Serie Sport im Blick Jogi trifft Wolfi – ganz kurz

Bundestrainer Joachim Löw ist bestens vernetzt – mit einem auserwählten Kreis. Da kommt nicht jeder rein.
Bundestrainer Joachim Löw ist bestens vernetzt – mit einem auserwählten Kreis. Da kommt nicht jeder rein. © Foto: Eibner
Reutlingen / Wolfgang Seitz 07.02.2018

Man kann schon mal die Deutschlandtrikots herauskramen, gucken ob sie noch passen, eventuell nachrüsten, um dann ab 14. Juni parat zu stehen, wenn die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland steigt. Deutschland ist Titelverteidiger und es gibt  keinen Grund, das Team von Jogi Löw nicht zumindest im Favoritenkreis einzuordnen. Kleinere Kinder, die sich für Fußball interessieren, wissen gar nicht, dass es vor Löw tatsächlich schon andere Bundestrainer gegeben hat, in früheren Jahren in der Trainerkarriere des Schwarzwälders gar nichts darauf hindeutete, dass er einst der „Bundes-Jogi“ werden sollte. Fast wäre er nämlich an der Kreuzeiche gelandet. Zumindest wurde das in dunklen Kanälen des Internets kolportiert. Der Schreiber dieser Zeilen erinnert sich noch genau an eine kurze Begegnung mit Joachim Löw – danach wurde er Bundestrainer. Löw natürlich.

Es muss der 17. August 2001 gewesen sein. Der SSV Reutlingen, damals Zweitligist, hatte das Spiel gegen Greuther Fürth mit 0:1 verloren, mit einem Punkt aus vier Spielen einen veritablen Fehlstart hingelegt. Ursprünglich wollte Trainer Armin Veh mit seinem Team im zweiten Jahr 2. Liga ganz oben vorstellig werden. Da waren zu diesem Zeitpunkt Zweifel angebracht – und deshalb wurde unter der Achalm die Gerüchteküche schon mal eingeheizt.

Treffende Analyse

Da begab es sich, dass nach dem Spiel ein hochqualifiziertes Trio zusammen die Arena verließ: Joachim Löw, der Vertreter einer Sportartikelfirma aus Balingen und eben der SWP-Mann, der freundlich grüßte und prompt in eine kurze Unterhaltung verstrickt war. Das Spiel wurde in wenigen Schritten treffend analysiert, dann trennten sich die Wege, weil man dem zu erwartenden Verkehrschaos entgehen wollte. Dem Schreiber ist dies freilich nur bedingt gelungen.

Am anderen Ende des riesigen Parkplatzes hatte ein SSV-Fan die Begegnung beobachtet und lauerte nun dem einen auf, der sich in seine Richtung bewegte. „Habe ich es doch gewusst, das kommt schon den ganzen Tag im Internet. Ich werde wahnsinnig. Löw ist genau der Richtige für den SSV. Hat er schon zugesagt?“ Hatte er nicht, wie überhaupt von Joachim Löw nicht bekannt wäre, dass er seine Engagements wildfremden Pressevertretern unter die Nase gerieben hätte.

War es aber mehr als ein Gerücht? Komplett ausschließen kann man es nicht. Löws Engagement bei Adanaspor in der Türkei war beendet, jenes beim FC Tirol Innsbruck begann erst im Oktober 2001. Und schließlich hatte man an der Kreuzeiche große Pläne. Die nicht realisiert wurden, das konnte man zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht ahnen.

Das magische Dreieck

Einen Namen als Trainer hatte sich Joachim Löw beim VfB Stuttgart gemacht. „Verein für Ballzauber“ wurde 1996 getitelt. Löw war zuvor schon als Co von Rolf Fringer beteiligt, als die Geometrie im Fußball Einzug hielt. Das magische Dreieck mit Fredi Bobic, Krassimir Balakov und Giovane Elber verzückte die Massen – zumindest jene, deren Herz für die weiß-roten Götter aus Bad Cannstatt schlug. Unter Trainer Joachim Löw, der kurz vor Saisonstart Fringer beerbt hatte, gewann diese wunderbare Mannschaft 1997 den DFB-Pokal, zog ein Jahr später ins Finale des Europapokals der Pokalsieger ein.

Die 0:1-Niederlage gegen den FC Chelsea war sicher nicht ausschlaggebend, dass sich der allmächtige Gerhard Mayer-Vorfelder nach einem Löw-Nachfolger umgesehen hatte. Bis heute kann dies niemand nachvollziehen, noch viel weniger, dass er dann Winfried Schäfer aus dem Hut zauberte. Das ging gar nicht – hat mit der Geschichte aber nichts zu tun.

Zurück zu Jogi Löw, der also nie Reutlingen trainierte, dafür aber über die Umwege Istanbul, Karlsruhe, Adanaspor, Innsbruck und Wien zwischen 2004 und 2006 unter Jürgen Klinsmann Co-Trainer der Nationalmannschaft war, seit 2006 ist er deren Chefcoach. Und man kann nicht sagen, dass er diesen Job schlecht macht.

Gleichwohl man sich manchmal wünschen würde, dass sich das Trio aus dem Jahr 2001 wieder zum kurzen Gedankenaustausch zusammenfinden könnte. Zum Beispiel hätte der SWP-Schreiber dann 2014 nicht ganze Public-Viewing-Veranstaltungen aufmischen müssen mit dem Hinweis, dass doch bitteschön Philipp Lahm gefälligst als Außenverteidiger einzusetzen sei. Notgedrungen, weil sich ein „Ungelernter“ verletzte, musste Löw dem Ansinnen folgen. Die Folge war der WM-Titel – obwohl, das ist eigentlich erstaunlich, Deutschland doch über weite Strecken das Turnier in Unterzahl bestritt, weil der Bundestrainer an seinem Lieblingsspieler festhielt, der zeitweise wie ein Fremdkörper wirkte. Der Name tut nichts zur Sache, im Umfeld des Experten weiß man, wer gemeint ist. Der hätte mit seinem immensen Sachverstand auch bei der Europameisterschaft 2012 helfen können. Per SMS teilte er einem Kollegen mit, warum man das Halbfinale gegen Italien verlieren werde. Vor dem Spiel hat er das gemacht  – angesichts des taktischen Fehlgriffes, sich zu sehr am Gegner auszurichten anstatt das zweifellos vorhandene Können der eigenen Mannschaft mit einer mutigen Aufstellung zum tragen zu bringen.

Und was wird 2018 passieren? Joachim Löw wird seine Arbeit wieder gut machen, wobei sich der Fußball in den vergangenen Jahren verändert hat – zumindest die Sprachreglung. Jetzt werden Zwischenräume bespielt, die Rede ist von falschen Neunern und schwimmenden Zehnern. Die Sechser treten zumeist paarweise auf. Ziel ist es aber immer noch, das Runde ins Eckige zu bringen. Tipp an Jogi: Zu diesem Behufe sollte man richtige Stürmer mitnehmen und nicht jene aufbieten, die vor lauter passen den Abschluss vergessen. Das würde man dem Bundestrainer gerne sagen – der kommt aber nicht mehr an die Kreuzeiche.

Nur der Vollständigkeit halber: Dort sind die tollen Zweitligajahre längst Geschichte: Finanzielle Unregelmäßigkeiten führten zu einem Punktabzug für die Saison 2002/2003, samt Abstieg. Später kam noch eine Insolvenz. Trainer Armin Veh, der im August 2001 zur Disposition stand, ging im Dezember freiwillig. Den größten Erfolg feierte er 2007, als er den VfB Stuttgart zur Meisterschaft führte. Das war im übrigen fast so schön wie der WM-Titel 2014.                       

Steckbrief von Joachim Löw

Löws Stationen als Spieler:
1978–1980 SC Freiburg
1980–1981 VfB Stuttgart
1981–1982 Eintracht Frankfurt
1982–1984 SC Freiburg
1984–1985 Karlsruher SC
1985–1989 SC Freiburg
1989–1992 FC Schaffhausen
1992–1994 FC Winterthur
1994–1995 FC Frauenfeld

Löws Stationen als Trainer:
1994 FC Winterthur Jugend
1994–1995 FC Frauenfeld
1995–1996 VfB Stuttgart (Co-Trainer)
1996–1998 VfB Stuttgart
1998–1999 Fenerbahçe Istanbul
1999–2000 Karlsruher SC
2000–2001 Adanaspor
2001–2002 FC Tirol Innsbruck
2003–2004 FK Austria Wien
2004–2006 Deutschland (Co-Trainer)
2006– Deutschland

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