Reutlingen Sven Schimmel: Vom Profi zum Musiker und Student

SSV-Neuzugang Sven Schimmel (links) - hier noch im Dress des Drittligisten SV Wehen-Wiesbaden - im Zweikampf mit Osnabrücks Gaetano Manno. Foto: Eibner
SSV-Neuzugang Sven Schimmel (links) - hier noch im Dress des Drittligisten SV Wehen-Wiesbaden - im Zweikampf mit Osnabrücks Gaetano Manno. Foto: Eibner
Reutlingen / VINCENT MEISSNER 26.06.2013
Reutlingens Neuzugang Sven Schimmel macht lieber Musik und studiert. Mit 23 Jahren hat er seine Karriere als Fußball-Profi beim SV Wehen-Wiesbaden beendet und wechselt zum Oberligisten SSV Reutlingen.

Frage: Erst kündigen Sie an, mit Fußballspielen aufzuhören, dann gehen Sie zum SSV Reutlingen.

SVEN SCHIMMEL: Ich möchte ja studieren, wollte aber nicht von jetzt auf gleich ganz mit Fußballspielen aufhören. Es ist hauptsächlich vom Zeitaufwand ein Unterschied. Dass ich künftig nur abends trainiere statt zwei Mal pro Tag und dass die Auswärtsfahrten nicht so weit sind, dass man übernachten muss und so das ganze Wochenende verplant ist. Das war mir wichtig, dass ich das Studium machen kann und mehr Zeit habe. Anders ginge das mit einem Vollzeitstudium nicht.

Sie geben der Musik und dem Studium den Vorrang. Der SSV Reutlingen wird nichts dagegen haben.

SCHIMMEL: Das habe ich mit dem SSV so abgesprochen und jetzt schauen wir mal, ob das klappt. Ich bin 23, und wenn es nicht funktioniert, kann ich immer noch in der Landesliga kicken.

Ist die Oberliga für Sie eine Witzliga, wenn das so neben Musik und Studium geht?

SCHIMMEL: Nein, auf keinen Fall. Es sind nur zwei Ligen Unterschied und ich habe es ja gesehen, wenn wir im Verbandspokal gespielt haben, wie gering der Unterschied sein kann.

Ihr Ausstieg aus dem Profizirkus mit 23 Jahren hat für einigen Medienwirbel gesorgt. Können Sie noch zählen, wie viele größere Interviews Sie in den zurückliegenden Monaten gegeben haben?

SCHIMMEL: (Lacht) Puh, das werden so 15 Stück auf jeden Fall gewesen sein. Das Interesse war zuletzt schon deutlich größer als zuvor.

Können Sie das nachvollziehen?

SCHIMMEL: Am Anfang dachte ich, dass es etwas ganz Normales ist, wenn jemand aufhört mit Fußballspielen. Aber das ist ja anscheinend doch nicht so. Und dann kommt bei mir die Musik dazu. Vielleicht ist es ja doch etwas außergewöhnlich.

Was hat Sie bewogen, Ihre Karriere mit 23 Jahren zu beenden?

SCHIMMEL: Ich habe jetzt fünf Jahre Dritte Liga gespielt und gemerkt, dass es für mich wohl nicht reicht - und ich auch nicht das Glück hatte - noch höher zu spielen. Ich möchte jetzt einfach was anderes machen und mehr Planungssicherheit für die Zukunft haben.

Warum hat es nicht gereicht?

SCHIMMEL: Ich kam damals ja nach Wehen, um in die Zweite Liga aufzusteigen. Aber das haben wir leider nicht geschafft. Davor wars ja so, dass ich beim VfB Stuttgart bei Trainer Markus Babbel ab und zu bei den Profis mittrainiert habe, aber den Sprung ganz in den Kader nicht geschafft habe. Auch aufgrund von mehreren Trainerwechseln.

Haben Sie mit SSV-Trainer Murat Isik schon gesprochen, auf welcher Position er Sie einplant?

SCHIMMEL: Ich habe ihm gesagt, dass ich rechts hinten oder rechtes Mittelfeld spielen kann. Zuletzt war ich immer etwas defensiver. Aber die ganze Jugend über habe ich im rechten oder linken Mittelfeld gespielt. Wir müssen einfach sehen, wie es läuft und wie ich dann auch trainieren kann.

Obwohl Sie aus Oferdingen stammen, haben Sie nie beim SSV gespielt. Was verbinden Sie mit dem Verein?

SCHIMMEL: Ich war früher immer im Stadion, wenn ich Zeit hatte. Mein Opa, mein Großonkel und mein Vater haben alle beim SSV gespielt. Und in der Jugend mit dem SV Rommelsbach haben wir auch oft gegen den SSV gespielt. Das waren immer tolle Spiele.

Sie möchten künftig Medien- und Kommunikationswissenschaft studieren. Ist schon klar, wo?

SCHIMMEL: Nein, die Bewerbungsfrist endet ja erst am 15. Juli. Ich habe mich in Tübingen, Stuttgart und Hohenheim beworben. Irgendwo in der Heimat wirds schon klappen.

Warum dieser Studiengang?

SCHIMMEL: Ich bin musik- und medienverrückt und mich fasziniert zum Beispiel Musik-Journalismus. Ich habe auch ein halbes Jahr ein Praktikum in Wehen in der Pressestelle gemacht. Das hat mir Megaspaß gemacht. Ich könnte mir gut vorstellen, in Richtung Journalismus zu gehen nach dem Studium.

Freuen Sie sich auf das bald beginnende Studentenleben?

SCHIMMEL: Auf jeden Fall. Das ist ein neuer Lebensabschnitt und ich freue mich, meine Freunde mal wieder richtig zu sehen und auch mal Zeit für mich zu haben. Das war seit ich zwölf bin kaum möglich. Ich war auf keiner Klassenfahrt dabei, selbst die Abifahrt habe ich verpasst.

Das klingt ein wenig desillusioniert, was den Traumjob Fußballprofi angeht.

SCHIMMEL: Man muss von Anfang an auf vieles verzichten. Es ist auf jeden Fall ein Traumjob. Wenn man in großen Stadien spielen darf, ist das großartig. Nur gehört eben auch viel Disziplin und Arbeit an sich selbst dazu. Und ich habe jetzt etwas andere gebraucht.

Wonach haben Sie Sehnsucht?

SCHIMMEL: (Überlegt) Einfach mal in den Urlaub fahren mit Freunden. Das ging nie. Wenn die anderen Sommerferien hatten, ging bei mir die Saison-Vorbereitung los.

Sind Sie als Musiker für die Zukunft schon vom Tübinger Sudhaus oder vom Franz K. in Reutlingen gebucht worden?

SCHIMMEL: Nein, aber ich habe neulich im Café Haag in Tübingen und in Reutlingen im Reinweiss und im Kali gespielt.

Nach dem letzten Heimspiel in Wehen, gabs noch ein Abschiedskonzert von Ihnen im VIP-Raum. Bringen Sie zum SSV Ihre Gitarre künftig auch mit?

SCHIMMEL: (Lacht) Das muss ich mal gucken. Ich hatte ja zu den Spielern bisher noch keinen Kontakt.

Woher nimmt ein Fußball-Profi die Inspiration Lieder zu schreiben?

SCHIMMEL: (Lacht) Mit Fußball-Profi hat das nichts zu tun. Wenn mir was einfällt, dann schreibe ich einfach drauf los. Manche schreiben Tagebuch, ich schreibe eben Songs.

Wie hat das mit der Musik bei Ihnen angefangen?

SCHIMMEL: Ich habe schon früher in der Schulband gesungen. In Wiesbaden habe ich dann die Band "Watch This" gegründet. Wir haben zunächst Coversongs gespielt, später habe ich dann auch selbst Lieder geschrieben. Mittlerweile gibts die Band nicht mehr. Mit Gitarrespielen habe ich vor drei Jahren begonnen. Mittlerweile habe ich Gitarren- und Klavier-Unterricht.

Info Seit kurzem befindet sich Sven Schimmel mit seiner Gitarre auf einer zweimonatigen Interrail-Tour durch Europa. Seine Karriere begann er beim SV Rommelsbach, mit zwölf Jahren wechselte er zum VfB Stuttgart. Nach drei Jahren beim VfB II ging er 2011 zum SV Wehen-Wiesbaden. Dort absolvierte er in der vergangenen Saison 32 Spiele in der Dritten Liga.

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