Wut und Enttäuschung in Reutlingen, nachdem am Montag die Berufung gegen das Urteil des Sportgerichts abgeschmettert wurde und der SSV Reutlingen Fußball am Samstag sein Oberliga-Heimspiel gegen Aufsteiger 1. FC Rielasingen-Arlen vor leeren Rängen austragen muss.

Was zunächst danach aussah, als ob der SSV wegen der Pyrotechnik-Aktionen der Fans des SV Stuttgarter Kickers am 3. November 2019 beim 2:2-Remis an der Kreuzeiche die tragische Rolle eines zu Unrecht Verurteilten und traurigen Verlierers in einem Rechtsstreit einnehmen müsste, könnte im Nachhinein fast schon zu einem Glücksfall für die Schwarz-Rot-Weißen werden.

Bundesweite Solidarität

So irre es sich auch anhört – es könnte sich auf eine gewisse Weise als Glücksfall entpuppen. Eine Welle der Solidarität und Sympathie aus ganz Deutschland ist über den SSV Reutlingen Fußball und seine zu Unrecht ausgesperrten Fans hinübergeschwappt.

Warum? Die Reutlinger Ultras der Szene E riefen im Internet zu einer Spendenaktion über das Bezahlsystem PayPal auf, welche auch auf der  Facebookseite des SSV Reutlingen 05 Fußball zu finden ist.

Bis Dienstag um 19.30 Uhr kam dort bereits die bemerkenswerte Summe von 4220 Euro zusammen.

Verlust könnte gedeckt werden

Theo Faßnacht, Vorsitzender des SSV Reutlingen Fußball, ging von einem Einnahmeverlust von mehr als 10 000 Euro aus. Sollte die Spendenbereitschaft aus allen Teilen der Republik anhalten, könnte diese Summe erreicht oder gar übertroffen werden. Die Prozesskosten spielen eine kleinere Rolle und wären schon mit den aktuellen Einnahmen der Online-Spendenaktion gedeckt.

 Die Ultras der Szene E haben sich für das Geisterspiel, das am kommenden Samstag stattfinden wird, ein Rahmenprogramm im Stadionumfeld überlegt. „Wir treffen uns am gewohnten Standort hinter der Haupttribüne ab 13 Uhr. Als Rahmenprogramm bieten wir eine Übertragung des Livestreams sowie Grillgut und Kaltgetränke zu fairen Preisen an. Dazu werden wir ein speziell zu diesem Anlass produziertes T-Shirt verkaufen. Als Andenken an diesen ungewöhnlichen Tag kann sich jeder Anwesende ein Geisterspielticket bei uns kaufen. Die Erlöse aus Verpflegung, T-Shirt und Tickets kommen unserem SSV zugute, um den entstandenen finanziellen Schaden abzumildern. Darüber hinausgehende Bargeldspenden sind selbstverständlich ebenso gern gesehen“, so der Aufruf aus der Reutlinger Fanszene.

Den Nerv der Fans in ganz Deutschland getroffen

Die SSV-Fans scheinen den Nerv der Fußballfans in ganz Deutschland getroffen zu haben. Überall ist man sauer über die aktuellen Kollektivstrafen und da passt der Fall Reutlingen bestens in Bild. Davon profitieren die Reutlinger gegenwärtig bei ihrer Spendenbitte.

Ein Oberligamatch zwischen dem SSV Reutlingen und dem 1. FC Rielasingen-Arlen hätte ansonsten außerhalb der Region kaum für Aufsehen gesorgt, die erwartete Zuschauerzahl vermutlich auch die 1000er-Marke nicht gekratzt.

Geisterspiel elektrisiert viele

Nachdem nun aber das WFV-Urteil für Empörung von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen sorgte und die Nachricht am Montag und Dienstag über alle mögliche Online-Kanäle, Fan-Websites und Social-Media-Plattformen verbreitet wurde, haben sich Fußballfreunde aus Nah und Fern mit dem fünftklassigen SSV Reutlingen, der ansonsten kaum auf großen nationalen Fußballbühnen wahrgenommen wird, solidarisiert.

Alle kritisieren das Urteil, ärgern sich über den Württembergischen Fußballverband (WFV) und betonen die Wichtigkeit des Zusammenhalts gegen ungerechte Kollektivstrafen.

Im ganzen Land gehen Fans wegen Kollektivstrafen auf die Barrikaden


Der Fall Reutlingen passt ins Bild und kommt zur richtigen Zeit: Die sogenannten Kollektivstrafen – Schließungen eines gesamten Blocks bis hin zu Geisterspielen in leeren Stadien – stehen im Zentrum des Konflikts zwischen Ultras und dem Deutschen Fußball-Bund (DFB). Fans werfen dem Verband nach einer Zwei-Jahres-Sperre gegen Dortmunder BVB-Fans bei Spielen in Sinsheim gegen die TSG Hoffenheim Wortbruch vor. Für Sig Zelt, den Sprecher der Fanorganisation ProFans, ist eine Lösung in dem am Wochenende eskalierten Streit zwischen Fans und dem Deutschen Fußball-Bund recht einfach.  „Ein Weg zur Befriedung wäre, wenn der DFB wirklich die Kollektivstrafe abschafft. Dann wäre die Luft sofort raus“, meint er. Sig Zelt erwarte aber nicht, dass der DFB dies tun werde, fügte er hinzu. Eine entsprechende, zwei Jahre geltende Sperre des Auswärtsblocks im Stadion der TSG Hoffenheim hatte das DFB-Sportgericht jüngst für die Fans von Borussia Dortmund ausgesprochen, weil diese wiederholt das Plakat von Dietmar Hopp im Fadenkreuz zeigten. Damit brach der Verband nach Ansicht einiger Fans sein Wort, solche Strafen nicht mehr verhängen zu wollen. Im August 2017, in einer Hochphase der Auseinandersetzung zwischen Ultras und Verband, hatte der damalige DFB-Präsident Reinhard Grindel erklärt, er wolle dem Kontrollausschuss empfehlen, „bis auf Weiteres darauf zu verzichten, Strafen zu beantragen, die unmittelbare Wirkung auf Fans haben, deren Beteiligung an Verstößen gegen die Stadionordnung nicht nachgewiesen ist.“