Ulm Eine Frau beruhigt wilde Kerle

Ulm / LEOPOLD FREUDEMANN 08.11.2014
Sie reist mit den Fans mit, stellt sich in den Fan-Block und achtet darauf, dass keine Randale entsteht. Die Fan-Beauftragte des SSV Reutlingen, Sabrina Bietz-Pannier, wird am Samstag in Ulm ihren "Mann" stehen.

Südschlager SSV Ulm 1846 gegen SSV Reutlingen. Egal in welchen Spielklassen, diese Partie übt von jeher eine ganz eigene Faszination aus. Bei Fans, Spielern und Funktionären. Emotion pur wird es auch am Samstag im Ulmer Donaustadion geben, dieses Mal in der Oberliga Baden Württemberg, wenn das ewig junge Derby SSV Ulm 1846 gegen den SSV Reutlingen ansteht (Anpfiff 14.30 Uhr).

Ziemlich genau drei Jahre lang hat es diese Begegnung in einem Punktspiel nicht mehr gegeben. Nun treffen der Sechste und der Neunte wieder aufeinander. In dieser dreijährigen Pause dürften sich die Gemüter wohl kaum abgekühlt haben, in dieser Partie liegen einfach zu viele Emotionen drin.

Da passt es ins Bild, dass der SSV Ulm 1846, die Polizei Ulm und die Bundespolizeiinspektion Stuttgart in einem offenen Brief an die Reutlinger Adresse um "einen spannenden und friedlichen Fußball-Nachmittag" bitten. "Wir appellieren an ihre Fairness, an ihren Sportgeist und an ihre Bereitschaft, mit der nötigen Gelassenheit zu einer rein sportlichen Begegnung beizutragen," heißt es weiter. Pyrotechnik mitzuführen und einzusetzen sei verboten. Es werde strenge Kontrollen geben.

In allen möglichen Szenarien heißt es nun für Sabrina Bietz-Pannier, kühlen Kopf zu bewahren. Seit sieben Jahren ist sie zusammen mit ihrem Mann Fan-Beauftragte des SSV Reutlingen, seit vier Jahren in alleiniger Regie. Ehrenamtlich versteht sich, denn erst ab der zweiten Bundesliga sind Fan-Beauftragte hauptberuflich notwendig.

Ihr Aufgabengebiet umfasst vor allem eines: Sie soll die Gemüter beruhigen, verhindern, dass Fan-Gruppen aufeinandertreffen und Gewalt entsteht. Da wird ein gehörige Portion Mut verlangt. Mit dieser Eigenschaft scheint die 33-Jährige, die in Leonberg wohnt und den SSV Reutlingen zu allen Spielen begleitet, ausgerüstet zu sein. Schon beim VfB Stuttgart hat sie in einer Partie gegen den FC Schalke 04 als Praktikantin mitgewirkt, half mit, die Lage zu entschärfen. Diese und andere Erfahrungen will sie nun in die samstägliche Begegnung mitnehmen und dazu beitragen, dass ein sogenanntes "Kurvengespräch" zustande kommt, in einem separaten Raum in der Halbzeit zusammen mit Vereinsvertretern, Sicherheitsbeauftragten und der Polizei. Die Stimmung in den Blocks soll analysiert und auf mögliche Gefahren aufmerksam gemacht werden. "Ich halte das für wichtig, es ist ein Schritt, um deeskalierend eingreifen zu können. Ich werde mich auf jeden Fall dafür einsetzen, dass dieses Gespräch im Donaustadion zustande kommt." Die Stimmungslage soll aktuell erörtert werden, sagt sie.

Bereits im Vorfeld sollen Reutlinger und Ulmer Fangruppen strikt auseinandergehalten werden. Das gilt für die Anreise und im Stadion. Auf dem Weg zum Stadion werden die Reutlinger Anhänger mit Shuttle-Bussen direkt an das entsprechende Einlass-Tor im Donaustadion gebracht. Fußmärsche in Begleitung der Polizei, wie es früher schon vorkam, gibt es nicht mehr. Und, Stand gestern, ein Zug wird rollen - trotz Streik.

Im Stadion selber sind beide Fan-Gruppen in verschiedenen Blöcken untergebracht. "Ich stelle mich schon in absolute Nähe der Reutlinger Fans, so wie in den Heimspielen bei uns zu Hause im Kreuzeichestadion zur Szene E." Dann ist sie hellwach, beobachtet die Szene genau und schreitet ein, wenn es zu Eskalationen kommt. Und wenn Worte nicht ausreichen, wird schon mal an der Jacke gezupft und beschwichtigt.

In laufendem Kontakt ist die gelernte Altenpflegerin dabei mit dem Reutlinger Peter Kappler, der seit Jahren Sicherheitsbeauftragter der Achalmstädter ist. Kappler hat bereits im Vorfeld als Teilnehmer eines Sichtungsgespräches in Ulm mit Verantwortlichen der Stadt, Polizei und den Ulmer Fußball-Verantwortlichen eine Lagebesprechung abgehalten und wichtige Tipps bekommen, aber auch aus Reutlinger Sicht weitergegeben. Übrigens: Auch Vereinsvorstände des SSV Ulm 1846 suchten gestern die Katakomben des Kreuzeichestadions auf.

Verlassen kann sich Sabrina Bietz-Pannier aber auch auf den Ulmer Fan-Beauftragten Stefan Abbing, der seit geraumer Zeit die Spiele der "Spatzen" besucht und eben eingreift, wenn Bedarf ist. Beide stehen ebenfalls in engem Kontakt und tauschen sich aus.

"Wir alle hoffen, dass es auf dem Spielfeld und rund ums Stadion ruhig bleibt. Wir haben von Reutlinger Seite aus alles getan, damit das Spiel reibungslos über die Bühne geht", so Bietz-Pannier. Mit Vertretern der Szene E sei mehrfach gesprochen und zugesagt worden, keine Pyrotechnik zum Einsatz zu bringen. "Uns wurde von den Fans zugetragen, dass es einen ruhigen Fußball-Nachmittag ohne Stress geben soll", so die in Leonberg wohnende Bietz-Pannier abschließend. Eine absolute Gewähr, dass sie nicht ihren "Mann" stehen muss, hat sie allerdings nicht.

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