Tübinger Uni in "Economics and international Business" eingeschrieben hat und jetzt in Portland seinen Master machen will.

Im März durfte Timo erstmals im Trainingslager in Flagstaff (Arizona) die Luft der unbegrenzten Möglichkeiten schnuppern. Wie es der Zufall wollte, kam der Mehrstetter dabei in Kontakt mit Simon Stützel, dem Gründer und Geschäftsführer von Scholarbook, dem Unternehmen, welches Göhler bei unzähligen Formalitäten unterstützt. Stützel, der einst selbst in den USA studierte und jüngst bei den Deutschen Meisterschaften Dritter über 5000 Meter geworden ist, zählt Timo zwischenzeitlich zu seinen besten Freunden.

Nachdem Göhler den endgültigen Entschluss gefasst hatte, in den USA weiter zu studieren, lagen ihm über 30 Angebote für ein Vollstipendium quasi zu Füßen. Vollstipendium heißt: Studiengebühren, Unterkunft, Essen, Büchergeld . . . Für Göhler, der von sich nicht behaupten kann, im übermäßigen Wohlstand aufgewachsen zu sein, ist das ein Traum. Zahlreiche Zeugnisse mussten beglaubigt, endlos viele Formalitäten erledigt und zahlreiche Tests absolviert werden, und Göhler musste sich für eine Uni entscheiden. "Mit Portland habe ich jetzt eine Top-Uni in einer Top-Umgebung gefunden, in der auch zwei weitere deutsche Läufer im Team sind", freut sich Göhler. Zwei Jahre will er in Portland bleiben, um neben seinem Master of Business Administration an seiner sportlichen Laufbahn zu feilen. Sein neuer Coach Rob Conner wird ihn in Zusammenarbeit mit seinem deutschen Trainer Jens Boyde begleiten. DLV-Lehrwart Fred Eberle, dessen Hammerwurf-Schützling Alexander Ziegler mit Erfolg den gleichen Weg wie Göhler eingeschlagen hat, sieht den Verbund Studium und Leistungssport als Schule fürs Leben und betont: "Es gibt auch noch ein Leben nach dem Leistungssport, jeder der diese Chance bekommt, sollte sie auch nutzen."

Diese Chance hat sich Timo Göhler erarbeitet. Der Premiere beim Mehrstetter Volkslauf folgte schnell die Erkenntnis, dass er es im Laufsport wohl weiter bringen wird, als beim Fußball. Der Einstieg in die Laufgruppe der TSG Münsingen unter dem Trainer Helmut Werz, mit dem Göhler nach wie vor in engem Kontakt steht, folgte bald.

Im März 2007 holte er sich die erste Medaille bei den Deutschen Crosslaufmeisterschaften, die erste große Belohnung für den großen Fleiß. Das Nationaltrikot trug Göhler erstmals im Dezember 2008, bei den Cross-Europameisterschaften in Brüssel. 2009 wechselte er zur LAV Tübingen.

Zwischenzeitlich kann er sich vierfacher Deutscher Juniorenmeister nennen. "Disziplin, Motivation, Wille, Ehrgeiz, hartes Training: alles Schlagwörter, auf die ich bei meinem Sport angewiesen bin und die gleichzeitig ein Grund sind, warum ich diesen Sport mit Leidenschaft ausübe. Ich habe in unzähligen Trainingseinheiten Tausende von Kilometern absolviert und versuche jedes Mal aufs Neue alles zu geben. Ich versuche Grenzen zu verschieben, um meine Ziele zu erreichen", sagt der Läufer.

Und jetzt der Sprung über den großen Teich. Rund 40 000 US-Dollar im Jahr investiert die Uni in Portland in den schnellen Älbler und bietet ihm zudem auf dem Uni-Gelände optimale Trainingsbedingungen, weil Hörsaal und Trainingsgelände auf engstem Raum beieinander sind. "Unter 14 Minuten auf 5000 und unter 29 Minuten über die 10 000 Meter, sollten während meines USA-Aufenthaltes, dann machbar sein, sofern alles verletzungsfrei läuft", blickt Göhler zuversichtlich in die Zukunft.